Geheime Konzerte

Wie die "Toten Hosen" die Stasi austricksten

Die Punkrock-Band gab heimlich Konzerte im Osten Berlins. Die Behörde hatte schon mit dem Namen der Gruppe Probleme.

Wertvoll ist eine Information nur, wenn sie einigermaßen genau ist – und rechtzeitig kommt. Was ein Spitzel der Stasi-Hauptabteilung XVIII/7 Mitte Juni 1984 seinem Führungsoffizier berichtete, war weder das eine noch das andere: Laut dem IM hatte „die unter dem Namen ,Punker-Dörte' bekannte Stoma-Schwester im Arbeitskollektiv“ erzählt, „dass ein illegales Punk-Konzert mit den ,Toten Hosen' aus West-Berlin im Juni“ geplant sei. „Angeblich soll dieses Konzert von der Kirche geplant und vorbereitet sein.“ Mehr konnte der Leiter des eigentlich für die Überwachung des DDR-Außenhandels zuständigen Stasi-Referats seinen Kollegen bei der „Auswertungs- und Kontrollgruppe“ der Hauptabteilung XX nicht mitteilen. Offenbar hatte „Punker-Dörte“ von der Zahnheilkunde einer Ost-Berliner Klinik keine weiteren Details ausgeplaudert. Verhindern konnten Erich Mielkes Mannen den Auftritt deshalb nicht.

Einreise "über ein Touristik-Visum"

Das Stasi-Dokument über die „Toten Hosen“ gehört zu einem Konvolut von Unterlagen, das die Stasiunterlagen-Behörde (BStU) jetzt auf Antrag der „Bild“-Zeitung freigegeben hat. Die 19 Blatt ergänzen einiges weitere Material, das bereits bekannt war. Laut dem „Tote-Hosen“-Sänger Campino interessiert sich die Band selbst wenig dafür: „Die Sache ist ja eh Vergangenheit.“ Dabei werfen die Akten ein bezeichnendes Licht auf die Bemühungen der Stasi, Kontrolle über die unangepasste Jugendszene zu gewinnen. Denn die „Toten Hosen“, die mancher Bürokrat irrtümlich auch „Tote Hose“ nannte, blieben auch nach 1984 unter Beobachtung.

Knapp vier Jahre nach dem geheimen Konzert, das offenbar auch nicht das erste war, bekam diesmal die Hauptabteilung II, zuständig für Spionageabwehr, beunruhigende Informationen zugespielt – diesmal sogar mit einem Tag Vorlauf: „Inoffiziell wurde durch Abschöpfung bekannt, dass am 9. April 1988 von 14 bis 19 Uhr in der Pankower Kirche … die Rockgruppe ,Tote Hosen' aus Berlin (West) auftreten soll.“ Die Abwehrspezialisten vermuteten, dass die Bandmitglieder „über ein Touristik-Visum“ einreisen wollten. Der Auftritt sei im Hof der Kirche geplant. Mit gewissem Stolz vermeldeten die Stasi-Offiziere, was sie noch „erarbeitet“ hatten: Die meisten Instrumente und die Verstärkeranlage werde von der Ost-Berliner Band „Die Vision“ gestellt.

Soldat brachte Gitarre nach Pankow

Da allerdings einer der Gitarristen Linkshänder sei und eine spezielle Gitarre benötige, werde dieses Instrument „über ein MVM-Fahrzeug in die DDR“ transportiert. Hinter der Abkürzung verbargen sich die Militärverbindungsmissionen der West-Alliierten in der DDR, die bei der Ein- und Ausreise nicht kontrolliert werden durften. Diese Information war übrigens exakt: Tatsächlich hat ein britischer Soldat die Gitarre nach Berlin-Pankow gebracht, wie Campino 2009 in einem Interview der Zeitung „Die Welt“ berichtete.

Da der ungenehmigte Auftritt im Hof des Gemeindehauses der Hoffnungskirche stattfinden sollte, konnte die Stasi ihn in der Situation des Jahres 1988 trotz rechtzeitiger Information nicht unterbinden. Aber natürlich schickte sie einen Spitzel vorbei. Sein Bericht vom 11. April 1988 umschrieb das Punk-Konzert als „kirchliche Veranstaltung mit musikalischer Untermalung“.

Ein weiteres Konzert im Jahr 1988

Die Stasi kümmerte sich mit großem Aufwand um die Überwachung des „Hosen“-Auftritts. Zivilstreifen und Funkstreifenwagen der Volkspolizei wurden schon ab 15 Uhr „im weiten Umfeld“ der Kirche eingesetzt. Die für den Grenzverkehr zuständige Abteilung VI teilte mit, dass um 10.25 Uhr 16 West-Berliner an der Friedrichstraße eingereist seien, die als Ziel die Hoffnungskirche angegeben hätten: „Die Personen führten keine relevanten Gegenstände (Musikinstrumente) mit“, so der Bericht. Weil die Lautstärke beträchtlich war, forderten einige Anwohner „mit massiven Eingaben“ an die Volkspolizei, das Konzert zu unterbinden. Der Stasi-Offizier vor Ort wies seine uniformierten Kollegen an, den Beschwerdeführer zu empfehlen, sich direkt an den Pfarrer zu wenden. So konnte Druck auf die Kirche aufgebaut werden, ohne dass die Staatsmacht in Erscheinung trat.

Nach knapp einer Stunde beendeten die „Toten Hosen“ dem Stasi-Bericht zufolge ihren Auftritt in der DDR; um 17.50 Uhr waren noch etwa 50 Personen auf dem Hof. Von ungefähr 20 Zuhörer stellte die Stasi aufgrund von Autokennzeichen, vor allem aber durch Inoffizielle Mitarbeiter im Publikum die Personalien fest; sie wurden im Stasi-Bericht genau vermerkt. Ob das negative Folgen für die Betroffenen hatte, verraten die jetzt freigegebenen Akten allerdings nicht.