In Berlin gefasst

Kanadischer Pornodarsteller unter Kannibalismus-Verdacht

| Lesedauer: 6 Minuten
Uta Keseling

Foto: Steffen Pletl

Der "Schlächter von Montreal" stellte schon vorher grausame Videos ins Netz. Die kanadische Polizei verdächtigt ihn des Kannibalismus.

Am Ende schwieg er, der Mann mit den 1000 Gesichtern und noch mehr Spuren, die er hinterließ. Der Kanadier Luka Rocco Magnotta, 29 Jahre alt: Nach einer Flucht von Kanada über Frankreich nahm ihn die Berliner Polizei am Montag in Neukölln fest. Unter dem dringenden Verdacht, in Montreal einen chinesischen Studenten mit einem Eispickel getötet und zerstückelt zu haben. Teile der Leiche soll Magnotta an verschiedene kanadische Parteien verschickt und ein Video der Tat ins Internet gestellt haben.

Magnotta habe sich zu der Tat nicht geäußert, sagte ein Sprecher der Polizei. Er habe aber der Auslieferung an sein Heimatland nicht widersprochen, was das Auslieferungsverfahren beschleunige, sagte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. In Kanada gibt es die Todesstrafe seit 1962 nicht mehr.

Vorbild „American Psycho“

Magnotta wird sich wegen einer grausamen Tat rechtfertigen müssen. Wer ist der Mann, den die Medien „Schlächter von Montreal“ tauften oder auch „Canadian Psycho“ nach dem Film „American Psycho“, in dem ein New Yorker Yuppie nachts zum Serienmörder wird? Im Kinofilm ist unklar, ob die Gewaltexzesse nur in der Fantasie des Täters existieren. Magnotta hat, so scheint es jetzt, jeden Zweifel von vornherein ausgeräumt. Nicht nur, dass er die Tat filmte, angeblich hat er sie im Internet indirekt angekündigt. Bei der Festnahme soll er den Polizisten gesagt haben: „O.k., you got me“ („O.k., ihr habt mich“). Gefasst wurde Magnotta in einem Internetcafé – ausgerechnet. Denn das Internet war die Bühne, die er für sich auswählte. Sowohl, um sich dort als androgyner „Boy“ zu zeigen, als auch für seine grausamen Taten.

Luka Rocco Magnotta – der italienisch klingende Name ist eine Erfindung. Geboren wurde der 29-Jährige als Eric Clinton Newman. Die erste Namensänderung ließ er noch behördlich beurkunden, so die Internetzeitung „Huffíngton Post“, später trat er auch als „Vladimir Romanov“ auf oder „Mattia del Santo“. Künstler- oder Decknamen? Magnotta arbeitete zeitweise als Pornodarsteller, soll sich als „Angel“ prostituiert haben.

Ebenso oft wie die Namen änderte er sein Äußeres, trug Make-up, unterschiedliche Haarfarben, ließ sich operieren. Magnotta soll zu seinem Opfer eine sexuelle Beziehung gehabt haben. Auch das Video der Mordtat, so die „Huffington Post“, enthalte sexuelle Handlungen des Täters. Das Video soll inzwischen nicht mehr im Netz sein.

Nach der Tat in der Nacht vom 24. zum 25. Mai flüchtete Magnotta aus Kanada nach Paris, wo er von mehreren Zeugen gesehen wurde. Seit vergangenem Donnerstag wurde international nach ihm gefahndet. Hätte er nicht früher gestoppt werden können? Schon Ende vergangenen Jahres hatten Reporter der britischen Boulevardzeitung „Sun“ Magnotta im Visier.

Er hatte brutale Tiervideos ins Netz gestellt, auf denen er Katzen quälte und tötete. Den Reportern, die Magnotta persönlich getroffen haben wollen, soll dieser zudem eine E-Mail geschickt haben: „Wenn man einmal angefangen hat zu töten und Blut zu schmecken, ist es unmöglich, damit wieder aufzuhören.“ Die britischen Behörden sollen den Hinwiesen jedoch nicht nachgegangen sein. Zudem wird in Kanada wegen weiterer Taten gegen Magnotta ermittelt.

Videoaufnahmen von dem Mord zeigen nach Angaben der kanadischen Polizei, wie der Verdächtige Körperteile verspeist. Der Kannibalismusvorwurf sei noch nicht endgültig bestätigt, sagte der Polizeichef von Montreal, Ian Lafreniere, am Dienstag, fügte aber hinzu: „So eklig und drastisch es klingt, Ja, es ist auf dem Video zu sehen.“ Auf einer Kopie des Videos, die der Nachrichtenagentur AP vorlag, war allerdings nicht detailliert zu sehen, wie jemand die Leichenteile isst, sondern lediglich ein Mann, der sich mit einem Messer und einer Gabel an der Leiche zu schaffen macht.

„Neue Dimension“

International sind Profiler nun damit beschäftigt, das Motiv des Täters zu entschlüsseln – nicht zuletzt auf Nachfrage der Medien, deren Interesse riesig ist. Der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité in Berlin, Michael Tsokos, sieht den Fall als einzigartig an. Zumindest er selbst kenne eine solche Tat aus Deutschland bisher nicht. Zwar hatte vor einiger Zeit der Fall eines Tätowierers in Berlin Schlagzeilen gemacht, der Leichenteile seines Opfers an unterschiedlichen Orten in Berlin deponiert hatte. „Diesem Mann ging es aber nur darum, die Leiche zu beseitigen“, sagt Tsokos. Magnotta dagegen hatte Teile seines Opfers an die Büros verschiedener kanadischer Parteien geschickt, was, so Tsokos, darauf hindeute, „dass der Täter mit seiner Tat Aufmerksamkeit erregen und schockieren wollte“.

Der Eispickel als Mordwaffe, meint Experte Tsokos, sei als Mordwaffe eher in Ländern verbreitet, in denen Wassereis als Block verarbeitet werde. Er könne zufällig in die Hände des Täters geraten sein, aber auch eine sexuelle Bedeutung haben. „Jeder kennt diese Tatwaffe aus dem Film ,Basic Instinct'.“ Der Film mit Sharon Stone in der Hauptrolle hatte vor 20 Jahren allerdings vor allem wegen seiner erotischen Szenen Erfolg – Luka Magnotta war damals neun, und seine sexuellen Interessen liegen offenbar eher beim eigenen Geschlecht.

Neu an diesem Fall, so Tsokos, sei vor allem, dass Magnotta seine Tat im Internet zumindest indirekt angekündigt und das Tatvideo ins Netz gestellt hatte. „Vielleicht stehen wir am Anfang einer neuen Dimension von Morden, die im Internet angekündigt werden. Bisher kannten wir so etwas nur von im Internet angekündigten Suiziden.“

( mit dapd )

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