Schüsse an Schule

Amokalarm - Memminger Schütze kommt vor Haftrichter

| Lesedauer: 5 Minuten

Ein 14-Jähriger wurde nach Schüssen in seiner Schule in Memmingen festgenommen. Der Unterricht wurde am Mittwochmorgen wieder aufgenommen.

War ein Streit unter Schülern der Auslöser? Ein 14-Jähriger hantiert am Mittag in seiner Schule im bayerischen Memmingen mit zwei Waffen. Ein Schuss löst sich. Glücklicherweise wird niemand verletzt, doch der Schüler gibt erst am Abend nach weiteren Schüssen und nervenaufreibenden Verhandlungen mit der Polizei auf. Er hat zwei scharfe Waffen bei sich, mit denen er sich stundenlang auf einem Sportplatz verschanzt. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass der 14-Jährige mehrfach geschossen habe, „aber nicht gezielt auf Polizisten“. Wie Augenzeugen berichteten, fielen 20 Schüsse, Polizisten verschanzten sich hinter einem Holzstapel. Der Jugendliche habe sich eine Waffe an den Kopf gehalten. Nach seiner Festnahme kümmert sich ein Notarzt um ihn.

Am heutigen Mittwoch soll er einem Haftrichter vorgeführt werden. Der Jugendliche befinde sich derzeit in einem geschlossenen Bereich einer jugendpsychiatrischen Klinik in Bayern, sagte ein Polizeisprecher am Morgen.

Woher hatte der Schüler die Waffe?

Das Motiv für die Tat bleibt zunächst völlig im Dunkeln. Auch woher der Jugendliche die Waffen hatte, kann die Polizei zunächst nicht sagen. „Wir ermitteln jetzt im Umfeld des Jungen, bei Freunden und der Familie“, sagt ein Sprecher. Der Bayerische Rundfunk berichtet, die Waffen stammten vom Vater des 14-Jährigen. Der Polizeisprecher bestätigt dies zunächst nicht. Am Abend ist der Vater bei den Beamten im Einsatzraum. Ob er mit dem Jungen sprechen und ihn beruhigen konnte, sagt der Polizeisprecher nicht.

Nach Angaben der Polizei hatten am Mittag drei Schüler den Jugendlichen am Eingang der Schule mit zwei Waffen hantieren sehen und einen Schuss gehört. Laut ersten Aussagen von Schülern gab es zuvor einen Streit zwischen dem Achtklässler und Mitschülern.

In großen Gruppen stehen Schaulustige und Nachbarn am Abend vor der Lindenschule, einer Grund- und Hauptschule. Der 15-jährige Dennis berichtet, kurz vor Unterrichtsende sei die erste Durchsage gekommen: „Keiner soll das Klassenzimmer verlassen.“ Etwa 280 Schüler sind zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude. Wenig später dann die zweite Durchsage: Türen abschließen. Der Neuntklässler Dennis sagt: „Dann sind wir alle ans Fenster gelaufen und haben mehrere Polizisten mit Schutzwesten gesehen.“ Hubschrauber kreisen über dem Gebäude. Innerhalb weniger Minuten war das Stadtviertel hinter dem Memminger Bahnhof mit Einsatzfahrzeugen abgeriegelt. Während die Schüler mit ihren Lehrern in den Klassen in Deckung gingen, begann für die Polizei eine fieberhafte Suche nach dem mutmaßlichen Schützen.

Was eigentlich los ist, weiß erstmal keiner. Einige Mitschüler hätten dann mit ihren Handys via Facebook erfahren, was passiert ist. Danach sitzen sie zwei Stunden lang im Klassenzimmer fest. „Das war schon eine komische Situation. Manche hatten Angst. Ein paar mussten dringend aufs Klo“, sagt Dennis. „In meiner Klasse haben alle geweint, wir hatten alle Angst“, erzählt der zwölfjährige Mehmet aus der fünften Klasse.

Psychologen betreuen Kinder

Später werden die Schüler aus den Klassenzimmern geholt. Ein Spezialeinsatzkommando hat inzwischen die gesamte Schule durchsucht - den 14-Jährigen aber nicht gefunden. Die Schüler werden von Helfern und Psychologen betreut. Auch die Eltern litten unter der Ungewissheit und fürchteten um das Leben ihrer Kinder. Viele warteten auf einem Supermarkt-Parkplatz ungeduldig auf neue Nachrichten. Um 15.55 Uhr lief eine verzweifelte Frau auf die Absperrung vor der Schule zu und schrie: „Wo ist mein Sohn?“. Dann brach sie mit einem Kreislauf-Kollaps zusammen. Am Nachmittag endlich wurden die Schüler der Lindenschule mit Bussen zum Parkplatz gebracht, und die Eltern – einige von ihnen von Weinkrämpfen geschüttelt – konnten ihre Kinder endlich in den Arm nehmen.

Wie Polizeisprecher Thorsten Ritter sagt, suchte unterdessen ein Großaufgebot von Beamten, Hubschraubern und Diensthunden im Großraum Memmingen nach dem Jungen. Erst gegen 17.30 Uhr wird er auf einem Sportplatz entdeckt – und erneut müssen sich andere vor ihm in Sicherheit bringen: Eine Gruppe von 15 Kindern und Erwachsenen harrt im Sportheim aus, solange der Jugendliche bewaffnet auf dem Gelände ist. Verlassen können sie das Sportheim erst, als der 14-Jährige aufgibt.

Viele Memminger haben zunächst an der Schule und dann am Sportplatz gewartet. Sie sind fassungslos. Auch den kleinen Mehmet zieht es nach Schulschluss nochmals an den Ort des Geschehens. Er holt sein Fahrrad ab. Denn mitnehmen durften die Kinder nichts. Auch die Schultaschen blieben in den Klassenzimmern.

Einen Tag nach dem Amokalarm an einer Schule im schwäbischen Memmingen ist der Unterricht dort am Mittwochmorgen wieder aufgenommen worden. Der Unterrichtsbetrieb laufe normal, sagte eine Mitarbeiterin des Sekretariats auf Anfrage. Unklar war zunächst, ob alle Eltern ihre Kinder nach dem traumatischen Vorfall vom Vortag in die Schule geschickt hatten. Dazu gebe es keine Auskunft, hieß es.

( dpa/dapd/nbo )

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