Nach der Havarie

Riskante Bergung der Costa Concordia beginnt

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Sabine Dobel

Foto: REUTERS

Seit Monaten liegt das Wrack der Costa Concordia vor der Giglio. Jetzt wird es geborgen. Kapitän Schettino sorgt erneut für Schlagzeilen.

Die Bewohner auf Giglio haben sich schon an das Bild gewöhnt. Seit Monaten liegt die „Costa Concordia“ in Schräglage vor ihrer Insel. Nun soll es also losgehen mit der Bergung des riesigen Schiffswracks. Nächste Woche Dienstag oder Mittwoch machen sich die Experten an die Arbeit.

Es ist eine einzigartige Aktion in der Geschichte der Schifffahrt und eine „riesige Herausforderung“, wie Repräsentanten der Reederei Costa Crociere, der US-Firma Titan Salvage und des italienischen Unternehmens Micoperi betonen. „Es ist eine Sache, die noch nie versucht wurde, ein Schiff dieser Größe und dieses Gewichts aus einer solchen Position zu heben“, sagt Costa-Crociere-Generaldirektor Gianni Onorato.

Auch wenn die Arbeiten nun starten – so schnell wird der Koloss vor Giglio nicht verschwinden. Die Bergung soll ein ganzes Jahr dauern und etwa 460 Millionen Euro kosten.

Wochenlang haben die Ingenieure geplant und gerechnet. Zuerst wollen Experten unter dem Rumpf bei Unterwasserarbeiten ein Stahlgerüst installieren. Rund 60 Pfähle sollen die Plattform stützen. Dabei sollen Umweltbehörden mitwirken, damit möglichst wenig von der sensiblen Vegetation am Meeresboden zerstört wird.

Wrack droht abzurutschen

Bis spätestens Ende August soll das Schiff verankert sein. „Wir können nicht den Winter abwarten, ohne dass das Schiff gesichert ist“, sagt der Chef des Zivilschutzes in Italien, Franco Gabrielli. Denn wenn das 290 Meter lange Schiff doch noch abrutscht und in die Tiefe gleitet, dürfte eine Bergung kaum noch möglich ein.

Der nächste Schritt dürfte – neben dem Abschleppen – der schwierigste sein: Das Schiff soll mit Kränen aufgerichtet werden. Container an der oben liegenden Seite des Schiffes sollen langsam mit Wasser gefüllt werden und so ein Gegengewicht bilden. Das Risiko ist, dass das Schiff aus dem Gleichgewicht gerät. Gelingt alles, sollen die Container mit Luft gefüllt werden und dem Schiff Auftrieb geben, um es in einen Hafen zu schleppen. Dort soll es dann zerlegt werden.

Wohin genau die „Costa“ gebracht wird, ist noch unklar. Der mindestens 50 Meter lange Riss an der Seite des Kreuzers, der bei der Kollision mit einem Felsen am 13. Januar entstanden war, soll geschlossen werden.

Die „Costa Concordia“ war damals zu nahe an Giglio herangefahren und mit mehr als 4200 Menschen an Bord gekentert, nur 500 Meter vom Hafen der Insel entfernt. Die Rettung lief chaotisch, Kapitän Francesco Schettino soll das Schiff einfach verlassen haben. 32 Menschen starben, darunter zwölf Deutsche. Zwei Opfer werden noch vermisst. Gabrielli versichert: „Wir werden weiter versuchen, die traurige Suche nach den Leichen zu Ende zu bringen.“

Wichtig bei der Bergung ist der Schutz der Umwelt. Auch muss Rücksicht auf den Tourismus genommen werden, von dem die Inselbewohner leben. „Ziel ist, dass keine Spur zurückbleibt“, verspricht Silvio Bartolotti von Micoperi. Nach der Bergung werde der Meeresboden gesäubert und die Vegetation wiederhergestellt. Es solle keine größeren Auswirkungen auf den Ferienbetrieb haben, versichert Costa Crociere.

Kapitän Schettino wird Filmstar

Einige Menschen auf Giglio erwarten die Aktion mit Gleichmut. „Wir haben uns schon an das Schiff gewöhnt“, sagt ein Mitarbeiter der Gemeinde. Der Sprecher der Gemeinde Cristiano Pellegrini meint jedoch, die Bewohner wollten ihre Insel gerne wieder ohne Wrack haben. „Die Menschen wollen, dass das Schiff so schnell wie möglich wegkommt.“ Ob die Bergung Urlauber abschreckt, ist offen. Bisher sei zwar die Zahl der Buchungen etwas niedriger als sonst. In anderen Feriengebieten sehe es aber nicht anders aus – Grund sei die wirtschaftliche Krise.

Kapitän Schettino steht noch immer unter Hausarrest in seinem Heimatort Meta di Sorrento nahe Neapel. Er wartet auf seinen Prozess.

Just zum Beginn der Bergung kommt in Italien am 15. Juni nach Medienberichten ein Film in die Kinos, bei dem Schettino schon vor dem Unglück mitgewirkt hatte. Damals hat er offenbar eine sehr gute Figur gemacht. Als Berater für die französische Komödie „Bienvenue à Bord“ an Bord eines Kreuzfahrtschiffes soll Schettino eine Routenänderung als zu riskant abgelehnt haben, die das Filmteam gerne gehabt hätte.

( dpa/mim )

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