"Engel mit Eisaugen"

Fall Amanda Knox - Vater des Mordopfers schreibt Buch

John Kercher, Vater der getöteten Studentin Meredith, hat ein Buch geschrieben. Er sucht die Wahrheit. Genauso wie die vermeintliche Täterin Amanda Knox.

Vier Jahre hat sie im Gefängnis gesessen, dann wurde Amanda Knox so spektakulär freigesprochen, wie sie verurteilt wurde. Die Amerikanerin, bekannt als der „Engel mit den Eisaugen“, sollte 2007 in Italien die britische Studentin Meredith Kercher ermordet haben, die Polizei arbeitete damals nicht sauber genug, es wird immer noch ermittelt. Dafür hat der Kampf um die Deutungshoheit begonnen. John Kercher, Vater der Ermordeten, hat ein Buch geschrieben, das jetzt in den Handel kommt. Und auch Knox und ihr damals mitangeklagter ehemaliger Freund schreiben an einem Buch.

Die britische Boulevardzeitung „Daily Mail“ druckt seit Tagen Teile aus „Meredith: Der Mord an unserer Tochter und die herzzerreißende Suche nach der Wahrheit“. Kercher beschreibt darin die schreckliche Entdeckung, die die Polizei am 1. November 2007 in einem Appartement in der italienischen Stadt Perugia machte, wo seine Tochter mit Amanda Knox und deren Freund Raffaele Sollecito studierte: „Auf sie (die Polizei) wartete ein fürchterlicher Anblick: Blut an den Wänden und auf dem Boden, einer von Merediths Füßen, der unter einer Decke hervorschaute. Die Leiterin der Mordkommission, war geschockt von den Wunden, insbesondere dem brutalen Schnitt durch die Kehle. Nur wenige Wochen vor ihrem Tod hatte Kercher seine Tochter in London getroffen, wo sie Winterkleidung besorgen wollte – und von ihrer fast verzweifelten Suche nach einer dickeren Decke berichtete. Die Decke, die sie damals kaufte, war die, unter der die Ermittler ihre Leiche fanden.

Rasch nach dem Mord an der 21-Jährigen gerieten die Ermittlungen der italienischen Polizei in die Kritik, Gutachter wiesen ihr 54 Ermittlungsfehler nach. John Kercher reiste im Sommer 2009 mit seiner Ex-Frau und seiner zweiten Tochter Stephanie zum Prozess nach Perugia. „Als wir dort saßen, gab es große Diskussionen – wie Meredith gestorben war, welches Messer benutzt worden war, in welcher Position sie bei ihrem Tod war, ob sie sich gegen ihren Angreifer gewehrt hatte oder nicht. Es war unglaublich hart, dieser Schilderung der letzten Momente im Leben von Meredith zuzuhören.“

Geschrieben wie ein Kriminalroman

Dem Vater des Mordopfers setzte dem Buch zufolge vor allem die öffentliche Debatte über Amanda Knox in den USA zu. „Die Art und Weise, mit der Knox in ihrer Zeit im Gefängnis einen Fastberühmtheitsstatus erlangte, regte mich mehr und mehr auf“, schreibt Merediths Vater. Kercher, ein ehemaliger Journalist, kritisiert auch die Medien für die Stilisierung von Knox. „Die Medien haben sich während des gesamten Prozesses fast nur auf Amanda Knox konzentriert. Es scheint, als sei Meredith einfach vergessen worden.“ Kerchers Sprache ist an vielen Stellen emotional, er springt vom Präsens in die Vergangenheit und zurück. Die Schilderung der Todesnachricht gleicht der in einem Kriminalroman – nur dass es sich hier um die Realität, nicht um Fiktion handelt.

Es ist nicht nur die Geschichte eines trauernden Vaters, sondern auch die eines bis heute ungeklärten Mordes. Während Knox inzwischen Hauptfigur eines Kinofilms – „Der Engel mit den Eisaugen“ – ist und an ihrer Version der Geschichte schreibt, sucht die italienische Justiz weiter nach dem oder den Schuldigen. War es Rudy Guede, der Afrikaner, dessen DNA auf und in Meredith Kercher gefunden wurde und der wegen sexuellen Missbrauchs und Mordes zu zunächst 30, später 16 Jahren Haft verurteilt wurde? Das Buch von Amanda Knox soll im Herbst von Harper Collins verlegt werden, Berichten zufolge erhält die Amerikanerin über vier Millionen Dollar (drei Millionen Euro) für die Memoiren. Mehr als 20 Verleger hatten um sie geworben.

Über zwei Jahre vergingen, bis das Gericht in Perugia über die Berufung entschied – Jahre, in denen der „Tunnel der Trauer“ für Kercher und seine Familie immer länger wurde. Während seine Ex-Frau und Tochter erneut nach Perugia reisten, blieb Kercher zu Hause und sah sich einen Livestream der Berufungsverhandlung an, in der Küche, mit Freunden. „Es kam der richtige Paukenschlag“, schreibt Kercher. „Ich saß Hunderte von Meilen entfernt, mit offenem Mund. Es war atemberaubend zu hören, dass sie (Knox und Sollecito) von jeder Schuld an Merediths Tod freigesprochen wurden.“

Wer das hübsche braunhaarige Mädchen, das seit dem Kleinkindalter Ballett tanzte, ermordet hatte, rückte in den Hintergrund, als Knox 2011 triumphierend in ihr Heimatland zurückkehrte. „Die Welt sorgte sich um Gerechtigkeit für Knox und Sollecito. Wer sorgte sich um Gerechtigkeit für die arme Meredith?“, fragt ihr Vater. Derzeit läuft die Berufung der Staatsanwaltschaft, der Oberste Kassationsgerichtshof in Rom wird sich bald des Falles annehmen. Der Vater sucht weiter nach der Wahrheit, obwohl er weiß, dass er lange – vielleicht sogar für immer – darauf warten muss zu erfahren, wer in der Nacht zum 1. November 2007 seine „geliebte Meredith“ ermordete.

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