Prozess in Oslo

Breivik "inspirierte" sich mit al-Qaida-Attentaten

Der norwegische Amokläufer Anders Breivik wollte ein "al-Qaida für Christen" gründen. Für seine Taten "entmenschlichte" er sich über Jahre.

Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hat sich vor seinen Bluttaten von Oslo und Utöya mit mehr als 600 Anleitungen zum Bombenbau und mit den Anschlägen von al-Qaida befasst. "Ich habe jede ihrer Aktionen studiert, das, was sie falsch gemacht und was sie richtig gemacht haben", sagte er am Freitag vor Gericht über das islamistische Terrornetzwerk. Vor allem habe er sich über den Bombenanschlag auf das Word Trade Center 1993 informiert.

Al-Qaida bezeichnete Breivik als "die erfolgreichste Revolutionsbewegung der Welt" und als Inspirationsquelle für rechtsextreme Militante – auch wenn deren Ziele unterschiedlich seien. "Wir wollen eine europäische Version von Al-Qaida schaffen", erklärte er.

Die Organisation sei so erfolgreich, weil sie "Märtyrer" (Selbstmordattentäter) einsetze. Das Problem mit militanten Islamisten sei aber, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten. Dennoch habe er die Organisation mehrere hundert Stunden lang im Internet und über Filme studiert und eine Art "al-Qaida für Christen" schaffen wollen.

Als Informationsquelle nannte Breivik zudem das Bombenattentat von Oklahoma City von 1995, das vom regierungsfeindlichen US-Bürger Timothy McVeigh verübt wurde.

Breivik hat zugegeben, am 22. Juli vergangenen Jahres bei einem Bombenanschlag in Oslo acht Menschen getötet und auf der Insel Utöya 69 Menschen erschossen zu haben. Allerdings hält er sich nicht im juristischen Sinne für schuldig, sondern wähnt sich auf einem Feldzug gegen den Multikulturalismus.

Taten als barbarisch bezeichnet

Seine völlige Reuelosigkeit und die emotionslose, faktenorientierte Darstellung seiner Taten stellen vor allem die Familien seiner Opfer vor eine große Belastungsprobe. Von seinen Verteidigern am Freitag darauf angesprochen, antwortete Breivik, er bediene sich der technischen Ausdrucksweise absichtlich, um Haltung zu bewahren. "Das sind grausame Taten, barbarische Taten", sagte der 33-Jährige. "Wenn ich versucht hätte, eine normalere Sprache zu gebrauchen, würde ich wohl überhaupt nicht mehr sprechen können." Bis 2006 sei er ein normaler Mensch gewesen. Danach habe er sich über mehrere Jahre "entmenschlicht".

Breivik sagte, er sei sich voll bewusst, unfassbares Leid ausgelöst zu haben. Er habe das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört, erklärte er ruhig und ohne Reue vor Gericht.

Auf die Frage eines Opferanwalts, warum er keinerlei Mitleid für seine Opfer zeige, erklärte Breivik: "Ich kann den mentalen Schutzschild ablegen, wenn ich will, aber ich mache es nicht, weil ich sonst nicht überleben würde." Dabei verglich er sich mit einem japanischen Banzai-Kämpfer zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig kritisierte er norwegische Männer. Zu viele von ihnen seien "feminisiert, kochten und zeigten Gefühle", sagte der Rechtsextremist.

"Ich bin zurechnungsfähig"

Breivik hält sich für voll schuldfähig. "Diese Sache ist einfach: Ich bin zurechnungsfähig", sagte er am Freitag vor Gericht. Er sei schockiert gewesen, als er das erste psychiatrische Gutachten gelesen habe, das ihm paranoide Schizophrenie bescheinigte. Es sei schwer zu begreifen, dass jemand so extrem und fundamentalistisch sein könne, gab er zu. "Es ist leicht zu denken, das ist Wahnsinn. Aber es gibt einen Unterschied zwischen politischer Gewalt und Wahnsinn im medizinischen Sinne." Ein zweites Gutachten hatte Breivik kurz vor Prozessbeginn für schuldfähig erklärt.

Breivik ist wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes angeklagt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm die Höchststrafe von 21 Jahren Haft. Die Freiheitsstrafe könnte verlängert werden, wenn er nach Ende seiner Haftzeit weiterhin als Gefahr für die öffentliche Sicherheit eingestuft wird. Sollte das Gericht dem Gutachten folgen, in dem der Angeklagte als psychisch krank beurteilt wird, dürfte Breivik in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden.

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