Prozess in Oslo

Breivik: "Ich weiß, dass es grausam war"

Der Massenmörder Anders Breivik heuchelt Mitgefühl. Und bezieht sich auf die Neonazi-Morde in Deutschland.

Foto: AFP

Beinahe 75 Minuten darf Anders Behring Breivik sich äußern. Er schwadroniert über kulturelle Marxisten und indoktrinierte Journalisten und das vermeintliche Recht auf nationale Selbstverteidigung, als eine einfache Frage die Blase platzen lässt: „Wer hat Ihnen eigentlich das Recht auf Selbstverteidigung gegeben?“ Es ist Staatsanwältin Inga Bejer Engh, die versucht, die Luft aus Breiviks schwülstigen Thesen zu lassen an diesem zweiten Prozesstag gegen den geständigen Massenmörder. „Wo haben Sie das Recht her, Norwegen zu verteidigen?“ bohrt die Staatsanwältin – und dringt so zur Kernfrage des Verfahrens vor: Was oder wer trieb Breivik zu seinem Amoklauf? Eine zum Wahn entwickelte Idee oder eine Art Auftrag, von wem auch immer?

Am zweiten Prozesstag verliest der Angeklagte eine vorbereitete Aussage. Richterin Wenche Elizabeth Arntzen gibt ihm eine halbe Stunde, Breivik besteht darauf, das gesamte 13-seitige Dokument zu verlesen – selbstgerecht und voller Verachtung für seine Opfer. Nur ab und an unterbricht ihn die Richterin. Erneut bezeichnet sich Breivik als „Repräsentant der norwegischen Widerstandsbewegung“, der „ziemlich viele Norweger angehören“ würden. Seine Tat sei „der spektakulärste politische Angriff eines Nationalisten seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Breivik – und er würde es wieder tun.

Der Angeklagte beklagt sich über das Bild, das die Medien über ihn zeichnen. Sie beschrieben ihn als Verlierer, Psychopathen, nicht integriert ins Arbeitsleben, ein Mamasöhnchen, das erst mit 32 Jahren ausgezogen und verrückt sei. Das sei, so Breivik, durchaus verständlich, die Journalisten wüssten es nicht besser: „Sie sind alle links orientiert und kulturell-marxistisch indoktriniert“, behauptet Breivik. Das Verfahren sei „Propaganda, nahe an einer Komödie“. Der einzige, der ab und zu lächelt, ist er selbst.

Breivik, der behauptet Norwegen werde in einen „multikulturellen Staat transformiert“, wittert überall Feinde. Muslime bezeichnet er als „unintegrierbar“, weil der Islam den Kontinent übernehmen wolle und jeder, der das nicht so sehe, sei ein „Dekonstrukteur der Nation“. Der Angeklagte spricht, als freue er sich, dass endlich jemand seinen Tiraden zuhört.

Und dann wabert dieses schreckliche Gefühl durch den Raum: Dass Bano Rashid, Gunnar Linaker, Ismail Haji Ahmed und die anderen 74 Opfer in Oslo und auf Utøya sterben mussten, weil Breivik eine Bühne brauchte. Weil er der ganzen Welt seinen vergorenen Gedankenbrei servieren will, übertragen von Hunderten Journalisten in Laptops gehackt und in Zeitungen und Webseiten gesetzt. Breivik weiß, dass sein Handeln und seine Ideen nie gebilligt werden würden, er nimmt in seinem Größenwahn keine Rücksicht darauf.

Und so müssen sich die Journalisten und Hinterbliebene im Saal 250 Sätze anhören wie: „Es war eine kleine Barbarei, um eine große Barbarei zu stoppen.“ Bei der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der AUF, handele es sich um eine Art „Hitlerjugend“, die Insel Utøya fungiere als „marxistisches Indoktrinierungslager“. Da greift Arntzen ein: „Sie haben angekündigt, sich im Ton mäßigen zu wollen. Werden Sie das jetzt tun?“ Breivik verspricht es.

Sein geschlossenes Weltbild bringt der richterliche Einspruch nicht ins Wanken. Munter zitiert er den Wirtschaftstheoretiker John Stuart Mill oder den Indianerhäuptling Sitting Bull, mischt ein Zitat des US-Staatstheoretikers Thomas Jefferson in seine Argumentation, als stützten die die Legitimität seines „Widerstandskampfes“. Jefferson als Kronzeuge für Breivik – genauso gut könnte er behaupten, auch der Dalai Lama setze sich für seinen bewaffneten Kampf ein.

Breivik spricht vom „norwegischen Ur-Volk“, das das Land „seit 12.000 Jahren besiedele“ und lobt die Taten der rechtsextremen deutschen Terrorzelle NSU, die zehn Menschen ermordete. „Heroisch“ sei das gewesen, sagt Breivik. So etwas imponiere ihm, daher habe er auch Anleihen bei der Terror-Taktik der al-Qaida genommen, gibt er an. Er sei nur eine von angeblich drei Ein-Mann-Zellen seines „Tempelritterordens“. Mit den Islamisten, die er vorgibt, zu bekämpfen, eint ihn jedenfalls der Hass auf die Moderne, die postindustrielle westliche Gesellschaft.

Es sind typische faschistische Ideologie-Merkmale, die bei Breivik sichtbar werden. Der Hass auf eine gesellschaftliche Gruppe, bei der er jeden einzelnen für den angeblichen Untergang der herrschenden Gesellschaftsordnung verantwortlich macht und das unbedingte Eintreten für ein „Handeln“, was in diesem Falle töten und vernichten meint.

Muss man das alles schreiben, senden, verbreiten? Adrian Pracon (22) überlebte das Massaker Utøya, er gehört zu den letzten die Breivik verletzte. Ein Schuss ging durch seine Schulter, Breivik verfehlte seinen Kopf. Der AUF-Funktionär Pracon sagt der Zeitung „Verdens Gang“: „Seine Einstellungen zur multikulturellen Gesellschaft sind extrem, aber mit Offenheit bekommt die Demokratie mehr Macht, um seine Ansichten besser zu bekämpfen.“

Verrückt oder verblendet?

Ist der Attentäter nun verrückt oder verblendet? „Er zeigt viele klassische Zeichen, die auf eine extremistische Ideologie hindeuten, wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben und auf ein sehr geringes Wissen schließen lassen“, sagt Thomas Hylland Eriksen, Sozialforscher der Universität Oslo. Bücher habe er kaum gelesen, gibt Breivik an, das meiste habe er der englischen Ausgabe des Internet-Lexikons Wikipedia entnommen. Mehr als 15.000 Stunden will er gelesen und gelernt haben.

Und dann wird die Phase der Propaganda jäh unterbrochen, bläst das Gericht den Gestank seiner Aussage weg. Dann nimmt ihn die Staatsanwältin auseinander. „Wer hat den Auftrag gegeben?“ fragt Engh. „Sie oder jemand anders?“

Breivik erzählt etwas von „Menschenrechten“, die er wahrgenommen habe. Er ahnt die Falle, in die sie ihn locken will: Ein Auftrag, den „eine höhere Macht“ erteilt hätte, das klingt nach paranoidem Verfolgungswahn. Dass er sich selbst zum Retter der Nation und Herren über Leben und Tod erkoren hat, ist allerdings auch schwer zu vermitteln – am Ende könnte dies bedeuten, dass er wegen seines Geisteszustandes für unzurechnungsfähig erklärt würde. Das möchte der Massenmörder unbedingt vermeiden.

Seine Verantwortung? „Ich habe entschieden zu handeln, da spreche ich nicht von Verantwortung. Ich bin ein militanter Nationalist“, sagt Breivik. Aber: „Ich weiß, dass es grausam war, dass ich unbeschreibliches Leid zugefügt habe.“ Verblüfft fragt die Staatsanwältin, warum er sich nun entschieden habe, sich zu mäßigen. Die Antwort: „Wenn ich die Wahrheit sage, werde ich ja für verrückt erklärt.“