Prozess in Oslo

Die schmerzhafte Aussage des Massenmörders Breivik

75 Minuten breitet der norwegische Attentäter Breivik sein wirres Weltbild aus. Er nutzt den Gerichtssaal in Oslo als Bühne.

Foto: REUTERS

Maximale Aufmerksamkeit für seine Ideologie – das bezeichnete der geständige norwegische Attentäter Anders Behring Breivik in einem Manifest bereits vor dem Massenmord im vergangenen Sommer als übergeordnetes Ziel.

Spätestens mit Beginn des Prozesses wegen der Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya scheint der bekennende Rechtsextremist dieses Ziel erreicht zu haben. Etwa 800 Journalisten aus aller Welt folgen dem Geschehen vor Gericht.

Die Angehörigen der Opfer zeigten sich empört über das Auftreten Breiviks. „Ich denke es ist wichtig zu unterstreichen, dass wir Breivik in dieser Angelegenheit nicht als Politiker sehen“, sagte Trond Henry Blattmann, dessen 17-jähriger Sohn auf Utöya getötet worden war, vor dem Gerichtssaal. „Er ist ein Massenmörder.“

„Er ist ganz offensichtlich zufrieden, dass er seine Sicht der Dinge darstellen kann, und dass so ein großes Interesse am Fall besteht“, sagt Breiviks Anwalt Geir Lippestad. Es sei „grausam aber notwendig“ gewesen, sagte der Angeklagte am Dienstag über die Tötung von 77 Menschen. Er habe „aus Güte, nicht aus Boshaftigkeit“ gehandelt, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, und „würde es wieder tun“.

Anwalt Lippestad zeigt Verständnis für Kritik von Angehörigen der Opfer, dass sein Mandant die Anklagebank als Kanzel nutzen dürfe. Auf der anderen Seite sei es im norwegischen Rechtssystem garantiert und zudem ein grundlegendes Menschenrecht, sich verteidigen zu dürfen.

Der Prozess beschere Breivik alles, wovon er geträumt habe, kritisierte dagegen die norwegische Journalistin Asne Seierstad vor Beginn der Verhandlungen. „Alles scheint perfekt nach seinem Plan zu verlaufen: eine Bühne, eine Kanzel, eine gebannte, in die Tasten hauende und Stifte schwingende Zuhörerschaft“, schrieb Seierstand in einem Artikel für das US-Magazin „Newsweek“ und die schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“. „Sind wir bloß Marionetten, oder tun wir das, was recht und notwendig ist?“

Das norwegische Fernsehen sei sehr darum bemüht, eine Balance zwischen nötiger Offenheit und Unbefangenheit sowie der Rücksicht auf die Familien der Opfer zu finden, sagt Hans-Tore Bjerkaas, Leiter des staatlichen Senders NRK. So werde bei den besonders brutalen Schilderungen Breiviks vor Gericht der Ton ausgeblendet, auch sei ein im Gerichtssaal gezeigtes Propaganda-Video des 33-Jährigen nicht ausgestrahlt worden.

Angehörige der Opfer hatten sich am Dienstag über den langen Vortrag beschwert und den Angeklagten über ihre Anwälte aufgefordert, seine Stellungnahme abzukürzen. Breivik las mit ruhiger Stimme eine auf 13 Seiten vorbereitete Rede vor – eine Mischung aus Selbstrechtfertigung und wirren politischen Statements.

Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages hatte das Gericht einen Laienrichter für befangen erklärt, der einen Tag nach den Anschlägen im vergangenen Jahr im sozialen Netzwerk Facebook die Meinung vertreten hatte: „Die Todesstrafe ist das einzig Gerechte in diesem Fall!“. An seine Stelle wurde ein Ersatzschöffe berufen.