Doppelmord

Krailling-Prozess - Thomas S. sieht sich als Opfer

Der Prozess gegen Thomas S. steht vor dem Ende. Der 51-Jährige soll seine beiden Nichten brutal niedergemetzelt haben. Reue zeigt er keine.

Einen Mörder sehen. Spüren, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Das ist es, was die Menschen im Sitzungssaal des Münchner Schwurgerichts seit Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling ausharren lässt. Jedem normalen Menschen wird diese Tat, das Niedermetzeln zweier Kinder, der achtjährigen Chiara und der elfjährigen Sharon, das Herz zerreißen. Es ist ein Albtraum, vor dem man sich in Sicherheit bringen will.

Sogar das Gericht zeigte im Verfahren gegen den 51-jährigen Thomas S., einen Onkel der Mädchen, Nerven. Die 1. Strafkammer am Landgericht München II, die seit Januar verhandelt, ließ Ende März in einer ruppig formulierten Presseerklärung erahnen, dass sie mit ihrer Geduld am Ende ist.. „Die noch nicht erledigten Beweisanträge wurden am 27. März durch Beschluss zurückgewiesen“, heißt es in der knappen Notiz. „Wenn möglich, soll daher in den neu anberaumten Terminen am 16. und 17. April die Beweisaufnahme geschlossen und mit den Schlussvorträgen begonnen werden.“

Zuvor hatte der Angeklagte alle Erwartungen, er werde vielleicht doch gestehen, ins Leere laufen lassen. Es ist nicht die Tatsache, dass dieses Geständnis nicht kommt, die diesen Prozess so unerträglich macht. Es ist die Beharrlichkeit des Thomas S., der Verdacht, dass ausgerechnet der mutmaßliche Täter sich hier amüsiert. Thomas S. soll seine schlafenden Opfer mitten in der Nacht in ihrer Wohnung in Krailling bei München überfallen und getötet haben. Die Mädchen wurden erwürgt, erschlagen und erstochen. Als während der Verhandlung Bilder vom Tatort gezeigt wurden, verließen einige Zuhörer schockiert den Saal.

Der Angeklagte spielt sein Spiel

Thomas S. dagegen schaute sich die Bilder an und zeigte keine Gefühle. Es war der erste Prozesstag. Der Angeklagte spielte bereits sein Spiel. Er werde erst mal gar nichts sagen, „später vielleicht“, antwortete S., auf die Frage, ob er sich zur Tat äußern wolle. Die Spannung, mit der man im Saal der kaum noch erwarteten Erklärung des mutmaßlichen Doppelmörders entgegenfieberte, kippte schnell – von Fassungslosigkeit in Entsetzen.

Der Angeklagte stellte klar: „Ich habe meine Nichten nicht getötet. So etwas macht man nicht. Man tötet keine Menschen. Ich lebe gut 50 Jahre und habe in meinem Leben noch niemandem ernsthaft Leid zugefügt.“ Dann fing er an, die ermittelnden Beamten lächerlich zu machen. Verletzungen an Nase und Händen, die ihm die Mädchen im Todeskampf beigebracht haben könnten, seien vom polizeilichen Erkennungsdienst unmittelbar nach seiner Festnahme nicht festgestellt worden. Fürs gerichtsmedizinische Gutachten habe man ihm den angeblichen Wundschorf nachträglich mit schwarzem Filzstift aufgemalt: „Mein Tipp fürs nächste Mal“, höhnt Thomas S.: „Schorf ist braun.“ Schlampig ermittelt habe auch der Staatsanwalt. Die Anklage geht davon aus, dass S. dringend Geld brauchte. Der Postbote aus Peißenberg habe sich beim Hausbau übernommen, es drohte die Zwangsversteigerung. S., seine Frau und die vier Kinder hätten ihr Zuhause verloren. Um das zu verhindern, habe S. sich entschlossen, die beiden Mädchen und auch seine Schwägerin zu töten – er habe geglaubt, dass er dann, über seine Ehefrau Ursula, an das Erbe von Anette S. gelangen würde. Eine Milchmädchenrechnung, wie sie wirklich nur ein komplett ahnungsloser Staatsanwalt aufstellen kann, sagt Thomas S.: Der Tod der Mädchen hätte wegen der testamentarischen Erbregelung in der Familie seiner Ehefrau und Schwägerin nur 3,50 Euro im Monat gebracht. Dafür würde niemand zwei Kinder töten: „Die ganze Anklage ergibt keinen Sinn.“ Möglicherweise sei ja auch alles ein Komplott. Zum Beispiel, dass es am Tatort – „angeblich“ – so viele Blutspuren von ihm gibt: Man habe ihm, sagte S., im Gefängnis Blut abgenommen, die Ampulle sei nie mehr aufgetaucht. Auf Nachfragen des Gerichts, ob er damit sagen wolle, die Ermittler hätten den Tatort manipuliert, machte S. einen Teilrückzieher („keine Ahnung“). Es ging ihm darum, sich zum Opfer zu stilisieren.

Das passt ins Psychogramm des Thomas S., den Gerichtsgutachter Henning Saß als „egozentriert“ beschreibt. Die Indizienlage im Prozess spricht klar gegen Thomas S. – es gibt Fingerabdrücke von ihm am Tatort, eine Blutspur in der Küche, Spuren seiner DNA an den Opfern. Aber er beharrt darauf, unschuldig zu sein. Er habe ihr Briefe aus der U-Haft geschickt, in denen er sich in geheimnisvollen Andeutungen erging, erinnerte sich seine Ex-Frau im „Stern“, Danach habe ein „Mr. X“ die Tat verübt: „Er hat mir alles genau beschrieben, wie der das machen konnte und dass es sowieso zwei Täter gewesen wären.“

S. drohen mehr als 15 Jahre Haft

Psychologen kennen dieses Phänomen, sie sehen darin eher eine Schutzbehauptung. Der Täter verdränge die Tat, „spaltet“ diesen Teil der Realität einfach ab. Selbst dass er sich im Prozess in zum Teil völlig unsinnige Aussagen verstricke, sei für Thomas S. leichter zu ertragen als sich mit dem Verbrechen zu befassen, so der Kriminalpsychologe Christian Lüdke.

Die lange Schatten des Verbrechens werden Thomas S. noch lange verfolgen. Und nicht nur ihn. Bei einem Schuldspruch käme er wohl auf keinen Fall nach 15 Jahren frei. Doch auch die Menschen, deren Leben er zerstörte, werden zeitlebens Gefangene ihrer traumatischen Erfahrungen bleiben.