Energiekonzern Total

Experten befürchten eine Gasexplosion in der Nordsee

Die Lage auf der Total-Bohrinsel "Elgin" ist ernst: Die Ursache des Gaslecks bleibt unklar und eine Versiegelung würde Monate dauern.

Das Gasleck auf der Nordsee-Bohrinsel Elgin des französischen Ölkonzerns Total entwickelt sich zum Streitfall zwischen Umweltschützern und dem Plattformbetreiber. Während Organisationen wie Greenpeace bereits vor einer Katastrophe warnen, spielt Total die Gefahren herunter. Gestritten wird über die nach wie vor brennende Gasfackel der evakuierten Förderinsel. Die Umweltschützer befürchten, dass es zur Explosion kommt, wenn das noch immer ungehindert austretende Gas mit der Fackel in Berührung kommt. Ein Sprecher von Total wiegelte jedoch ab und erklärte, dass die Winde das Gas von der Fackel wegwehen. Und für die kommenden Tage sei keine Änderung vorhergesagt. Man beobachte die Situation aber sehr genau.

Erdgas ist 20mal schädlicher als CO2

Meldungen, dass in dem ausströmenden Gas auch Schwefelwasserstoff enthalten sei, bezeichnete er als falsch. Bisher deute nichts auf signifikante Auswirkungen auf die Umwelt hin. Das allerdings sehen Umweltschutzorganisationen anders. Wenn über Monate hinweg Methangas austreten sollte, hätte das natürlich Auswirkungen auf den Klimawandel, erklärte Anne Valette von Greenpeace Frankreich. Die Umweltschutzorganisation schickte am Mittwoch einen Hubschrauber in die Unglückszone, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Erdgas beziehungsweise Methan ist um den Faktor 20 klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid (CO*), auf das sich die Klimapolitik vorrangig konzentriert. Allerdings wird Methan in der Atmosphäre auch deutlich schneller abgebaut als CO2, sagte ein Sprecher des Meeresforschungszentrum Geomar in Kiel.

Total brachte inzwischen sechs Überwachungsschiffe in Stellung und engagierte Spezialfirmen zur Bekämpfung des Gaslecks. Die Krisenstäbe des Konzerns in Aberdeen, Paris und Pau suchen derweil noch immer nach den Ursachen des Lecks – und den Möglichkeiten, den Gasaustritt zu stoppen. Bis eine Lösung gefunden wird, könnten noch mehrere Tage vergehen, hieß es. In Frage kommen eine Schlamminjektion, um das Leck zu stopfen oder eine Entlastungsbohrung. Die allerdings kann bis zu sechs Monate dauern.

Am Mittwoch war die Plattform noch immer von einer Gaswolke umgeben. Gleichzeitig soll sich auf dem Wasser ein Ölfilm von etwa sechs Seemeilen oder umgerechnet rund elf Kilometern ausgebreitet haben. Die britischen Behörden errichteten wegen der Explosionsgefahr eine Sperrzone. So dürfen Schiffe nicht näher als zwei Seemeilen (3,7 Kilometer) an die Bohrinsel heranfahren. Flugzeuge und Hubschrauber müssen einen Abstand von drei Seemeilen (5,5 Kilometer) halten. „Wir haben alle den Unfall im Golf von Mexiko im Kopf“, sagen Mitarbeiter des Konzerns. Dort hatte 2010 die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon des britischen BP-Konzerns zu einer riesigen Umweltkatastrophe geführt.

Total-Aktie bricht ein

Für Total ist das Gasleck die schwerste Krise seit dem Untergang des Tankers Erika, der 1999 zur größten Ölkatastrophe Frankreichs führte. Nur zwei Jahre später geriet Total erneut in die Negativschlagzeilen, als eine zum Konzern gehörige Düngemittelfabrik in Toulouse explodierte und 31 Personen getötet wurden. An der Börse brach die Total-Aktie wegen des Gaslecks in den vergangenen Tagen ein. Der im französischen Leitindex CAC 40 notierte Ölkonzern verlor innerhalb von eineinhalb Tagen rund 8,8 Milliarden Euro an Börsenwert. Und damit nicht genug, denn nach Ansicht von CM-CIC Securities-Experte Jean-Luc Romain dürfte Total durch den Produktionsstopp der Förderinsel pro Tag Einnahmeverluste in Höhe von schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Dollar (7,5 Millionen bis 11,2 Millionen Euro) haben. Sollte die Zerstörung der Förderinsel erforderlich sein, könnte das zwei bis vier Milliarden Dollar kosten. Zudem könnten Zahlungen für Umweltschäden hinzukommen. Wie hoch diese sein werden, ist nicht abzusehen.

Total ist seit 1962 in Großbritannien aktiv. Die Nordsee ist für den französischen Konzern eine strategisch wichtige Region, in die er im Gegensatz zu seinen Konkurrenten weiterhin investiert. Die 2001 in Betrieb genommene Bohrinsel Elgin, auf der nun das Gas austritt, befindet sich 240 Kilometer östlich von Aberdeen. Die technischen Herausforderungen dort sind außergewöhnlich. Aus 5600 Metern Tiefe holen die Arbeiter Erdgas heraus und das bei Temperaturen von 200 Grad Celsius und einem Druck von 1100 bar. Die Plattform selbst wiegt mit 40.000 Tonnen vier Mal so viel wie der Eiffelturm in Paris. Sie funktioniert wie eine Miniraffinerie, in der Gas und Öl getrennt und verarbeitet werden, bevor sie durch Pipelines nach Großbritannien fließen.

Der französische Ölkonzern hat seine Beteiligung an den beiden Förderfeldern Elgin und Franklin, bei denen die betroffene Plattform liegt, erst im Dezember von 35,8 auf 46,2 Prozent erhöht und dafür dem französischen Versorger GDF Suez seine Beteiligung abgekauft. Zu den weiteren Aktionären gehören der italienische Versorger ENI, BG aus Großbritannien, E.on aus Deutschland sowie Exxon Mobil und Texaco aus den USA.

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