Nordsee

Giftiges Gas - Konzerne evakuieren Bohrinseln

Sperrzone vor Schottland: Giftiges Gas strömt aus einem Leck, die Ölkonzerne Total und Shell ziehen ihre Arbeiter ab.

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Gasleck-Probleme in der Nordsee

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Nach der Evakuierung einer Gas- und Ölförderplattform vor der schottischen Küste wächst die Sorge vor einer Umweltkatastrophe. An der Bohrinsel „Elgin“ des Betreibers Total strömte auch am Dienstag nach offiziellen Angaben unkontrolliert giftiges, hochexplosives Gas aus. An der Wasseroberfläche breitete sich ein Ölfilm aus. Die Behörden richteten eine Sperrzone um die Bohrinsel ein, die etwa 240 Kilometer von der Stadt Aberdeen entfernt liegt. Umweltaktivisten sprachen von einem „Bohrloch der Hölle“. Wie die britische Küstenwache mitteilte, müssen Schiffe mindestens zwei Seemeilen (3,7 Kilometer) Abstand zur Plattform Elgin PUQ vor der schottischen Ostküste halten, Flugzeuge mindestens drei Seemeilen. Flugzeuge, die tiefer als 1200 Meter fliegen, dürfen nicht näher als drei Meilen (rund 4,8 Kilometer) an die Bohrinsel herankommen. Damit ist der Einsatz von Hubschraubern praktisch unmöglich.

Es könnte bis zu sechs Monate dauern

Nach Einschätzungen von Total traten bis Dienstagmorgen innerhalb von 48 Stunden 23 Tonnen Gas aus. Der Austritt halte weiter an, räumte der Konzern ein. Ein Total-Vertreter erklärte zudem, dass es bis zu sechs Monate dauern könne, bis das Problem gelöst sei.

Nachdem Total am Montag alle 238 Arbeiter von der Plattform in Sicherheit gebracht hatte, zog auch Shell vorsichtshalber dutzende Arbeiter von der nahe gelegenen Shearwater-Plattform und der Bohrinsel Noble Hans Deul ab. Total kappte zudem die Energiezufuhr zu der Plattform, um das Explosionsrisiko zu verringern.

Das Gasleck an der Plattform Elgin PUQ war am Sonntag entdeckt worden. Nach Angaben von Total handelt es sich um den schwersten Zwischenfall in der Nordsee für den französischen Energiekonzern seit einem Jahrzehnt. Experten aus aller Welt würden eingeflogen, um das Leck zu stoppen. Eine Möglichkeit sei, ein Entlastungsloch zu bohren, allerdings wäre dies sehr zeitaufwändig.

Gaswolke über der Bohrplattform

Berichten zufolge steht eine Gaswolke über der Plattform, die ein Risiko für Explosionen und Vergiftung darstelle. Auf dem Meer bildete sich Gaskondensat. Total hält nach eigenen Angaben ein Flugzeug in Bereitschaft, das Chemikalien zum Auflösen des Kondensats versprühen kann. Allerdings werde davon ausgegangen, dass es von selbst verdunsten werde und „keine große Gefahr für die Umwelt“ darstelle. Ein Aufklärungsflugzeug flog am Montag über die Unglücksstelle, für Dienstag waren weitere Flüge geplant.

Der WWF erklärte, der Unfall sei „ein weiterer Beweis für die Unbeherrschbarkeit von Bohrungen in großer Meerestiefe“. Bei einem langanhaltenden Gasaustritt könnten „Todeszonen“ in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen. Die Organisation forderte ein Moratorium für Bohrungen in großer Tiefe sowie strengere Auflagen und höhere Sicherheitsvorkehrungen für die Betreiber von Öl- und Gasplattformen.

Britische Behörden sehen keine Gefahr für die Öffentlichkeit

Der britische Umweltminister Charles Hendry bescheinigte dem Konzern und den Behörden ein gutes Krisenmanagement. „Bislang sind alle Vorschriften eingehalten und die richtigen Schritte eingeleitet worden“, sagte Hendry. Es seien keine größeren Mengen Öl in die Umwelt gelangt. Der Ölfilm auf der Meeresoberfläche sei kleiner als ein Olympia-Schwimmbecken. Dennoch nehme die Regierung die Lage ernst.

Für die Öffentlichkeit an Land besteht nach Angaben der Behörden keine unmittelbare Gefahr. Das ausströmende Gas enthalte aber giftigen Schwefelwasserstoff, weshalb Personen direkt am Leck gefährdet seien. Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb Total die Plattform bereits am Sonntag evakuieren ließ. Nach Angaben der Behörden wird sich das nach faulen Eiern riechende Gas mit der Zeit in die Atmosphäre verflüchtigen.

Konzern fliegt Spezialisten ein

Die norwegische Umweltgruppe Bellona sprach von einem Horrorszenario. „Das Problem ist außer Kontrolle geraten“, sagte Bellona-Chef Frederic Hauge. Bevor die Arbeiter auf der Plattform in Sicherheit gebracht worden seien, hätten sie sich 14 Stunden um eine Eindämmung des Problems bemüht. Auch Greenpeace zeigte sich alarmiert und kritisierte die britische Regierung, die die Ausbeutung von besonders tief gelegenen Rohstoffvorkommen in der Nordsee mit speziellen Anreizen noch gefördert habe. Das Gasfeld von „Elgin“ liegt etwa 6000 Meter unter dem Meeresboden.

Total flog nach eigenen Angaben 10 bis 20 Spezialisten ein und heuerte den Dienstleister Wild Well Control an, der auch bei der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko zum Einsatz kam. Total erklärte, der Konzern halte sich alle Optionen offen, darunter auch eine Entlastungsbohrung, was aber rund sechs Monate dauern dürfte. Die andere Alternative sei das „Kill“-Verfahren mittels einer gezielten Explosion, was aber deutlich riskanter wäre. An der „Elgin“-Plattform förderte Total täglich neun Millionen Kubikmeter Gas, was drei Prozent der britischen Gesamtfördermenge von Erdgas entspricht. Zudem wurden an der Bohrinsel täglich 60.000 Barrel Leichtöl gewonnen, was rund 5,5 Prozent der britischen Gesamtfördermenge von Erdöl entspricht. Nach der Evakuierung der Plattform zog der Gaspreis an.

Total-Aktier verliert an der Börse

An der Pariser Börse verlor die Total-Aktie sechs Prozent und war damit der mit Abstand größte Verlierer im Pariser Leitindex CAC40 sowie im EuroStoxx50. Der Kurssturz vernichtete mehr als fünf Milliarden Euro an Marktkapitalisierung von Total und drückte die Titel auf ein Zweieinhalb-Monatstief. „Das ruft böse Erinnerungen an die Ölkatastrophe von BP im Golf von Mexiko 2010 hervor“, sagte ein Händler in Paris. Der weitere Fortgang der Geschehnisse in der Nordsee sei schwer absehbar, deshalb werde die Aktie im Zweifel lieber verkauft.