Krailling

„Ich habe meine Nichten nicht getötet“

Im Prozess um den brutalen Doppelmord von Krailling bricht Thomas S. sein Schweigen – um alle Schuld an der Tat von sich zu weisen.

Foto: DPA

Es ist die Art zu sprechen, das unvermutet Jungenhafte – nicht herrisch oder barsch, sondern fast sanft –, das nicht zu Thomas S. passt: dem prügelnden Vater, der Zeugen zufolge seine Kinder im Winter auch mal im Unterhemd auf die Straße geschickt haben soll.

Dem gewissenlosen Ehemann, der, ebenfalls vor Zeugen, auf die Witwen- und Waisenrente seiner krebskranken Ehefrau spekuliert, um die Kosten des gemeinsamen Hausbaus zu decken. Dem mutmaßlichen Mörder seiner Nichten Sharon und Chiara, zweier Kinder im Alter von elf und acht Jahren, die er in der Nacht zum 24. März 2011 in einem Münchner Vorort erwürgt, erstochen und erschlagen haben soll.

Das Bild, das man vom Angeklagten im Kraillinger Mordprozess bislang hatte, hatte etwas Monströses. Gerichtspsychiater Henning Saß beschrieb ihn als „empathiearm und gefühlskalt“.

An diesem Dienstagnachmittag aber zeigt sich Thomas S. von einer anderen, verletzlichen Seite. Es ist das erste Mal in diesem Verfahren, dass er etwas sagt. Und er haspelt sich hinein in das, was er loswerden will, was an ihm nagt – so sehr, dass er sein Schweigen nun, in einem Moment, in dem die Beweisaufnahme scheinbar an ihr Ende gekommen ist, doch noch bricht.

Der plötzliche Sinneswandel überrascht das Münchner Schwurgericht

„Nachdem ich fast ein Jahr verhaftet bin, möchte ich zu den bisher gemachten Aussagen Stellung nehmen“, sagt er – und im vollen Münchner Schwurgericht ist es absolut still. „Ich möchte klarstellen, ich habe meine Nichten nicht getötet“, fügt S. später hinzu. Der plötzliche Sinneswandel kam überraschend. Er werde „jetzt nichts“ sagen, „vielleicht später“ hatte Thomas S. am 17. Januar, zum Prozessauftakt, über seinen Verteidiger Adam Ahmed mitteilen lassen.

Daran hielt er sich. Zwölf Verhandlungstage lang, an denen S. dem Prozessgeschehen und der Beweisaufnahme scheinbar gleichgültig folgte, hatte er geschwiegen. Es sah so aus, als wolle er dieses Verfahren, in dem es auch um ihn geht, weil darin über sein künftiges Leben entschieden wird, an sich abprallen lassen. Dann, am Montag, als Verteidiger Adam Ahmed wie auch Staatsanwalt Florian Gliwitzky mit ihren Gedanken schon bei den Plädoyers waren, überraschte er mit der Ankündigung, doch aussagen zu wollen. Aber: Würde er wirklich reden? Würde er vielleicht sogar gestehen?

Es ist eine Hoffnung, die sich als trügerisch erweist. Der Angeklagte, der im Prozess mit dem Rücken zur Wand steht, ist nicht deshalb so aufgewühlt, weil er sich eine Schuld von der Seele reden möchte. Sondern weil er sich ungerecht behandelt vorkommt.

Thomas S. liest ohne Punkt und Komma

Als er nach einer knappen Stunde zum ersten Mal von seinen Aufzeichnungen aufsieht, aus denen er bis dahin atemlos, ohne Punkt und Komma vorgelesen hat, ist klar, worum es ihm geht. Es sind die Fehler, die die anderen gemacht haben, angefangen von der Kassiererin eines Supermarkts im S.' Heimatort Peißenberg, die ihm Gummibärchen verkauft haben will, obwohl er wegen seiner Arthritis keine Gummibärchen mehr isst.

Dieselbe Kassiererin, so S., habe angeblich eine Verletzung an seiner Hand bemerkt, die von der Blutnacht in Krailling hätte herrühren können – „nur dass an dem Tag gar nicht ich, sondern meine Frau im Aldi in Peißenberg gewesen ist“.

Auf solchen Zeugenaussagen fuße die Anklage gegen ihn. Negativer Höhepunkt: die Feststellung einer weiteren Verletzung an der Nase, die den Beamten bei der einstündigen erkennungsdienstlichen Behandlung nicht aufgefallen sei, „weil es keine solche Wunde gab“. Ein entsprechendes Foto in den Akten sei später aufgenommen worden, die angebliche Verschorfung „wurde mit Filzstift aufgemalt“.

Verteidiger Adam Ahmed stellt neue Beweisanträge

Die ellenlangen Ausführungen voller Vorwürfe gegen die ermittelnden Beamten dienen schließlich nur einem Zweck: Thomas S. will sagen, dass er als Täter nicht infrage kommt. Er sei unschuldig. Trotzdem stellte Verteidiger Adam Ahmed am Dienstag neue Beweisanträge. Ob es seinem Mandanten hilft, ist mehr als fraglich. Aber: Thomas S. hat es so gewollt.

Tatsächlich hätte ihm wohl auch ein Geständnis – noch dazu zu einem so späten Zeitpunkt – nichts mehr genutzt. Denn zum einen ist das Gericht angesichts der erdrückenden Indizienlage gegen S. auf ein solches Geständnis nicht mehr angewiesen.

Fünf Fingerabdrücke von ihm am Tatort, sein Blut, die Quittung eines Baumarkts über den Kauf eines Taus – desselben, mit dem eines der Kinder erdrosselt worden ist –, das Gegenstück zur Hantelstange, mit der die Mädchen erschlagen wurden, bei ihm zu Hause in der Wohnung: Das könnte, das wird für eine Verurteilung reichen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Thomas S. Heimtücke und Habgier vor

Im Übrigen sind dem Gericht, was die mögliche strafmildernde Wirkung eines Geständnisses betrifft, angesichts der Schwere der Schuld in diesem Fall ohnehin die Hände gebunden. Der Kraillinger Mörder hat seine Opfer „übertötet“, wie Gerichtssachverständige sagen.

Er hat bei der Begehung der Tat gleich mehrere Tatbestandsmerkmale auf einmal erfüllt. Der Überfall auf die schlafenden Mädchen mitten in der Nacht war heimtückisch. Die Begehungsweise – der Täter hatte die Mädchen erdrosselt, erstochen und erschlagen – so grausam, dass Polizeibeamte vom fürchterlichsten Verbrechen sprachen, das in den vergangenen 30 Jahren in München verübt worden ist.

Und wenn es tatsächlich so war, wie die Anklage sagt – dass nämlich S. die Familie der Schwägerin und die Schwägerin selbst aus dem Weg räumen wollte, um auf diese Weise, über seine Frau, ans Erbe zu kommen – käme auch noch Habgier ins Spiel.

Auf Milderung konnte S. unter diesen Voraussetzungen schon von Gesetzes wegen nicht hoffen. Doch auch mit seiner Aussage hat er sich keinen Gefallen getan.