Horrorunfall

Wie schuldfähig ist ein Epileptiker?

Ein Mann verursacht in Hamburg einen Unfall, bei dem vier Menschen sterben. Der 39-Jährige kommt jetzt vor Gericht. Die Justiz steht vor einer schwierigen Aufgabe.

Er hat Epilepsie – und einen Führerschein. Am 12. März 2011 setzt sich der Hamburger ans Steuer seines Autos. Unmittelbar vor einer Kreuzung im Stadtteil Eppendorf hat er einen Krampfanfall, rast mit mindestens Tempo 100 über eine rote Ampel. Sein Wagen schleudert in eine Gruppe von Fußgängern und Radlern, der Sozialforscher Günter Amendt, der Schauspieler Dietmar Mues und seine Frau Sibylle sowie die Künstlerin Angela Kurrer sterben, drei weitere Personen werden verletzt. Der Todesfahrer steht von diesem Montag an vor Gericht.

Fahrlässige Tötung – oder schuldunfähig

Es sind schwierige juristische Fragen, mit denen sich die Richter beschäftigen müssen. Angeklagt ist der 39-Jährige wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen und vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Doch es kann auch ganz anders kommen: Der Angeklagte könnte vielleicht sogar straffrei ausgehen.

Denn im Moment des furchtbaren Crashs war der Mann wegen seines epileptischen Anfalls schuldunfähig – das sieht auch die Staatsanwaltschaft so. Die Anklagebehörde wirft ihm nun aber vor, dass er „in Kenntnis seiner Krankheit und der damit verbundenen Risiken“ Auto gefahren ist. „Wir verlagern den Anklagevorwurf ins Vorfeld des tödlichen Unfalls“, erklärt Möllers. In der Logik der Anklage heißt das: Hätte sich der 39-Jährige wegen der Krampfgefahr gar nicht erst ans Steuer gesetzt, wäre es auch nicht zu dem folgenschweren Unfall gekommen. Es dreht sich also um die entscheidende Frage: Hätte der 39-Jährige überhaupt fahren dürfen?

Richter: Epileptischer Anfall am Steuer nicht vorhersehbar

Seinen Führerschein besaß der Angeklagte jedoch mit richterlicher Billigung – obwohl er bereits zuvor drei, teils schwere Unfälle verursacht hatte. Nach dem dritten Unfall im November 2008 wurde sein Führerschein eingezogen. Der Mann legte dagegen Beschwerde ein, und das Landgericht Kiel gab ihm recht. Ein epileptischer Anfall am Steuer sei für ihn nicht vorhersehbar gewesen, hieß es zur Begründung.

Im Februar 2009 bekam er seinen Führerschein zurück. Auch nach der Todesfahrt in Eppendorf ließ der 39-Jährige über seinen damaligen Anwalt erklären, er habe die Gefahr eines Unfalls nicht voraussehen können.

„Ich würde alles tun, um es ungeschehen zu machen“

Dass der Mann bei der tödlichen Kollision zudem berauscht war, spielt für die Anklage keine Rolle mehr. In seinem Blut fanden Mediziner den Wirkstoff THC, der in Haschisch oder Marihuana enthalten ist. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war der Cannabis-Konsum aber nicht ausschlaggebend für den Crash.

Von dem Unfall hat der Angeklagte nach eigenen Angaben gar nichts mitbekommen. „Ich würde alles tun, um es ungeschehen zu machen“, sagte er kürzlich „Morgenpost Online“. Es vergehe keine Stunde, in der er nicht an das „furchtbare Ereignis“ denke. „Ich weiß, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Natürlich auch nicht für die Hinterbliebenen.“