Magermodels

Die Knochen der Idealfrau – hart wie ein Messer

Die Zahl israelischer Teenager, die sich zu dick fühlen, liegt weit über dem internationalen Schnitt. Nicht zuletzt wegen zu dürrer Vorbilder. Jetzt reagiert der Staat.

Hila Elmalich starb am 14. November 2007. Das einst erfolgreiche israelische Model wog gerade noch 27 Kilogramm. Die Magersucht hatte sie dahingerafft, sie starb an Herzversagen. Adi Barkan hatte Wochen an ihrem Krankenbett verbracht, hatte vergeblich versucht, sie zu retten.

Es gibt Videoaufnahmen die zeigen, wie das Model in seinen Armen zusammenbricht: „Als sie fiel, habe ich ihre Knochen wie ein Messer auf meinem Bein gespürt,“ erinnert er sich. Es habe sich angefühlt, als halte er eine Leiche in seinen Armen.

Damals hatte Adi Barkan den Kampf gegen die Magersucht, gegen den Schlankheitswahn der Modeindustrie und gegen ein gefährliches Schönheitsideal längst begonnen. 15 Jahre hatte der Israeli als Modefotograf in New York, Paris und London gearbeitet, als es 1998 in seine Heimat zurückkehrte, um seine eigenen Modellagentur zu gründen. Selbst beschäftigte er von Anfang an nur gesunde und wohlgenährte Models.

Doch mit Schrecken musste er mit ansehen, wie die Models international immer dünner wurden. „Vor 15 bis zwanzig Jahren haben wir Modelle in Kleidergröße 38 fotografiert“, erinnert er sich. Wenig später sei 32 das Mindeste gewesen, und heute sei selbst Größe 24 nichts Ungewöhnliches mehr. „Es gibt einen Unterschied zwischen dünn und zu dünn. Das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod“, sagt er.

Am Montag konnte der Agent und Fotograf, der auch Vorsitzender der Organisation zur Bekämpfung von Magersucht ist, nun einen Etappensieg im Kampf gegen untergewichtige Models erringen.

"Gesellschaftliche Norm der kranken, magersüchtigen Models"

Das israelische Parlament, die Knesset, verabschiedete in zweiter und dritter Lesung ein Gesetz, das israelische Models dazu verpflichtet, ihren Arbeitgebern all drei Monate eine ärztliche Bescheinung darüber vorzulegen, dass ihr Body-Mass-Index (BMI) nicht unter der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Norm von 18.5 liegt.

Der BMI wird aus dem Körpergewicht geteilt durch die Größe im Quadrat errechnet. Eine 55 Kilogramm schwere Frau käme bei einer Körpergröße von 1,70 Meter dann auf einen BMI von 19 – also noch gerade innerhalb der Norm. Arbeitgeber müssten mit hohen Geldstrafen rechnen, sollten sie Models mit einem niedrigeren BMI beschäftigen.

Barkan und die Initiatoren des Gesetzes, die Abgeordneten Danny Danon von der Likud-Partei und Rachel Adatto von der Kadima-Partei, wollen mit dem Vorstoß nicht nur die rund 300 professionellen israelischen Models retten, sondern vor allem gegen Magersucht unter jungen Mädchen vorgehen und die „gesellschaftliche Norm der kranken, magersüchtigen Models“ verändern.

Sie werfen der Modeindustrie vor, ein „verfälschtes Bild der Idealfrau“ entworfen zu haben. Viele der Models in den Anzeigen seien geradezu unterernährt. Um ihren Vorbildern nachzueifern, würden junge Mädchen oft versuchen, „übertrieben viel Gewicht zu verlieren“, sagt Adatto, die selbst Ärztin ist.

"Die meisten nutzen Drogen oder zwingen sich zum Übergeben"

Bei etwa 1500 israelischen Kindern und Jugendlichen wird jährlich eine Essstörung diagnostiziert, 35 Menschen sterben jährlich an Magersucht. Weit über dem internationalen Durchschnitt liegt mit 30 Prozent auch die Zahl der israelische Teenagermädchen, die glauben, eine Diät machen zu müssen.

„Models sind heute Superstars, sie haben Vorbildcharakter“, sagt Barkan. Er schätzt die Zahl der von Natur aus sehr schlanken Models auf rund 30 Prozent. „Einige weitere halten ihr Gewicht durch eine sehr gesunde Ernährung und viel Sport niedrig, doch die meisten nutzen Drogen oder zwingen sich zum Übergeben“, sagt er.

Kritiker des Gesetzes fürchten, ausgerechnet die natürlich schlanken aber gesunden jungen Frauen könnten nun die Leidtragenden sein. Das bekannte Model Adi Neumann sagte, mit einem BMI von 18.3 werde sie den Kriterien nicht gerecht. Dabei esse sie ordentlich, treibe Sport und sei gesund.

Auch ihre Kollegin Alisa Gourari, eine Finalistin bim World-Super-Model-Wettbewerb, fordert zwar eine Debatte über unterernährte Models, hält das Gesetz aber für verfehlt: „Ich bin 1,80 Meter groß und wiege 55 Kilogramm. Das ist deutlich unter dem im Gesetz festgelegten Index.“

Allerdings sei sie schon immer sehr zierlich gewesen und habe vergeblich versucht, zuzunehmen. Es sei wesentlich sinnvoller, die Mädchen zu regelmäßigen Arztbesuchen und Gesundheitstests zu zwingen, schlägt sie vor.

Adatto hingegen verteidigt die neue Regelung: Nur fünf Prozent aller Frauen hätten von Natur aus einen BMI von weniger als 18.5. „Einerseits kann es sein, dass wir einigen Models schaden“, gibt sie zu. „Andererseits retten wir eine Menge Kinder.“

Auch der digitalen Bearbeitung der Fotos Grenzen gesetzt

Nicht nur die Darstellung unterernährter Models ist nun verboten, auch der digitalen Bearbeitung der Fotos werden Grenzen gesetzt. Selbst wenn ein Mädchen beim Fotoshoot einen BMI von 18.5 nachweisen konnte, darf der Körperbau nachträglich am Computer nicht so verändert werden, dass ein schlankerer Eindruck entsteht.

Außerdem muss jede digitale Bildbearbeitung auf den Plakaten mit einem deutlich erkennbaren Hinweis versehen werden. Dieser Vorschlag war nicht unumstritten und lässt viele Fragen offen: Muss wirklich jedes digital entfernte Muttermal vermeldet werden? Kaum ein Prominenter würde sich heute ohne die digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten ablichten lassen, die technischen Möglichkeiten sind fast unbegrenzt.

Es war immerhin Britney Spears, die vor einiger Zeit international Aufsehen erregte, als sie bewusst die Illusion der Perfektion zerstörte und unbearbeitete Fotos eines Shootings von sich veröffentlichen ließ, die sich von den offiziell veröffentlichten Bildern doch sehr deutlich unterschieden. Die Taille schmaler, die Oberschenkel dünner, die Haut bereinigt und der Hintern gestrafft:

Was die Bildbearbeitungszauberer aus der damals 29-jährigen zweifachen Mutter gemacht hatten, musste ja jede andere Frau erbleichen lassen.

Nur echt war es nicht.