Toulouse

Motorroller-Mordserie schockt Frankreich

Ein Unbekannter hat in der südfranzöschen Stadt Toulouse vor einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Mann erschossen - mit der selben Waffe, mit der wenige Tage zuvor drei Soldaten umgebracht worden waren. Frankreichs Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Terrorismus.

Foto: AFP

Es ist eine Serie: Der bislang unbekannt Täter, der am Montag in Toulouse drei Kinder und einen Mann tötete, hat die selbe Waffe und das selbe Fluchtfahrzeug benutzt wie bei zwei Mordanschlägen wenige Tage zuvor. Das verlautete aus Ermittlerkreisen in Paris. Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft in Paris ermittelt wegen des Verdachts des „Mordes und versuchten Mordes im Zusammenhang mit einer terroristischen Vereinigung“.

Der Todesschütze hat den Ermittlungen zufolge in allen drei Fällen als Tatwaffe eine Schusswaffe des Kalibers 11.43 Millimeter benutzt. Und er floh jedes Mal auf einem Motorroller der Marke Yamaha, Typ T-MAX – der war vor mehr als einer Woche im südfranzösischen Toulouse gestohlen worden.

Am Montagmorgen gegen acht Uhr war der Täter mit eben diesem Motorroller zum jüdischen Gymnasium Ozar Hatorah in Toulouse gefahren. Die Schule liegt in einer in einer ruhigen Einfamilienhaussiedlung der südfranzösischen Stadt. Vor dem Gebäude in der Rue Dalou standen Erwachsene und Kinder – der Täter feuerte auf die Gruppe, stellte dann den Motorroller ab und betrat das Schulgelände. Dort schoss er mit der 11,43-Millimeter-Waffe laut Staatsanwaltschaft auf „alles, was er sah, Kinder und Erwachsene“.

Dann floh er auf seinem Motorroller– vier Tote blieben zurück: Ein französisch-israelischer Religionslehrer und seine beiden Kinder – sie waren erst im September vergangenen Jahres aus Jerusalem nach Frankreich gekommen. Getötet wurde außerdem die zehnjährige Tochter des Schuldirektors. Ein 17-jähriger Schüler wurde schwer verletzt.

Die ballistische Untersuchung der von dem Täter verschossenen Kugeln ergab, dass bei dem Anschlag auf die jüdische Schule dieselbe Waffe benutzt wie bei zwei Mordanschlägen auf französische Soldaten. Jede Waffe hinterlässt auf den Projektilen, die an den Tatorten gefunden werden, ganz charakteristische Spuren. In Toulouse und im 50 Kilometer entfernten Montauban waren drei Männer getötet worden - die Schusswaffe vom Kaliber 11,43 Millimeter war in allen drei Fällen die Tatwaffe. Und in allen drei Fällen fuhr der Todesschütze auf einem Motorroller davon.

Drei Mordanschläge, eine Tatwaffe

Am 15. März hatte ein Angreifer auf einem Motorroller in Montauban – 50 Kilometer von Toulouse entfernt - auf drei Soldaten geschossen. Die drei Uniformierten im Alter zwischen 24 und 28 Jahren wollten in der Nähe ihrer Fallschirmjägerkaserne Geld abheben, als auf sie geschossen wurde. Zwei wurden getötet, der dritte schwer verletzt. Am Wochenende davor war ein 30-jähriger Soldat in Toulouse von einem Mann auf einem Motorroller erschossen worden.

Der Täter ging dabei äußerst kaltblütig vor: Den ersten Soldaten spürte er offenbar über eine Internet-Anzeige auf und tötete ihn, als der Mann in Zivil unterwegs war. Alle drei Opfer waren nordafrikanischer Abstammung. Das noch in Lebensgefahr schwebende vierte Opfer ist ein Franzose schwarzer Hautfarbe von der Karibikinsel Guadeloupe.

Präsident Nicolas Sarkozy besuchte wenige Stunden später den Tatort und spricht von einer „nationalen Tragödie“. „Das sind nicht nur eure Kinder, das sind auch unsere Kinder“, sagte der Staatschef an die Eltern gewandt. Auch der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande sagte seine Termine ab und fuhr nach Toulouse.

Der Präsidentschaftswahlkampf, der in den vergangenen Tagen die Aktualität in Frankreich beherrschte, wird vorerst ausgesetzt. In der Stunde der Trauer sind alle Parteien geeint. Am Dienstag soll in allen Schulen des Landes in einer Schweigeminute der Opfer gedacht werden.

Bei der Tatwaffe handelt es sich um eine halbautomatische Pistole vom Kaliber 11,43 Millimeter – ein Kaliber, das lange bevorzugt für Abrechnungen im französischen Kriminellen-Milieu verwendet wurde. Inzwischen aber bevorzugen die organisierte Kriminalität in Südfrankreich Kalaschnikows oder Maschinenpistolen vom Typ Skorpion.

Tausende Waffe kamen in Frankreich in Umlauf

Das Kaliber 11,43 Millimeter vor allem mit der Pistole Colt 45 verbunden. Der Colt 45 wurde ab 1911 weltweit in Millionen Exemplaren hergestellt, zunächst in den USA, später auch von argentinischen und chinesischen Firmen. Bis 1985 war die Pistole die Handwaffe der Offiziere der US-Armee. Der Colt 45 verfügt über ein Magazin mit sieben Schuss. Eine neue Waffe dieser Art kostet in Frankreich derzeit zwischen 600 und 1000 Euro.

Für den legalen Kauf eines Colt 45 ist ein Waffenschein erforderlich. Ein Schütze, der eine solche Waffe kaufen will, muss mindestens seit sechs Monaten in einem Sport-Schützenclub registriert sein.

Erst wenn der Präsident des Schutzenclubs dann eine positive Bewertung abgebe, könne bei der Polizei ein Waffenschein beantragt werden, was noch einmal sechs Monate dauere, wie Yves Gollety, Präsident der nationalen Waffenhändler-Vereinigung, erläuterte. In Frankreich allerdings kamen seit den 40er Jahren mehr oder minder unkontrolliert tausende Colt 45 in Umlauf, teils von amerikanischen Soldaten.

"Ein antisemitischer Akt"

Die kleine Schule, an der etwa 200 Schüler eingeschrieben sind, steht in einem wohlhabenden Viertel der Stadt Toulouse, die international als wichtiger Standort des Flugzeugbauers Airbus bekannt ist. Weinende Eltern suchten am Morgen vor der Schule nach ihren Kindern. „Ich habe zwei Tote vor der Schule gesehen, ein Erwachsener und ein Kind“, sagte ein Vater dem Hörfunksender RTL. In dem Gebäude hätten die Körper von zwei Kindern gelegen. „Es war ein Bild des Grauens.“

Die sechsjährige Alexia berichtet, wie sie am Morgen in die Schule kam und nur fünf Minuten später die Schüsse hörte: „Wir hatten große Angst.“ Die Schüler seien schnell in ein Klassenzimmer gebracht worden. „Wir haben zusammen gebetet und darauf gewartet, dass unsere Eltern kommen.“

Seine Gemeinde stehe unter Schock, berichtete der Vize-Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde, Boaz Gatz. Zahlreiche andere ranghohe Vertreter der jüdischen Gemeinden in Frankreich äußerten sich ähnlich. Das israelische Außenministerium sprach von „Entsetzen“, mit dem Israel die Nachricht aufgenommen habe. „Das ist ein antisemitischer Akt“, erklärte der Präsident der jüdischen Studenten Frankreichs, Jonathan Hayon, dem TV-Sender BFM.

Über die Motive des Unbekannten, der seit seinem zweiten tödlichen Angriff am Donnerstag der meistgesuchte Mann Frankreichs ist, rätseln Regierung und Justiz auch am Montag. Nachdem Verteidigungsminister Gérard Longuet hatte kurz vor der Tat in Toulouse noch von einem „Verrückten“ gesprochen. Nun fahndet Frankreich nach einem Terroristen auf einem Motorroller.

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