Belgien

Schweigeminute für die Opfer der Bus-Katastrophe

| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: AFP

Die Belgier und Niederländer trauern gemeinsam um die Schulkinder und ihre Begleiter, die bei dem Busunglück in der Schweiz ums Leben kamen. Eine genaue Untersuchung des Wracks soll nun Aufschlüsse über die Unfallursache bringen.

Die Formulierung, dass „ein ganzes Land den Atem angehalten hat“, ist normalerweise übertrieben. Wer allerdings die Schweigeminute erlebt hat, die die Belgier und die Niederländer am Freitag zum Gedenken an die 28 Todesopfer des Busunglücks in der Schweiz abhielten, der weiß, dass es mit der Formulierung seine Bewandtnis hat. So viele hielten inne, dass das öffentliche Leben um 11 Uhr tatsächlich für eine Minute zum Erliegen kam.

Kirchenglocken läuteten, die Fahnen waren auf halbmast gesetzt. Baukräne standen still, Taxifahrer stiegen mitten auf der Straße aus ihren Fahrzeugen. Die meisten Busse und Trambahnen in der belgischen Hauptstadt Brüssel und in anderen Orten stoppten ihre Fahrt. Rundfunk- und Fernsehsender verstummten. Auf den Straßen blieben viele Menschen stehen und verharrten in stillem Gedenken.

Auch in Parlament, Kommission und Ministerrat der EU in Brüssel beteiligte man sich an der Schweigeminute. Dutzende Büroangestellte traten Seite an Seite mit Köchen und Sicherheitspersonal vor die Türen der Verwaltungsgebäude und hielten auf den Bürgersteigen inne.

An einem Ort war es wesentlich länger als nur eine Minute lang still: Kurz vor 11 Uhr versammelten sich die Schüler von T Stekske (Kleines Streichholz) auf dem Pausenhof der Grundschule von Lommel. Sie hielten sich an den Händen, mehrere Erwachsene weinten.

15 der 22 getöteten Kinder gingen hier zur Schule, nur sechs aus der Klasse überlebten. Fünf Minuten sagte niemand etwas. Auch die Passanten auf dem Hauptplatz verharrten eine Minute lang im Schweigen. „Der ganze Ort, die ganze Provinz, ganz Belgien unterstützt die Familien. Das ist sehr wichtig“, sagte später einer der Passanten, Dirk De Vroede. Der 54-Jährige hat Tränen in den Augen – von den betroffenen Familien kennt er einige.

Ähnlich ans Herz ging die Trauer in Heverlee bei Löwen. Mitschüler, Lehrer, Eltern und Großeltern der kleinen Opfer versammelten sich im Hof der Sint-Lambertus-Schule, ihnen schlossen sich rund 30 Kinder einer Vorschule an. Schweigend hörten sie dem Direktor zu, wie er über Sebastian, Clara, Bavo, Sarah, Victor, Sonya und Joaquim sprach, die nicht mehr aus dem Skiurlaub zurückkehrten. Auch „Meester Frank“, ihr allseits beliebter Lehrer, und Monique, die jedes Jahr die Klassen zu ihrer Skifreizeit begleitete, überlebten den Unfall nicht – an sie erinnerte der Direktor ebenfalls mit schlichten Worten.

Weiße Ballons als Zeichen der Trauer

Kurz vor 11 Uhr waren auf dem Militärflughafen Melsbroek in Brüssel zwei Militärflugzeuge mit den Särgen der Todesopfer gelandet. Bei dem Unglück am Dienstagabend in einem Tunnel unweit von Sierre waren 22 Kinder und sechs Erwachsene getötet worden. Nach Angaben des Außenministeriums in Den Haag waren sechs Kinder Niederländer.

Außerdem wurden 24 Schüler verletzt, drei von ihnen so schwer, dass sie in der Universitätsklinik von Lausanne ins künstliche Koma versetzt worden waren. Eines der Mädchen ist inzwischen aufgewacht. Noch sind die drei aber nicht außer Lebensgefahr; ein weiteres Kind ist zudem nicht transportfähig. Die 20 weniger schwer verletzten Kinder wurden inzwischen zurück nach Brüssel geflogen.

In der Schweiz sollten am Freitag genauere Untersuchungen des Unfallwracks beginnen . Man erhoffte sich dadurch Aufschluss über die Unglücksursache. Der Fahrer des Unglücksbusses in der Schweiz, das ergab die Autopsie, hatte weder Herzprobleme noch einen Schlaganfall oder Alkohol im Blut.

Der Mann sei auch nicht zu schnell gefahren, sagte der Untersuchungsrichter Olivier Elsig am Freitag bei einer Pressekonferenz. Belgische Medienberichte, wonach der Fahrer des Busses durch das Wechseln einer DVD abgelenkt worden sei, wurden zurückgewiesen. Die Polizei sprach von „reiner Spekulation“.

Die Schweizer Behörden gingen bis Freitag weiter von den drei Szenarien aus: einer technischen Panne, menschlichem Versagen oder einem akuten Gesundheitsproblem des Fahrers. Das Schweizer Bundesamt für Strassen (Astra) beauftragte Experten, die Baunormen für Tunnel unter die Lupe zu nehmen. Konkret werde die Norm mit rechtwinkligen Mauern bei Notfallausbuchtungen in Tunneln untersucht, sagte Astra-Sprecher Michael Müller. Der Bus war gegen eine solche Mauer gerast.

Derweil hielt die Kritik an der Berichterstattung an. Die belgische Regierung kritisierte die Veröffentlichung von Fotos der bei dem Busunfall getöteten Kinder. Die für Medien zuständige flämische Ministerin Ingrid Lieten sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Belga zu den Abbildungen: „Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.“

Auf dem Schulhof in Lommel endete die Trauerzeremonie damit, dass jedes Kind einen weißen Luftballon an einer weißen Schnur erhielt. Um 11.12 Uhr, die Kirchenglocken schwiegen, ließen die Kleinen ihre Ballons mit kleinen Zetteln daran in die Luft steigen. Selbstvergessen jauchzten einige auf – für wenige Sekunden überdeckte kindliche Freude die Trauer.

( BM )

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