Busunglück in der Schweiz

Schulreise in den Tod - 22 Kinder sterben

Bei dem schrecklichen Busunglück in der Schweiz sind 22 Kinder und sechs Erwachsene gestorben. Die Unfallursache ist noch unbekannt. Unter den 52 Passagieren war auch ein Deutscher.

Der Blumenverkäufer denkt sich nichts dabei, schließlich ist Markt in Lommel, und eigentlich lieben es die Leute, wenn er singt. Diesmal ist es anders. „Das ist kein Tag zum Singen“, ruft ihm sein Standnachbar zu, der Blumenverkäufer schweigt und lächelt verlegen wie ein Kind, das bei einer Dummheit erwischt wurde. Er wendet sich wieder seinen Kunden zu, weiße Rosen kaufen sie heute. Dieser Tag ist nicht bunt.

„Es ist ein sehr trauriger Tag für Belgien“, sagt der belgische Regierungschef Elio Di Rupo, als er die Angehörigen der Verunglückten am Militärflughafen von Melsbroek bei Brüssel trifft. Von dort wurden sie am Nachmittag in zwei Maschinen der Luftwaffe zunächst nach Genf geflogen, und dann weiter zu ihren verletzten oder toten Kindern gebracht. Fassungslos seien sie gewesen, panisch, denn am Nachmittag wusste noch niemand von ihnen, ob ihr Kind unter den Toten ist, ob und wie schwer es verletzt ist.

Es war 21.15 Uhr, als der Reisebus aus Belgien am Dienstag gegen die Wand eines Tunnels bei Siders im Schweizer Kanton Wallis prallte. Die Rettungsarbeiten dauerten die ganze Nacht. Zu dem Zeitpunkt war lediglich von Verletzten die Rede, aber wer die sieben Helikopter sah, die landeten und wieder abhoben, die Gesichter der 200 Sanitäter, der Feuerwehrleute, Notärzte und Polizisten und schließlich das Wrack des Busses, der ahnte schon vor der offiziellen Pressekonferenz: Hier ist etwas sehr Schlimmes passiert.

52 Personen seien im Bus gewesen, gab der Kommandant der Walliser Kantonspolizei, Christian Varone, am Mittwochmorgen bekannt, die Rettungskräfte seien besonders schnell vor Ort gewesen. Doch sie haben nicht verhindern können, dass die „Bilanz der Tragödie extrem schwer“ wiege, wie Varone es formulierte: Bei dem Unglück starben 28 Menschen, 22 von ihnen waren Kinder, 24 weitere Kinder wurden zum Teil schwer verletzt. Er habe so eine Katastrophe bisher nicht erlebt, sagte Varone im Schweizer Fernsehen.

Reisetagebuch im Internet

Die meisten Opfer des Busunglücks waren etwa zwölf Jahre alt. Zwei Schulklassen aus den Orten Lommel und Heverlee in Flandern hatten im Val d'Anniviers eine Woche Skiurlaub verbracht. Die Erlebnisse bis zu ihrer Abreise haben sie in einem Internettagebuch festgehalten, dessen Fröhlichkeit im Nachhinein mindestens so sehr erschüttert wie die Schilderungen der Augenzeugen vom Unfallort. Die Sankt-Lambertus-Schule hat die Berichte der Kinder inzwischen von ihrer Webseite genommen, wo sie noch bis Mittwochmorgen nachzulesen waren, vermutlich aus Respekt vor den Gefühlen der Angehörigen. Aus demselben Grund verzichtet auch diese Zeitung darauf, aus den Aufzeichnungen der Kinder zu zitieren.

Unter den Toten waren auch die erwachsenen Begleiter der Kinder und die beiden Busfahrer. Die Verletzten wurden mit sieben Helikoptern und Dutzenden Ambulanzen in die umliegenden Krankenhäuser gebracht, zwei Schwerverletzte laut Schweizer Fernsehen in die Universitätsklinik von Lausanne, eine weitere Person ins Berner Inselspital. Der medizinische Leiter der Rettungsorganisation im Kanton Wallis, Jean-Pierre Deslarzes, sagte, alle Helfer seien von dem Erlebten schockiert. Die Tatsache, dass Kinder betroffen seien, habe alles nur noch schwerer gemacht. Einige der Retter hätten nach dem nächtlichen Einsatz mit den Tränen zu kämpfen gehabt. Der belgische Botschafter in der Schweiz, Jan Luykx, dankte den Einsatzkräften für ihre Arbeit. Er selbst sei ebenfalls zutiefst schockiert, sagte er: „Das ist ein Drama, das ganz Belgien erschüttern wird.“

Die ersten Familien sind am Mittwochnachmittag in der Schweiz angekommen. Sie seien frühmorgens in den beiden Schulen über das Unglück informiert worden, berichtete das Schweizer Fernsehen. Das belgische Außenministerium in Brüssel versprach, dass die Eltern der Kinder während der Reise psychologisch betreut würden. Auch die Schweizer Behörden kündigten an, den Angehörigen nach ihrer Ankunft „Care-Teams“ zur Verfügung zu stellen.

Der belgische Premierminister Elio Di Rupo wollte ebenfalls noch am Mittwoch in die Schweiz reisen und kündigte einen nationalen Tag der Trauer in Belgien an. Er gab außerdem bekannt, dass im Bus außer den Schülern aus Belgien auch zehn Kinder aus den Niederlanden sowie jeweils ein Deutscher und ein Pole gewesen seien. Er sagte nicht, ob es sich bei dem Deutschen und dem Polen um die Fahrer des Busses handelte. Die belgische Polizei habe inzwischen Spezialisten entsandt, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen, sagte Di Rupo. Diese sei „sehr mühsam“. Der belgische Kronprinz Philippe und seine Frau, Prinzessin Mathilde, schrieben in einer Mitteilung, das Unglück treffe sie auch deshalb sehr, da sie selbst Eltern seien.

Unerklärlicher Unfall

Zur Ursache des Unglücks wollte oder konnte die Schweizer Polizei noch nichts sagen. Der belgische Außenminister Didier Reynders nannte den Unfall „unerklärlich“, da der Bus keinen Kontakt mit einem anderen Fahrzeug gehabt habe. Eine Übermüdung des Fahrers galt ebenfalls als eher unwahrscheinlich. Die Fahrt vom Abfahrtsort Val d'Anniviers bis zur Unfallstelle dauert nur etwa eine halbe Stunde. Den Dienstag hätten beide Fahrer in Val d'Anniviers verbracht, sagte der belgische Staatssekretär für Verkehr, Melchior Wathelet, „es scheint also, dass die Vorschriften über die Ruhe- und Fahrzeit eingehalten wurden“. Die Busgesellschaft Toptours mit Sitz in Aarschot habe außerdem einen „exzellenten“ Ruf, der Bus sei mit allen nötigen Sicherheitsvorkehrungen, also auch Gurten, ausgerüstet gewesen. Die Firma sei besonders erfahren bei Reisen in die Skigebiete Italiens, Österreichs, Frankreichs und der Schweiz, ergänzte ein Sprecher des Verbandes belgischer Busunternehmer. Die Fahrer seien für die Fahrt in den Alpen besonders ausgebildet.

In Lommel kümmerte sich Liz Scaut als Krisenpsychologin um die Mitschüler. „Wir haben zwei Klassenräume eingerichtet, in dem einen können die Kinder spielen, zeichnen und malen, der andere ist ein Raum der Stille“, sagt sie. Wichtig sei nun, dass die Kinder ihren normalen Tagesablauf beibehalten.