"Mehr als Zungenküsse"

Beim Plätzchenbacken vom Musiklehrer missbraucht

Neue Zeugenaussagen belasten den 63-jährigen Musikpädagogen Kai J. schwer. Er soll eine damals 14-Jährige in seiner Wohnung missbraucht haben.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Eine ehemalige Schülerin der Schule An den Teichwiesen in Volksdorf hat gestern vor dem Amtsgericht in Barmbek schwere Vorwürfe gegen den Musikpädagogen Kai. J. (63) erhoben. Sie sagt, sie sei von ihm sexuell missbraucht worden.

Seit dem 27. Februar muss sich der Lehrer vor Gericht verantworten, weil er in den Jahren 1991/92 eine Grundschülerin mit Zungenküssen belästigt haben soll. Die Geschädigte, die heute 26 Jahre alt ist, hatte den Lehrer erst Jahre später angezeigt.

Während des ersten Prozesstages gegen Kai J. hatten sich zwei Frauen gemeldet, die ebenfalls behaupteten, sie seien vor vielen Jahren von dem Pädagogen sexuell misshandelt worden. Sie wurden gestern als Zeugen gehört.

Psychotherapeutin riet, keine Anzeige zu erstatten

Annegret F. (45, Name geändert) kam schnell zur Sache. „Er hat mich missbraucht, in seiner Wohnung und in seinem blauen VW-Bus“, erklärte sie. Die Zeugin war Schülerin in den Jahren von 1981 bis 1983 in der Volksdorfer Schule.

Annegret F.: „Für die anderen Kinder war er ein toller Lehrer, hat wunderbare Feste und Klassenreisen organisiert. Aber das andere Bild von ihm gibt es auch. Er hat sich an mir vergangen. Ich war damals 14 bis 16 Jahre alt. Er hatte mich zu sich in seine Wohnung eingeladen, um Nussplätzchen zu backen. Danach hat er mich auf einer Matratze vor dem Sofa missbraucht. Ich war mit dem Fahrrad zu ihm gekommen, bin dann stehend nach Hause gefahren, weil es so wehtat.“

Den Eltern und Freunden vertraute sie sich damals nicht an. Annegret F.: „Ich war ein sehr schüchternes Kind, habe das getan, was er mir sagte. Er hat damals behauptet, dass er in mich verliebt sei. In späteren Jahren habe ich mich dafür gehasst, dass ich mich nicht gewehrt, ihn nicht gekratzt und gebissen habe.“

Raus kam die Geschichte nur, weil sie damals begann, ein Tagebuch zu führen. Die Aufzeichnungen wurden von ihrer Mutter entdeckt. Eine Psychotherapeutin riet der Familie damals, das Kind von der Schule zu nehmen und auf eine Anzeige zu verzichten.

Das Mädchen würde die Belastung als Zeugin nur schwer durchstehen. Die heutigen Vorwürfe von Annegret F. richten sich auch gegen die damalige Schulleitung, die zuließ, dass der Lehrer sich offensichtlich später wieder an Kindern vergehen konnte.

Erst durch einen Bericht sei sie auf das Verfahren gegen Kai. J. aufmerksam geworden und habe sich als Zeugin bei der Staatsanwaltschaft gemeldet.

Staranwalt Johann Schwenn ist nun zweiter Verteidiger

Ähnlich erging es auch Petra S. (38, Name geändert), die von 1980 bis 1990 die Schule besuchte. Auch sie hatte sich erst im Laufe des Verfahrens bei der Staatsanwaltschaft als Zeugin gemeldet und behauptet: „Es war mehr als ein Zungenkuss!“ Ihre Aussage fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Eine weitere ehemalige Schülerin trat dagegen als Entlastungszeugin auf. Sie erklärte, dass sie niemals Probleme mit dem Lehrer gehabt hätte: „Er war nett, freundlich und geduldig. Es gab Umarmungen, wenn man sich wehgetan hat.“ „Gab es mehr als Umarmungen?“, wollte die Richterin wissen.

Die Zeugin: „Nein, daran würde ich mich erinnern.“ Der Angeklagte, der sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert hat, kam gestern mit Verstärkung ins Gericht. Neben Mathias Frommann holte er sich Staranwalt Johann Schwenn als zweiten Verteidiger. Der Prozess wird fortgesetzt.