Schädlingsbekämpfung

In Südbaden bringt die "Mausschwanzprämie" 50 Cent

Prämien für einen Mäuseschwanz: Im südbadischen Hohentengen gibt es für erlegte Nager nach altem Brauch noch Geld. Wühlmäuse sind besonders im Visier der Mäusejäger.

Foto: dpa / dpa/DPA

Eine Plastikdose hat Josef Schanz immer dabei. Und auch eine Kneifzange gehört zur Grundausrüstung. Wann immer eine Maus in die Falle gegangen ist, hinter dem Haus, im Beet oder in der Nähe eines seiner Obstbäume – der 82-Jährige kann so schnell reagieren: Mit der einen Hand befreit er die tote Maus aus der Falle, mit der Zange in der anderen schneidet er den Schwanz ab.

"Die Maus bekommt die Katze und den Schwanz gebe ich in die Dose", sagt Schanz. Zu den anderen. Einmal im Jahr fährt er mit den gesammelten Mausschwänzen zum Gemeindeamt – und legt sie dort einem Beamten auf den Tisch. Und der gibt ihm auch noch Geld dafür.

Was verrückt klingt, ist in Wahrheit das letzte Überbleibsel einer alten Tradition. Schanz holt sich die sogenannte "Mausschwanzprämie" ab. Früher gab es diese an vielen Orten in Südbaden und der Schweiz – heute existiert sie nur noch im kleinen Hohentengen am Hochrhein. 50 Cent zahlt ihm die südbadische Gemeinde für den Nachweis, eine Maus getötet zu haben – also für den Schwanz des Tieres.

Zwischen 50 und hundert Euro kommen auf diese Weise im Jahr zusammen, aber darum geht es Schanz nicht. "Mäuse sind Schädlinge", sagt er lapidar.

Die Mausschwanzprämie kennt Schanz, seit er denken kann

Bei der Jagd geht es nicht um die zierlichen Hausmäuse, die gerade auf dem Land den ein oder andere Dachboden bewohnen oder immer wieder in Speisekammern eindringen. Richtige Schädlinge, das sind für Schanz die fetten Wühlmäuse, die sich von unten an seine Ernte graben.

"Ein Zuckerhut ist ein hoch aufgeschlossener Salatkopf. Wenn sich da eine Maus drin breitmacht, dann merkt man das sehr lange gar nicht. Und am Ende ist der Salat ausgehöhlt."

Er jagt deswegen auch nicht mit der klassischen Mausefalle mit Holzbrett und Drahtbügel, sondern mit Wühlmausfallen – Gestellen aus dickem Metall, die ein bisschen aussehen wie eine große Sicherheitsnadel. Josef Schanz vergräbt die Fallen am Ende der unterirdischen Maus-Gänge, kommen die Tiere heraus, schnellen die Fallen zusammen und brechen ihnen das Genick.

Schanz hat lange als Zimmermann gearbeitet, nachdem er durch einen Arbeitsunfall zwei Finger verlor, wurde er Hausmeister. Zugleich war er aber auch ein Leben lang Bauer, wie es eigentlich alle in Hohentengen einmal waren. Er pflanzt Obst und Gemüse, er besitzt einen Traktor und er hielt sich jahrelang zehn Schafe. "Jetzt muss ich kürzer treten. Deswegen sind es nur noch sieben."

Vertreter im Gemeinderat wollten Mausschwanzprämie abschaffen

Die Mausschwanzprämie kennt Schanz, seit er denken kann. "Als ich jung war, haben viele selbst Mäuse gefangen. Junge Menschen wie ich, aber auch ältere. Das war normal." Einen Sonderling gab es sogar im Dorf, der Maulwürfe fing – und ihre Felle zu Pelzen verarbeitete.

Kurz nach dem Krieg war das, als es nicht viel mehr gab als die Mäuse und die Maulwürfe. 32 kleine Jungen lebten damals in Josef Schanz' Heimatweiler, der seinerzeit noch nicht in Hohentengen eingemeindet war. Heute gibt es im Weiler nur noch drei oder vier kleine Jungen und Chemie-Präparate, mit denen man Mäuse effektiv töten kann. Die Tiere sterben in irgendwelchen Ecken. Ihre Schwänze bekommt man dadurch nicht.

Vor einiger Zeit wäre es fast passiert: Einige Vertreter im Gemeinderat wollten die Mausschwanzprämie abschaffen. Sie sei nicht mehr zeitgemäß, argumentierten ihre Gegner.

"Am Ende der Sitzung hat jemand gesagt: 'Lasst doch die alten Männer ihre Mäuse fangen.' Außer mir gibt es in Hohentengen vielleicht noch zwei Mäusejäger", sagt Schanz. Er weiß, dass die Tradition langsam ausstirbt – dass sie deswegen überholt ist, findet er nicht. "Ist es denn zeitgemäß, die Mäuse zu vergiften? Bei uns sind sie wenigstens sofort tot."

Die Schafe, das Salatbeet, die Mäuseschwänze – für Josef Schanz gehört es zusammen.