Leverkusen

Entscheidung über männliche Schützenkönigin

In Leverkusen wollen katholische Schützen am Sonntag ein Verbot von schwulen Königspaaren durchsetzen – ungeachtet aller Kritik. Die Entscheidung soll möglichst eindeutig ausfallen.

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Das deutsche Schützenwesen ist ein hoch kompliziertes Geflecht, fein ausdifferenziert in Regionen und Traditionen. So sehr sie sich aber unterscheiden und voneinander mithilfe des deutschen Vereinsrechts abgrenzen, so haben sie doch alle die gleiche Leidenschaft: Sie schießen gern mit Waffen, und der Sieger darf sich Schützenkönig nennen.

Der Schützenkönig gehört neben dem Pfarrer zu den klassischen Dorfhonoratioren. Und als solcher hat er auch Pflichten, zum Beispiel das Ausgeben von Runden alkoholischer Getränke; eine je nach Dorf- und Kneipengröße durchaus kostspielige Angelegenheit. Natürlich hat er auch Rechte und Privilegien. Allen voran das Recht, an Schützenvereinsumzügen vorneweg zu marschieren. Hieran wiederum knüpft eine Pflicht: An seiner Seite muss der Schützenkönig eine Schützenkönigin führen.

Traditionell ist die Königin weiblich

Bei der Schützenkönigin handelt es sich meist um die eigene Frau, es kann aber auch mal eine andere sein, die Nachbarsfrau zum Beispiel. Aber es gibt auch hier einen schützenvereinswesenübergreifenden gemeinsamen Nenner: Traditionell ist die Schützenkönigin weiblich.

Vergangenen Sommer aber ereignete sich bei der Bruderschaft St.-Wilhelmini-Kinderhaus der katholischen Universitätsstadt Münster ein Eklat in mehreren Eskalationsstufen.

Stufe 1: Ein Homosexueller, der damals 44 Jahre alte Dirk Winter, gewann die Schießerei und wurde Schützenkönig.

Stufe 2: Der Schützenkönig wählte als Schützenkönigin einen Mann, nämlich seinen Freund, den 37 Jahre alten Oliver Hermsdorf. Man hatte es also mit der grammatikalisch schwierigen Situation zu tun, dass ein Mann ein Amt übernahm, das auf „-in“ endet, also eine männliche Königin. Weswegen man in Münster ihn kurzerhand „Königsgemahl“ nannte.

Stufe 3: Der Dachverband des hier zuständigen Schützenvereins, der Bund der Historischen Schützenbruderschaften, war gelinde gesagt irritiert, und das vermutlich nicht nur wegen der Grammatik. Es kam zum Streit. „Für uns als katholische Gemeinschaft hat das Sakrament der Ehe eine wesentliche, tiefere Bedeutung als jede andere Lebenspartnerschaft”, hieß es damals in einem Brief, mit dem der Münsteraner Verein auf den Pfad der Tradition und Sitte zurückgeholt werden sollte. Man hatte es mit einer Normenlücke zu tun. Nirgendwo stand bisher geschrieben, dass die Königin eine Frau sein müsse.

So ähnlich wie in dem Film „Schweinchen Babe“, in dem ein Schafzüchter an einem Schäferhundwettbewerb teilnahm, aber an Stelle eines Hundes ein Schwein im Hütewettkampf antreten ließ. Auch hier gab es einen in seinen Grundfesten erschütterten Verband, der den Frevel nicht verhindern konnte, weil in der Satzung nicht stand, dass nur Hunde Schäferhunde sein dürfen. Und nicht Schweine.

Das Schwein gewann den Schäferhundwettbewerb – und eroberte im Sturmschritt alle konservativen mittelenglischen Herzen. Anderssein ist nicht per se schlecht, lautete die Botschaft dieses Films, die am Ende jeder verstand.

In Münster war es anders. Man trat in Verhandlungen. Und es zeigte sich alsbald, dass Olli und Dirk, das schwule Königspaar, nicht auf Konfrontationskurs steuern wollten. Schützenvereinsmitglieder sind in aller Regel keine Revoluzzer. Auch dann nicht, wenn sie homosexuell sind. Man schloss einen Kompromiss, der durchaus ein Geschmäckle hatte, was gewiss nicht beabsichtig war: Das homosexuelle Königspaar sollte bei öffentlichen Auftritten nicht mehr neben-, sondern hintereinander marschieren.

Und obwohl das gleichgeschlechtliche Königspaars von der rundum positiven Resonanz des Publikums zu berichten weiß, ließen es die Oberen nicht damit bewenden. Es sollte wieder Ordnung hergestellt werden bei den historischen Schützenbrüdern. Eine grundsätzliche, die Grammatik und die guten Sitten in Westfalen wiederherstellende Ordnung.

Und darum folgt nun am Sonntag Eskalationsstufe 4: die Abstimmung zur Änderung des Regelkatalogs.

Ein Paar besteht aus Mann und Frau

Im Vorfeld der Entscheidung erklärte der Bund der Historischen Schützenkönige, man habe ja natürlich und eigentlich und selbstverständlich rein gar nichts gegen Schwule und auch nichts gegen schwule Schützenkönige. Man wolle nur kein schwules Königspaar. „Es kann und soll auch zukünftig schwule Schützenkönige geben, aber dann bitte mit einer Königin an der Seite“, sagte Rolf Nieborg, Sprecher des Schützendachverbandes. Von ehelichen oder irgendwelchen anderen katholischen Sakramenten ist derzeit nicht mehr die Rede.

Man sei allerdings „der Auffassung, dass es einfach zum traditionellen Rollenverständnis gehört“, dass ein Schwein kein Hund, pardon, dass ein Mann keine Frau sein kann und dass ein Paar aus einem Mann und aus einer Frau besteht. Aber: Gern dürfe die Schützenkönigin auch eine lesbische Dame sein. Und darüber soll nun am Sonntag bei der Bundesvertreterversammlung in Leverkusen abgestimmt werden.

Natürlich hagelt es diesmal wie auch schon damals Kritik. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, spricht von einem „Signal der Intoleranz“ und fordert den Bund der Historischen Schützenbrüderschaft auf, ein Verbot abzulehnen.

Die Verbandspitze ist sich dagegen sicher, dass der Antrag auf Regeländerung angenommen wird. Wenn also in Zukunft ein schwuler Schützenkönig von einer lesbischen Schützenkönigin begleitet wird, ist die Welt in Münster wieder in Ordnung. Jedenfalls soweit es die Grammatik betrifft. So rückständig sind sie also gar nicht im katholischen Westen.