Prozess

Das Gefühl der Ungerechtigkeit des Feuerteufels

André H. zündete in Berlin 102 Autos an. Jetzt steht der 28-Jährige vor Gericht. Der Mann hatte es von Juni bis August vorigen Jahres besonders auf Nobelmarken abgesehen.

Beim ersten Mal war es ein Audi Q 5. Ein großes, repräsentatives Fahrzeug, das nur wenige Meter entfernt von André H.s Wohnung in der Tile-Wardenberg-Straße in Berlin-Moabit stand. Er habe einen Grillanzünder angezündet und ihn auf das Vorderrad des Autos gelegt, erzählt der 28-Jährige vor einer Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts.

Das habe er so in einer TV-Reportage über Auto-Zündler gesehen. „Ich habe noch kurz überlegt, den Grillanzünder wieder wegzunehmen“, sagt André H. Er sei dann aber doch in seine Wohnung gegangen, habe vom geöffneten Fenster aus die Rauchschwaden und das Flackern der Blaulichter der Feuerwehrfahrzeuge gesehen – und dabei „so etwas wie Triumph“ gefühlt. „Beim zweiten Mal“, sagt er, „ging es dann schon leichter.“

Nun muss sich André H. wegen schwerer Brandstiftung vor Gericht verantworten. Der Audi Q 5 war nur eines von 102 Autos, die er vom 7. Juni bis zum 29. August 2011 in Brand setzte, vorrangig Fahrzeuge der Nobelmarken Mercedes, Audi und BMW. Es ist die größte Serie von Brandanschlägen auf Autos, die in Berlin ein Einzeltäter verübte.

André H. gibt das in einer von seinem Verteidiger Mirko Röder verlesenen Erklärung vor Gericht auch unumwunden zu. Das hatte er schon bei der Polizei getan und dort sogar noch zahlreiche Brandstiftungen gebeichtet, für die er nach den Ermittlungen der Soko „Feuerschein“ gar nicht infrage gekommen war.

In dem Prozess wird es also vor allem um das Motiv gehen: Warum zündete er über 100 Autos an, dieser so harmlos wirkende junge Mann, der es der Vorsitzenden Richterin Ruth Heinen bei ihrer Befragung möglichst recht machen will. Der rot wird und etwas von „langer Arbeitslosigkeit“ stammelt, als sie ihn nach seinem Beweggrund für die Brandstiftungen fragt.

Neid war ein Motiv

Er hat mal Maler und Lackierer gelernt, aber nie eine feste Anstellung bekommen. Und auch Umschulungen und Lehrgänge – zum Callcenter-Agenten und zum Kassierer – blieben ohne Ergebnis. Wenige Tage nach seinem letzten Brandanschlag bekam er einen Job im Catering-Bereich eines Hotels in Berlin-Mitte. Mit einem Stundenlohn von 5,80 Euro, aber immerhin eine Arbeit.

„Ich habe erst mit meinem fürchterlichen Treiben aufhören können, als ich eine reale Aussicht auf einen Job hatte und auch tatsächlich wieder in Lohn und Brot kam“, steht in der von Anwalt Röder verlesenen Erklärung. Der Richterin ist das zu wenig. „Sie waren arbeitslos zur Tatzeit?“, fragt sie. André H. nickt. „Aber viele andere sind auch ohne Arbeit“, sagt sie. „Die zünden trotzdem keine Autos an.“ Er nickt erneut.

Ob bei seinen Taten vielleicht auch so etwas wie Neid eine Rolle gespielt habe, setzt Richterin Heinen nach. „Ja, auch das“, antwortet er nach einer kurzen Pause. „Es war so ein Gefühl von Ungerechtigkeit, dass sich Leute so teure Autos leisten können und ich nur in Schulden stecke.“ Das seien ja „reiche Leute“ gewesen, betont er. „Die sollten sich auch mal ärgern. Und ich konnte so kurzzeitig meinen Frust vergessen.“

Es klingt wie auswendig gelernt. Als sei er froh, für sich selbst eine halbwegs schlüssige Rechtfertigung gefunden zu haben. Auch die Richterin scheint es so zu empfinden und wirkt ratlos. Sie fragt ihn, ob die gescheiterte Annäherung an eine Frau der Grund für die Brandstiftungen gewesen sei.

Eine junge Frau in seiner Kirchengemeinde, der er auf seine ganz spezielle Art mitteilte, wie toll er ihren Redebeitrag während eines Gottesdienstes gefunden habe. Er hatte es in einem Gemeinderaum an die Tafel geschrieben und sie später gefragt, ob sie mit ihm mal essen gehen würde. Als es dann wirklich dazu kam, brachte er noch einen Freund mit. Es blieb dann auch das einzige Treffen. „Ja“, bestätigt er, ja, auch dieses Scheitern habe ihn frustriert.

Andre H. war als Missionsleiter bei den Mormonen tätig

Wieder ist es ein Aspekt, wieder nur einer von vielen möglichen. Ob er vielleicht einen Rekord aufstellen wollte, fragt Richterin Heinen. Immerhin, bei der Polizei habe er etwas in dieser Art zu Protokoll gegeben. Auch dass er es spannend fand und „sicherstellen“ wollte, dass über seine Taten im Fernsehen berichtet wird. André H. bestätigt auch das.

Die Richterin fragt jetzt gar nicht mehr. Sie hält ihm Antworten vor, die er bei der Polizei gegeben hat. „Hatten Sie Glücksgefühle?“, wurde er gefragt. „Ich weiß nicht, ob man was von Glücksgefühlen sagen kann, ich war aber sehr aufgeregt“, hatte er geantwortet. „Haben Ihnen die Brandstiftungen geholfen, haben Sie sich anschließend besser gefühlt?“ Und er hatte erwidert: „Geholfen hat es mir nicht wirklich. Denn ich bin ja jetzt hier.“

In den zurückliegenden Monaten wurde im Moabiter Kriminalgericht mehrfach gegen Auto-Brandstifter verhandelt. Es gab die Täter, die aus ideologischen Gründen zündelten, aus Hass auf Reiche und den, wie sie anprangerten, die Luft verpestenden Individualverkehr. Andere Angeklagte hörten von Auto-Brandstiftungen in den Medien und griffen nach einer durchzechten Nacht ebenfalls mal zum Feuerzeug – einfach so. Einer lief dann rußgeschwärzt zurück in die Kneipe und wurde wenig später verhaftet.

Und es gibt Brandstifter wie André H.: ein junger Mann, der nicht raucht, nicht trinkt und auch sonst keine Drogen nimmt; der noch nie eine feste Freundin hatte und sich mit 28 Jahren noch immer die viel zu kleine Wohnung mit der Mutter und einer geistig behinderten Schwester teilt.

Und vorgibt, religiös zu sein, vor vier Jahren Anschluss bei einer mormonischen Gemeinde in Tiergarten fand und dort, bis zu seiner Festnahme, sogar als Missionsleiter tätig war. Eine ganze Reihe von Auto-Brandstiftungen verübte er, als mit seinem Fahrrad von Mitgliedern seiner Gemeinde kam.

Menschen wollte der Täter nicht verletzen

Später sagte er bei der Polizei, dass er sich jetzt vor allem darüber Gedanken mache, was die Mitglieder seiner Gemeinde über seine Brandanschläge denken könnten. „Bei der Aufarbeitung meines Handelns hat mir meine Kirche sehr geholfen“, steht in der von Röder verlesenen Erklärung. „Mehrere Male haben mich Kirchenmitglieder, die sehr enttäuscht von mir sind, in der Haftanstalt aufgesucht. Sogar der Landesbischof meiner Kirche hat nach Vermittlung des Anstaltspfarrers und meines Anwalts den Weg zu mir auf sich genommen.“

Für den Grund, warum André H. die Brandserie beendete, gibt es mehrere Theorien. Er selbst hat gleich zwei: weil er die Arbeit beim Catering bekam und weil er erfuhr, dass bei einem seiner Anschläge fast ein Seniorenheim in Brand geraten wäre. Er hatte es erst vier Wochen später durch eine Fernsehsendung erfahren. „Da war ich schockiert“, sagt er. „Ich habe noch nie einen Menschen körperlich angegriffen und auch nie jemanden verletzen wollen.“

Möglich wäre aber auch eine ganz profane Erklärung: André H. wurde seit dem 30. August, also einen Tag nach seiner letzten Feuerattacke, von Beamten der Soko „Feuerschein“ observiert. Er habe das schnell bemerkt, sagt er. „Die machten das ziemlich auffällig.“

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