B-Parade

Berlins neue Techno-Parade im Kampf gegen Panikangst

| Lesedauer: 7 Minuten
Dirk Westphal

Der Techno-Spaß soll zurück in die Hauptstadt. Zwei Jahre nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg will Berlin mit der B-Parade 450.000 Techno-Fans locken.

Sie soll ein Fest der elektronischen Musik werden, Berlin nichts kosten und vor allem eines sein: sicher – die als Nachfolgerin der Loveparade geplante „B-Parade“. Sechs Jahre nach dem Umzug der Loveparade ins Ruhrgebiet soll das musikalische Großereignis unter diesem Namen nach Berlin zurückkehren.

Die für rund 450.000 Besucher geplante Parade soll am 21. Juli auf der ehemaligen „Loveparade“-Strecke entlang der Straße des 17. Juni stattfinden, erklärte B-Parade-Geschäftsführer Eric J. Nußbaum.

Wie seinerzeit auch werde es wieder zahlreiche DJ- Pults, Musik-Trucks, Bühnen und Imbissstände geben. Der Sicherheit der Besucher werde dabei „höchste Priorität“ eingeräumt werden. Dies sei die Konsequenz aus den Ereignissen von Duisburg im Juli 2010. Seinerzeit waren auf der dortigen Loveparade bei einer Massenpanik wegen unzureichender Fluchtwege 21 Menschen ums Leben gekommen.

Umfassendes Sicherheitskonzept

Nußbaum hat den Sicherheitsfachmann Jens Groskopf mit der Erstellung eines Sicherheitskonzeptes beauftragt. Groskopf ist Chef einer Rettungsingenieurfirma, hat jedoch nach eigenen Angaben keine Erfahrung mit Großprojekten in der geplanten Größenordnung. Die B-Parade mit mehreren hunderttausend erwarteten Besuchern sei „ein Projekt“, das man aber durch gute Planung meistern könne.

Klar sei aber auch, dass es „nie 100prozentige Sicherheit gebe“. Um jedoch die Risiken für die Besucher so weit wie möglich zu vermeiden, werde es einen Koordinierungsstab für alle Sicherheitskräfte „mit klar definierten Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten geben“. In Duisburg hatte es genau daran gemangelt.

Um den Besuchern bei einer möglichen Panik ausreichend Raum zur Flucht zu geben, soll es entlang der Parade- und Veranstaltungsflächen keine Zäune geben. Der Tiergarten werde in seiner gesamten Flächen als „Pufferzone“ dienen, in die die Besucher von den Veranstaltungsflächen aus ausweichen können. Bühnen würden an der Straße des 17. Juni und an der Hofjägerallee aufgebaut, an der Altonaer Straße ist eine „VIP“-Zone geplant, die bis an den großen Stern heranreicht.

Umzäunt wird jedoch der Tiergarten. An den Zäunen würden Zugangskontrollen eingerichtet, an denen alle Besucher auf gefährliche Gegenstände hin untersucht würden, so Großkopf. Man werde „geschultes Personal in großer Zahl“ vor Ort haben. Dies könne notfalls die Zäune öffnen, um Besucher auf oder von dem Gelände zu lassen, falls es zu gefährlichen Staus komme. Oberstes Ziel sei, „aus Störfällen keine Krisenfälle“ werden zu lassen.

Auf die Frage, ob er nie daran gedacht habe, nach den Ereignissen von Duisburg auf eine solche Großveranstaltung zu verzichten, antwortete B-Parade-Geschäftsführer Nußbaum mit einem „Nein“. Natürlich sei man nach den Vorkommnissen geschockt gewesen. Aber es habe ja auch bei Konzerten oder Fußballspielen Unfälle und schon Todesfälle gegeben. „Und niemand kam auf die Idee, deshalb etwa Fußballspiele für immer abzusagen“, so Nußbaum.

Kulturelles Großereignis für Berlin

Außerdem habe Berlin in der Vergangenheit bewiesen, dass die Stadt eine enorme Erfahrung mit Veranstaltungen dieser Größenordnung habe. Ganz falsch ist dies nicht: Ende der 90er-Jahre war die Zahl der Besucher der Loveparade an der Straße des 17. Juni auf bis zu 1,5 Millionen gestiegen. Zu einer Massenpanik mit Todesopfern wie in Duisburg war es in der Hauptstadt nie gekommen, obwohl es Fälle dehydrierter Loveparade-Teilnehmer und solcher mit Schwächanfällen gab.

Erstmals veranstaltet wurde die Loveparade im Sommer 1989 von dem Discjockey Matthias Roeingh alias Dr Motte sowie der Multimediakünstlerin Danielle de Picciotto. Nur um die 150 Teilnehmer registrierte die Polizei, als der bunte Zug der Raver zu Beginn über den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße zog. Es war fast so intim wie bei einem Geburtstag, nur viel lauter.

Die Techno-Beats schalten damals über die gesamte City West. Es war die Hochzeit der Technokultur, als Stars wie Djane Marusha Tausende Raver in die Clubs lockten. Als zu einem „Over the Rainbow“ Tausende wie verzückt über die Straßen tanzten und Berlin weltweit als Hauptstadt der elektronischen Beats bekannt machte.

Die Parade wurde ursprünglich als politische Demonstration durchgeführt, obwohl mit ihr keine eindeutig politischen Meinungsäußerungen verbunden waren. Der Besuch der Parade war kostenlos. 2001 wurde der Veranstaltung der Demonstrationsstatus aberkannt. Sie war nur noch das, was ihre Initiatoren nie als Etikett gelten lassen wollten: eine kommerzielle Veranstaltung.

Genau das war sie jedoch in den späten 90er-Jahren und nach 2000. Getränkehersteller und Sponsoren nutzen das Ereignis für Verkäufe und Promotion. Schließlich gingen die Fernsehbilder um die ganze Welt.

B Parade-Chef Eric J. Nußbaum sagte, es gehe darum, der Bundes- und Musikhauptstadt Berlin wieder ein „kulturelles Großereignis“ zurückzugeben und auch die Clubmacher an dem Ereignis zu beteiligen. Deshalb sei auch ein Shuttle geplant, der die Besucher der Parade nach dem Ende der Veranstaltung zu den Clubs bringe. Innerhalb der Clubszene hält sich die Begeisterung für die B Parade aber in Grenzen. Namen teilnehmende Clubs oder DJ wollte Nußbaum unter Verweis auf andauernde Gespräche nicht nennen.

Kostendeckung durch Sponsoren

Noch nicht beendet sind auch die Gespräche mit den Genehmigungsbehörden, so Nußbaum. Man wolle nicht nur die Müllbeseitigung bezahlen, sondern auch ein Konzept zur Lärmbegrenzung vorlegen. Die auf zwei Millionen Euro veranschlagten Kosten will die Berliner Unternehmerin Dajana Graf mit Hilfe der Einnahmen von Sponsoren und Caterern begleichen.

Die B Parade stehe allen kostenlos offen, und die Erzielung eines Profites stehe „nicht im Vordergrund“. Das hatte jedoch auch schon der Sportunternehmer Rainer Schaller (McFit) behauptet, der die Loveparade ab 2006 veranstaltete. Loveparade-Gründer Dr. Motte hatte sich damals wegen der „Kommerzialisierung“ von der Parade distanziert.

Bisher wollte er zu den neuen Plänen keine Stellung nehmen. Verschlossen gaben sich auch die Tourismuswerber von VisitBerlin. „Wir äußern uns erst dazu“, so Sprecher Christian Tänzler, „wenn die Parade wirklich beschlossen ist“. Ähnlich bewertete man sie auch im Roten Rathaus. Zwar gebe es am „17. Juni“ schon viel „Halligalli“. Aber wenn die Parade „genehmigungsfähig“ sei, habe man gegen sie nichts einzuwenden, sagte Senatssprecher Richard Meng.

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