Fall Lolita Brieger

Mädchenmörder steht nach 30 Jahren vor Gericht

1982 verschwand die 18-jährige Lolita Brieger. Ihre Leiche wurde erst 2011 gefunden, nachdem eine Fernsehsendung den Fall wieder ins Rollen gebracht hatte. Jetzt steht der mutmaßliche Mörder vor Gericht.

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Wer gern und viele Krimis liest, wird sich über eine simple Polizeiwahrheit wundern. Und die geht so: Der Mörder ist immer der Ehemann. Oder der Ex-Mann. Oder der Freund. Oder der Ex-Freund.

Dass weit über 90 Prozent der Morde in Deutschland aufgeklärt werden, liegt also nicht so sehr an der Ermittlungswut oder an der Brillanz der Kommissare, sondern daran, dass es in der Regel ganz leicht ist, den Täter dingfest zu machen, viel leichter jedenfalls als im „Tatort“.

Vor fast 30 Jahren geschah in Deutschland ein Mord, der nicht aufgeklärt wurde. Es war 29 Jahre lang nicht einmal klar, ob das Opfer wirklich tot war. Es gab keine Leiche, und es gab keine Zeugen. Es gab nur eine Vermisstenanzeige verzweifelter Eltern.

Deren Tochter, die damals 18 Jahre alte Lolita Brieger, war auf dem Heimweg verschwunden. Der letzte Mensch, der Lolita lebend gesehen hatte, war eine Arbeitskollegin.

Sie hatte Lolita nach der Arbeit mit ihrem Auto (fast) bis nach Hause gefahren. Nur den letzten Kilometer auf dem Weg in das Eifeldorf Frauenkron wollte Lolita allein gehen. Sie kam nie zu Hause an.

Es gab einen Verdächtigen: Es war ihr Freund, ein drei Jahre älterer begüterter Bauernsohn aus dem Nachbardorf Scheid. Er hatte auch ein Motiv: Es ist bekannt, dass er sich von Lolita Brieger getrennt hatte, und zwar weniger, weil er selbst, sondern wahrscheinlich, weil seine Eltern dies wollten.

Lolita drohte mit Selbstmord. Sie forderte die Ehe. Sie war schwanger

Ihnen hat, so berichteten viele Medien, offenbar die Beziehung ihres Sohnes zu der jungen Frau nicht gepasst. Lolita Brieger war nur eine einfache Näherin; das war möglicherweise nicht standesgemäß. Aber Lolita wollte sich nicht von ihrem Freund trennen. Sie drohte mit Selbstmord. Sie forderte die Ehe. Sie war schwanger.

Bedauerlicherweise hatte der Freund von Lolita nicht nur ein Motiv, sondern auch ein Alibi. Ohne Leiche, ohne Beweise, ohne Geständnis und ohne Zeugen hatte die Staatsanwaltschaft keine Möglichkeit, den Mann der Tat zu überführen.

Die gegen ihn sprechende Wahrscheinlichkeit und die Motivlage allein genügten nicht für eine Anklage. Der hochverdächtige Mann musste auf freien Fuß gesetzt werden und lebte seither ein unbescholtenes Leben als wohlhabender Landwirt und Familienvater in Scheid an der Eifel. Die Familie des Opfers verzweifelte darüber.

Die Kriminalpolizei in Trier schloss die Akte allerdings nicht. Zu wahrscheinlich erschien es den Beamten, dass es eine Lösung geben würde. Der Fall Lolita Brieger wurde zum Cold Case.

Wende nach Jahrzehnten durch "Aktenzeichen XY … ungelöst"

Am Dienstag nun, drei Jahrzehnte nach dem Verschwinden von Lolita Brieger, wird das letzte Kapitel dieser traurigen Geschichte geschrieben werden: Ein Prozess beginnt in Trier, ein Mordprozess. Auf der Anklagebank sitzt jener wohlhabende Landwirt aus Scheid, mit dem Lolita Brieger seinerzeit zusammen war und von dem sie ein Kind erwartete.

Es war also doch der Freund, so wie fast immer in der polizeilichen Praxis. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Lolita vor 30 Jahren in einem Schuppen mit einem Eisendraht erdrosselt und ihre Leiche vergraben zu haben.

Wie war es zu dieser Wendung gekommen? Es war nicht unbedingt polizeilicher Spürsinn, der den Täter überführt hat, aber immerhin eine gehörige Portion polizeilichen Muts . Die Kripo Trier entschied sich, den Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ aufarbeiten zu lassen.

Im August 2011 war sie zu sehen. Gesucht wurde nach Zeugen. Denn die Polizei hegte den Verdacht, dass der Mörder (falls es ihn gab) die Leiche (falls es eine gab) nicht allein hätte beseitigen können, sondern dass es Helfer gegeben haben muss.

An diese Zeugen appellierte die Sendung, an deren Gewissen und an deren Angst vor Strafe. Dem Zeugen wurde Straffreiheit versprochen. Denn die Mithilfe an der Tat war, anders als die Tat selbst, zum Zeitpunkt der Sendung bereits verjährt.

Zwei Wochen wurde auf einer Mülldeponie nach der Leiche gegraben

Es war ein Treffer. Kurz nach der Ausstrahlung der Sendung meldete sich jener Helfer mit dem schlechten Gewissen. Die Leiche, bei deren Beseitigung er seinem Freund geholfen hatte, liege auf einer ehemaligen Mülldeponie, sagte er aus.

Man begann mit der Suche – zwei Wochen lang wurde die Deponie umgegraben , und schließlich wurde die Polizei fündig. Ein Frauenskelett, eingewickelt in Folie, lag unweit vom angegebenen Ort. Den Rest erledigte die Technik.

Die menschlichen Leichenreste wurden mittels DNA-Analyse identifiziert. Es war die Leiche von Lolita Brieger.

Seit August vergangenen Jahres sitzt der mutmaßliche Mörder von Lolita in Untersuchungshaft. Die heute 80 Jahre alte Mutter und eine der Schwestern von Lolita Brieger treten als Nebenklägerinnen im Prozess auf. Sie sind am 22. März vor Gericht geladen.

"Unsere ganze Familie ist daran kaputtgegangen"

Für sie wird der Prozess Klarheit bringen. „Wir haben viel gelitten und leiden immer noch. Unsere ganze Familie ist daran kaputtgegangen“, sagt die Mutter. Lolita Brieger wurde inzwischen neben dem Grab ihres Vaters beigesetzt. Dass sie ihre Tochter endlich begraben konnte, sei eine Erleichterung gewesen, sagte die Mutter. „Es ist beruhigend, dass man jetzt weiß, wo sie ist.“ Und weiter: „Wir hoffen, dass er lebenslang bekommt.“

Die Chancen dafür stehen sehr gut. Die Sachlage hat sich vollständig gedreht: Es gibt eine Leiche, es gibt einen Zeugen. Die Umstände deuten darauf hin, dass die Tötung von Lolita Brieger aus niederen Beweggründen geschah – damit wäre eines der fünf Mordkriterien erfüllt, die es im deutschen Strafrecht gibt. Doch das muss der Prozess klären.

Auf Mord steht lebenslang, was nicht wörtlich zu verstehen ist, es sind nach dem Strafgesetzbuch 25 Jahre Gefängnis. Wäre der Täter früher überführt worden, wäre er jetzt womöglich schon wieder auf freiem Fuß.

Nun wird sich der heute 50-Jährige aller Voraussicht nach darauf einstellen müssen, seinen Lebensabend im Gefängnis zu verbringen.