Modetrend in Berlin

Bart ab oder Bart dran – das ist hier die Frage

| Lesedauer: 7 Minuten
Britta Klar

Foto: David Heerde

Voll oder fusselig, lang oder kurz: Mehr und mehr Berliner tragen ihre Bärte stolz vor sich her. Nicht jedem gefällt das, doch das schert die jungen Kreativen wenig.

Er liegt im Trend: der Vollbart. Auf den Straßen Berlins sind viele Bartträger anzutreffen. Volle, längere, kürzere – aber fast immer gestutzte Bärte. Bart: ja – ungepflegt: nein. Christoph (40), Fotograf aus Prenzlauer Berg, trägt seinen Bart bereits seit zwölf Jahren. „Ich finde einfach, dass ich besser damit aussehe. Eine Zeitlang war es ja auch ein Statement, einen Bart zu tragen: Ich bin kein glatt rasierter Yuppie!“ Darum gehe es ihm aber nicht. Obwohl der Fotograf sogar mal ganz auf Natur gesetzt hat: „Ich sah auch schon mal aus wie Reinhold Messner“, sagt er. Wie das bei den Frauen ankam? „Erstaunlich gut, ich war total überrascht. Ich habe ohnehin noch nie erlebt, dass sich eine Frau über meinen Bart beschwert hat.“

Es gibt viele Spitznamen für die männliche Gesichtsbehaarung, dass es unmöglich ist, sie hier alle aufzuzählen – und ehrlich gesagt, bei einigen ist es auch nicht ganz schicklich. Eines lässt sich jedoch immer wieder feststellen: Spricht man das Thema „Männer mit Bart“ an, gehen die Diskussionen los. Ein „Ist mir eigentlich egal“ kommt dabei selten vor. Gerade Frauen sind klare Pro- oder Kontra-Verfechter. Die eine fühlt sich an Papa erinnert, die andere sieht im Bart den Innbegriff von Männlichkeit – nicht umsonst zählt der Bart zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen. Dennoch schreien viele Frauen beim Thema Bart: „Das piekst beim Küssen.“

Trotzdem: Der Bart gehört nun einmal zum Mann dazu. Ob er ihn nun trägt oder nicht. Besonders häufig sieht man den Bart schon seit einiger Zeit beim Hipster, jungen Kreativen zwischen 25 und 35 Jahren. Für Friseurin Myriam Mundt aus Kreuzberg ist das ein eher unschöner Trend. „Die spielen jetzt alle ,Der Mann in den Bergen'. Wer einen lückenlosen Bart aufzuweisen hat, trägt ihn stolz vor sich her“, sagt Myriam Mundt. „Zum Hipster-Look dazu gehört die Röhrenjeans, die Brille – egal, ob notwendig, oder nicht –, die Frisur mit Seitenscheitel, gern auch etwas länger. Ich finde, ein Bart macht sie viel älter, als sie sind. Außerdem sieht es für mich immer eher ungepflegt aus“, sagt die Friseurin. Und auch bei ihr ein Argument: „Beim Küssen piekst es das Gesicht kaputt! Ich bin höchstens ein Fan des Drei-Tage-Bartes. Länger und mehr bitte nicht.“

Für die Männer des „1. Berliner Bart-Clubs“ sind die Bärte allerorten nichts weiter als eine „Modeerscheinung“. „Das sind ja höchstens so ausrasierte Fünf-Tage-Bärte. Wir dagegen sind echte und vor allem überzeugte Bartträger“, sagt Lutz Giese, der Gründer des Bart-Clubs, von denen es in Deutschland 15 gibt. Verschrieben haben sie sich der „Tradition und dem Brauchtum des Bartes“. Lutz Giese, amtierender Weltmeister in der Kategorie „Kinn- und Backenbart Chinese“, trägt seit seiner Pubertät einen Bart. „Ich habe auf den Bildern von meinen Groß- und Urgroßvätern schon immer deren Bärte bewundert und schon als Kind gesagt: Wenn ich groß bin, will ich auch einen haben!“. Der wichtigste Aspekt für ihn beim Barttragen: Gepflegt muss es sein. Da wird gern auch mal eine Pferdemark-Haarkur in den Bart geknetet und vor den Wettkämpfen kommt eine Tönung in die Haarpracht. Lutz Giese sagt selbst: „Zu 99 Prozent gehe ich ungestylt nicht aus dem Haus! Nur, wenn ich in Norwegen beim Angeln bin, frisiere ich meinen Bart nicht.“ Ansonsten braucht er jeden Morgen 30 Minuten, um die Pracht in Form zu bringen. 24 Zentimeter trägt er links und rechts des Kinns. „Das sind quasi zwei Schaschlikspieße“, sagt Giese und lacht.

Für Stilberaterin Bettyna Pöltl, Gründerin und Leiterin des Image Instituts Berlin, ist der Bart so eine Sache für sich. „Wenn Männer zu mir kommen und sagen, sie wollen Karriere machen, dann empfehle ich ihnen keinen Bart. Mit Wahrheit und Klarheit im Gesicht kann man einfach besser Karriere machen“, sagt die Beraterin, die mehr als 20 Jahre Berufserfahrung hat. „Meine Mutter hat immer gesagt: Wer einen Bart hat, der hat etwas zu verstecken“, sagt Bettyna Pöltl. Natürlich gebe es markante Persönlichkeiten, denen ein Bart schlichtweg steht, gut sei ein Bart auch „bei einem spitzen Kinn oder einem Doppelkinn“. Aber da würde dann ja die „Ich-hab-was-zu-verstecken“-These greifen.

Werber oder Künstler

Ansonsten sei der Drei-Tage-Bart und vor allem der Vollbart eben ein Trend bei jungen Männern, die eher aus ähnlichen Branche kommen: Werber oder Künstler. „Bei jemandem wie dem Designer Harald Glööckler beispielsweise ist der sehr spezielle Bart ja geradezu ein Markenzeichen“, sagt die Stilberaterin. „Aber er ist eben auch ein Künstler. Es ist schon sehr auffällig, dass in großen Unternehmen oder eben ab einer bestimmten Position auf der Karriereleiter, keine Bärte mehr anzutreffen sind. Oder zumindest nur sehr, sehr wenige.“

Anders in der Berliner Szene: Bei Gordon Ashdown (35) aus dem „Natural Deli Cereals No. 29“ gehört der Bart seit Jahren zum Gesicht dazu. Als er ihn einmal abnehmen wollte, hielt seine Freundin ihn davon ab: „Ich durfte nicht!“ Und Drew aus Toronto will gar nicht. Für den 35-jährigen Künstler aus Berlin-Mitte, der seinen Bart seit vier Jahren hat, verhält es sich ganz einfach: „Für mich ist das keine bewusste Entscheidung für einen Bart. Es ist doch eine viel größere Entscheidung, sich jeden Tag zu rasieren, als einfach nichts zu machen, oder?“

Eine andere Entscheidung sorgte erst vor wenigen Wochen für Aufsehen: In einem geradezu revolutionären Schritt, der Anfang Februar in Kraft trat, erlaubt der Disney-Konzern seinen Angestellten in den Freizeitparks, einen Bart zu tragen – wenn auch nur mit einer Länge von maximal 13 Millimetern und mit einem „allgemein ordentlichen, sauberen und professionellen“ Eindruck. Das Bartverbot wurde Mitte der 50er-Jahre von Walt Disney höchstselbst aufgestellt. Erstaunlich – trug der Großmeister der Phantasiefabrik doch sein Leben lang einen Schnauzbart.

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