Zugunglück in Polen

"Wir flogen wie Taschen durch das Abteil"

16 Menschen sind bei einem schweren Zugunglück zwischen Warschau und Krakau gestorben. Die Lokführer haben wie durch ein Wunder überlebt. Weitere Überlebende schildern die Katastrophe.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Später Sonnabend, es ist 20.57 Uhr: An die 250 Menschen sind im Intercity auf dem Weg von Przemysl nach Warschau. Etwa 120Personen reisen in demselben Moment in der Gegenrichtung von Warschau nach Krakau. Niemand hat registriert, dass der zweite Zug irgendwo auf das falsche Gleis geraten ist. In der Nähe der Ortschaften Szczekociny und Zawiercie, am Rande des oberschlesischen Industriereviers, stoßen die Züge mit insgesamt elf Waggons in der Dunkelheit auf einem Gleis frontal zusammen.

Ein Unglück von großen Ausmaßen und, soweit bekannt, die größte Eisenbahnkatastrophe in Polen seit 1990: Mindestens 16 Menschen kamen ums Leben, 58 Personen wurden nach Angaben der Behörden verletzt, viele von ihnen schwer. Das 16. Todesopfer wurde erst am Sonntagnachmittag in einem der zerstörten Waggons entdeckt. Die Verletzten, die in 15 Krankenhäuser der Umgebung gebracht wurden, haben zumeist Wirbelsäulen-, Becken- und andere Brüche, Gehirnerschütterungen und innere Verletzungen. Unter den Verletzten sind auch je ein Reisender aus Tschechien und der Ukraine, weiteren Meldungen zufolge auch aus den USA und Spanien. Zumindest die Verletzten konnten alle schnell identifiziert werden.

Die Bewohner eines nahe gelegenen Dorfes waren die ersten Helfer am Unfallort. Sie halfen, Verletzte aus den entgleisten Waggons zu bergen. Später versorgten sie die Passagiere auch mit Decken und heißen Getränken. „Wir sahen viele Menschen, die im Zug gefangen waren“, sagte ein Helfer. „Wir versuchten, die Fensterscheiben einzuschlagen, damit sie es leichter hatten.“

Bauarbeiten auf dem Nachbargleis

An der Unglücksstelle arbeiteten die ganze Nacht etwa 450 Feuerwehrleute und 100 Polizisten. Mit Spürhunden suchten Rettungskräfte in den Trümmern der Waggons nach Überlebenden. Zur Versorgung der Verletzten wurden beheizte Zelte errichtet. Neben Krankenwagen waren auch Hubschrauber im Einsatz. Ebenfalls noch in der Nacht nahmen sieben Staatsanwälte ihre Arbeit auf. Sie sicherten Beweise und prüften den Zustand der Gleisanlagen. Zwei Mitarbeitern der Bahn in Szczekociny wurden Blutproben abgenommen. Es gebe keine Hinweise auf Alkoholkonsum, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Noch am Abend des Unglückstages waren Premier Donald Tusk und weitere Regierungsmitglieder an den Unglücksort geeilt. Tusk versicherte die Opfer und ihre Familien seines Mitgefühls. Am Sonntag besuchte Staatspräsident Bronislaw Komorowski den Unglücksort und ein Krankenhaus. Er ordnete Staatstrauer an. Bundesaußenminister Guido Westerwelle übermittelte die Anteilnahme der Bundesregierung. Die letzten großen Zugunglücke in der EU ereigneten sich 2011 in Deutschland (zehn Tote) und ein Jahr davor in Belgien (18). In Polen wurden bei einem Zugunfall im Jahr 1997 zwölf Menschen getötet.

Die Schilderungen der Überlebenden verraten nicht viel über das Unglück. „Es gab keine Notbremsung, es gab nur den Aufprall. Plötzlich wurde es finster und der Zug stoppte“, berichtete der Reisende Dariusz Wisniewski dem Fernsehsender TVN24. „Als wir ausstiegen, sahen wir, was passiert war. Wir sahen die Verletzten und die Toten. Ich konnte es gar nicht glauben.“ Ein anderer Reisender sagte: „Die Lichter gingen aus, alles flog durch die Luft. Wir flogen wie Taschen durch das Abteil.“ Umso erstaunlicher ist, dass die Lokführer nach Medienberichten offenbar überlebt haben und verhört werden konnten.

Die Staatsanwaltschaft will zunächst in zwei Richtungen ermitteln: menschliches Versagen und technische Pannen. Auf dem Nachbargleis waren offenbar Reparaturarbeiten im Gange. In einer Fernsehdiskussion zu den Ursachen forderte ein Abgeordneter: „Das Problem ist die Es-wird-schon-irgendwie-klappen-Mentalität. Wir sollten Schluss machen mit dem Durchwursteln.“ Die Staatsbahn PKP war in den letzten Jahren immer wieder ein Sorgenkind der Regierung. Das Positivste, was man über sie sagen kann, ist, dass das Bahnfahren in Polen immer noch relativ billig ist. Doch Fahrplanwechsel führten immer wieder zu chaotischen Zuständen. Hochwasserschäden an Bahnstrecken vor zwei Jahren umgerechnet mehr als 80 Millionen Euro.

Zurück im Parlament werde man alle Sachargumente wieder vergessen haben, hieß es von manchen Seiten in der nach dem Unglück entbrannten Debatte. Der Abgeordnete Janusz Palikot sagte: „Katastrophen gibt es überall, aber wir haben ein Problem damit, daraus zu lernen. Ex-Innenminister Ryszard Kalisz sagte, ein Problem sei der Druck der Boulevardzeitungen. Die Regierung suche deswegen oft nach der billigsten, nicht nach der rationalsten Lösung.