"Costa Concordia"-Unglück

Kapitän Schettino ließ Crew Küstenwache belügen

Aus den Verhören zum "Costa Concordia"-Unglück sind unangenehme Details über Kapitän Schettino durchgesickert. Er soll der Crew befohlen haben, den Unfall zu vertuschen.

Der Kapitän des vor der Toskana-Insel Giglio gekenterten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" hat offenbar seine Mannschaft angewiesen, die Küstenwache über das Ausmaß des Unglücks zu belügen. Der erste Offizier Ciro Ambrosio habe dies ausgesagt, berichteten mehrere italienische Medien unter Berufung auf Verhörprotokolle.

"Kapitän Schettino hat uns befohlen, der Küstenwache zu sagen, dass alles unter Kontrolle sei", sagte Ambrosio laut der Tageszeitung "Corriere della Sera". Francesco Schettino werden unter anderem fahrlässige Tötung und das vorzeitige Verlassen des Schiffs vorgeworfen.

Zuvor hatten auch andere ehemalige Mitglieder schwere Vorwürfe erhoben. Unter anderem soll die Crew häufig Drogenpartys gefeiert haben. "Die Offiziere und Besatzungsmitglieder waren sehr oft betrunke n", sagte demnach ein Besatzungsmitglied, das 2010 zwei Monate lang auf der "Costa Concordia" arbeitete.

"Wir haben uns auf den Partys oft gefragt: 'Wer würde das Schiff retten, wenn es einen Notfall gibt?'", sagte die Frau laut "La Stampa". Auch gab sie an, von einem Besatzungsmitglied sexuell belästigt worden zu sein, das "vollkommen auf Drogen" war.

Kapitän fürchtet um seine Sicherheit

Inzwischen sind die Ermittlungen nach der Havarie der "Costa Concordia" vor der italienischen Küste in eine neue Phase getreten. Hunderte Anwälte, Ermittler, Experten und Passagiere sind zu der ersten gerichtlichen Anhörung und dem Beweissicherungsverfahren zusammengekommen.

Im Mittelpunkt der Erörterungen stand die "black box", der Datenschreiber des am 13. Januar vor der Insel Giglio gekenterten Kreuzfahrtschiffes. Von dem Aufzeichnungsgerät erhoffen sich die Ermittler weitere Aufschlüsse über den Unfallhergang. Wegen des starken Andrangs wurde die nichtöffentliche Anhörung in einen größeren Theatersaal verlegt, der von der Polizei abgeriegelt wurde.

Der schwer beschuldigte Kapitän Francesco Schettino erschien nicht. Sein Mandant müsse um seine Sicherheit fürchten, hatte sein Verteidiger zuvor erklärt. Es gehe aber zunächst nicht um Verhandlungen über das Unglück, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

"Macht bitte bekannt, dass dies jetzt nicht der Ort ist, um den Datenschreiber wie einen Kasten zu öffnen und zu hören, was am Abend der Havarie gesprochen wurde", warnte ein Ermittler vor zu hohen Erwartungen.

Die "Costa Concordia" war am 13. Januar vor der toskanischen Küste auf Felsen gelaufen und gekentert, 32 Menschen starben. Schettino hatte gestanden, zu nah an der Insel Giglio vorbeigefahren zu sein.

Rüge wegen Unfall in Warnemünde

Offenbar gab es schon früher Probleme mit Schettino: Der italienischen Zeitung "La Stampa" zufolge wurde er von seinem Arbeitgeber gerügt, weil er mit überhöhter Geschwindigkeit ein anderes Kreuzfahrtschiff gerammt hatte .

Er habe 2010 als Kapitän der "Costa Atlantica" im Hafen von Warnemünde mit einer Geschwindigkeit von 7,7 bis 7,9 Knoten manövriert und dadurch Schäden am Kreuzfahrtschiff "Aida Blu" verursacht, zitierte "La Stampa" aus einem Schreiben von Schettinos Arbeitgeber Costa Crociere.

Die Reederei der "AIDAblu" dementiert zwar einen Schiffsunfall. "Es entstand eine Sogwirkung, die leichte Schiffsbewegungen verursachte. Dies ist kein außergewöhnlicher Vorfall", sagte die Reedereisprecherin. Die zu dem Zeitpunkt ausgefahrene Proviantladerampe von "AIDAblu" sei durch die leichte Schiffsbewegung minimal beschädigt worden. Es habe zu keiner Zeit eine Gefahr einer Kollision oder für die Crew und Passagiere bestanden, hieß es weiter.

Allerdings lässt Schettinos eigene Erklärung für den Unfall Zweifel aufkommen. Denn den Ermittlungsakten zufolge rechtfertigte sich der Kapitän damals in einer schriftlichen Antwort an die Reederei so: Er habe die Geschwindigkeitsbegrenzung in dem Hafen nicht gekannt und von den zuständigen deutschen Behörden keine Anzeige wegen eines Verstoßes erhalten. Der Unfall müsse "wahrscheinlich durch Begleitumstände" verursacht worden sein.