Gestrandete Costa-Urlauber

"Kein Licht, keine Toiletten" – die Allegra-Odyssee

Drei Tage saßen mehr als 1000 Menschen auf der "Costa Allegra" vor den Seychellen fest. Nun liegt das Schiff im Hafen. Viele Urlauber berichten von furchtbaren Strapazen.

„Kristallschiff“ wird die „Costa Allegra“ wegen ihrer großen Fensterfronten auch genannt. Kristallklar ist aber nur eins: Diese Kreuzfahrt war ein Desaster. Viele der mehr als 600 Passagiere versammelten sich auf den oberen Decks, um die Ankunft auf der Seychellen-Hauptinsel Mahé hautnah mitzuerleben.

Es ist ein Bild des Jammers, wie ein kleiner Trawler den mit 399 Kabinen und 13 Suiten ausgestatteten Kreuzfahrer in den Port Victoria zieht. Das „dynamisch-mitreißende Urlaubserlebnis“, das die Reederei Costa Crociere auf ihrer Webseite verspricht, ist gründlich daneben gegangen.

Österreicherin kollabierte wegen Hitze

Es ist heiß auf den Paradies-Inseln im Indischen Ozean – und auf einem Kreuzfahrtschiff, das drei Tage lang manövrierunfähig und ohne Strom und Klimaanlagen durch die Gewässer gezogen wurde, haben die Tropen-Temperaturen die Passagiere auf eine harte Probe gestellt.

Die Kabinen waren keine Alternative zur Äquator-Sonne. „Drinnen konnte man es gar nicht aushalten“, sagt der Deutsche Franz Mayer. Beim Einlaufen in den Port Victoria haben manche Handtücher auf dem Kopf, andere fächern sich unter Sonnenhüten ununterbrochen Luft zu.

„Eine Österreicherin soll kollabiert und sofort nach der Ankunft in ein Krankenhaus gebracht worden sein“, sagt Leona Zacek, die den österreichischen Konsul beim Empfang der 97 Landsleute unterstützt.

Auch 38 Deutsche und 90 Schweizer waren an Bord, als am vergangenen Montag plötzlich ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und das Riesenschiff lahmlegte. Mehrere Passagiere sollen verletzt sein, das Gesundheitsministerium in Victoria spricht von Armbrüchen – was genau auf dem Schiff passiert ist, bleibt aber unklar.

Erschöpfte Urlauber in Sicherheit

Das Wichtigste ist, dass die über 1000 Menschen an Bord alle am Leben sind und viele von ihnen zwar erschöpft, aber unversehrt an Land gegangen sind.

Es ist 6.30 Uhr (MEZ), 9.30 Uhr auf den Seychellen, als zunächst der französische Fischtrawler und dann die „Costa Allegra“ hinter der Insel Saint Anne am Horizont auftauchen. Dutzende Journalisten, die zuvor eher in einer Art Happening im Gras des Port Victoria gehockt haben, bringen sich nervös in Stellung. Jeder will das erste Bild, den besten Film der Ankunft erhaschen.

Ob die Urlauber geahnt haben, welcher Medienrummel sich in den vergangenen Tagen um ihre Unglücksfahrt aufgebaut hat? Immerhin war die Kommunikation vom Schiff ohne Strom nicht einfach. Das Bild ist nicht ohne Komik: Die Journalisten fotografieren die Menschen auf dem Schiff und die Menschen auf dem Schiff die Journalisten. Manche winken, alle wirken erleichtert.

So schnell wie möglich nach Hause

Einmal in Sicherheit hat es plötzlich keiner mehr eilig, das Schiff zu verlassen. Nach und nach kommen sie langsam die Gangway herunter, viele ältere Menschen sind darunter.

Nach Angaben der für die Inselgruppe zuständigen deutschen Botschafterin Margit Hellwig-Bötte, die aus Kenia einflog, sind 300 Passagiere älter als 65 Jahre. „Als erstes werde ich den Deutschen sagen: „Ich freue mich, dass Sie gesund hier angekommen sind!“

Denn schließlich hätten ja alle noch die Bilder der im Januar vor der toskanischen Küste havarierten „Costa Concordia“ vor Augen – eine Katastrophe, die mindestens 25 Menschen das Leben gekostet hat. „Aber die war ja auf einen Felsen aufgelaufen, und hier ist etwas völlig anderes passiert“, sagt die Diplomatin. Dennoch: „Von dem Schreck müssen sich die Leute jetzt erstmal erholen.“

Das wird nun jeder auf seine Weise tun. Manche wollen so schnell wie möglich nach Hause, mehr als die Hälfte bleibt noch für einige Tage oder sogar Wochen auf den Seychellen. Einige wollen reden, viele wollen das Erlebte schweigend verarbeiten. Alle wollen sie duschen.

„Die Sache war relativ perspektivlos“

Einige Passagiere schilderten sichtlich bewegt ihre Erlebnisse an Bord. „Es war absolut schrecklich“, sagte ein 82-jähriger Franzose namens Henri. „Kein Licht, keine Toiletten, ich konnte an Deck kaum schlafen zwischen so vielen dicht gedrängten Menschen.“ Die 62-jährige Belgierin Alena Daem sagte, sie sei „erschöpft, aber vor allem froh, dass das alles vorbei ist“.

Wie das Drama begann, daran erinnert sich Sebastian Veit aus Schwäbisch Gmünd noch gut. Nach dem Feuer im Maschinenraum „ging überhaupt nichts mehr“, erzählt er.

Zwar funktionierte seinen Angaben zufolge anfangs noch ein Generator. Aber als der gegen 17 Uhr Ortszeit dann auch schlapp machte, sei die Angst umgegangen. „Wir sind ja hier nicht in der Nordsee“, sagt der 36-Jährige.

Franz Mayer aus der Nähe von Koblenz. erklärt, die Tage seien äußerst stressig gewesen. Vor allem seine Frau habe große Angst gehabt. „Wir waren alle schon bereit, in die Rettungsboote zu gehen“, sagt er und erinnert an den Katastrophenfilm „Titanic“. „Die Sache war relativ perspektivlos.“

Vom versprochenen Paradies keine Spur

Marianne Thon, eine Deutsche, die in San Francisco lebt, wird emotional, als sie an den Unglückstag zurückdenkt. „Plötzlich ging der Alarm los...“, sagt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die Stimme stockt. Dann ergänzt sie mit Blick auf den Trawler, der den Kreuzfahrer schleppte: „Und seither ging es wirklich immer nur im Schneckentempo voran.“

Aber der Kapitän und die Crew hätten alles getan, um die Passagiere zu beruhigen und zu verwöhnen, betonen alle einstimmig. Dennoch: Die Lage war alles andere als angenehm. Kein paradiesischer Luxus inmitten der Inselwelt der Seychellen – stattdessen quälende Hitze wegen des Ausfalls der Klima-Anlagen: „Wir haben alle quasi im Schwimmbad gelebt“, sagt Mayer. Der Pool sei ständig voll gewesen.

Veit erinnert sich vor allem an die kulinarischen Folgen des Unfalls: „Morgens Sandwich, mittags Sandwich, abends Sandwich, da hat man irgendwann genug.“

Aber immerhin habe es nie an Lebensmitteln und Trinkwasser gemangelt, auch wenn die Ernährung drei Tage und drei Nächte lang sehr einseitig war. „Jetzt freue ich mich auf eine Dusche, aufs Internet und auf was Gutes zu essen“, sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Er bleibt noch 14 Tage auf den Seychellen mit Traumstränden und der einzigartigen Flora und Fauna. „Die Reederei hat uns ein wirklich großzügiges Angebot gemacht, Respekt, da kann man sich nicht beklagen“, sagt er. Mayer hingegen hat fürs erste genug vom türkis-blauen Meer: „Wir wollen möglichst schnell heim“, erklärt er. „Ich bin nicht in der Stimmung, hier noch Urlaub zu machen.“

Imageschaden für die Seychellen?

Bleibt die Frage, ob die Unglücksfahrt mit dem Happy End dem Tourismus auf den Inseln schaden wird, die den Großteil ihrer Einnahmen mit dieser Branche verdienen.

„Nein“, sagt ein Mitarbeiter der örtlichen Reiseagentur „Creole Travel Services“ (CTS), die für die Logistik bei der Landung mitverantwortlich war. „Ich glaube eher, dass die vielen eingeflogenen ausländischen Journalisten letztlich Werbung für die Seychellen machen werden, und das ist das einzig Positive an dieser Geschichte.“

Traurig ist er nur darüber, dass die „Costa“-Touristen nicht alle Inseln besuchen konnten, die für die Kreuzfahrt geplant waren. Vielleicht ein andermal? Eine Italienerin, die sich zuvor leidenschaftlich vor Reportern über das Erlebte ausgelassen hat, wird im Weggehen gefragt: „Würden Sie jemals noch mal eine Kreuzfahrt machen?“ Ohne zu zögern, ruft sie: „Si!“