Backzutaten

Mäusekot und Kakerlaken im Mehl bei Müller-Brot

In der oberbayerischen Großbäckerei Müller-Brot haben Kontrolleure auch in Zutaten Ungeziefer entdeckt. Der Skandal um die katastrophalen hygienischen Verhältnisse ist zum Politikum geworden. Schuld sein will allerdings niemand.

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In der oberbayerischen Großbäckerei Müller-Brot haben Kontrolleure auch in Zutaten Ungeziefer entdeckt. Eine Gesundheitsgefahr für Kunden habe aber nicht bestanden, teilte das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit am Freitag in Erlangen mit. Weder auf noch in Backwaren seien bei Laboruntersuchungen „Schädlinge oder Mäusekot“ festgestellt worden.

Eine Behördensprecherin sagte, nach dem Fund von Ungeziefer in vier Proben von Zutaten Ende Januar sei der Betrieb in der Brotfabrik umgehend stillgelegt worden. Fertige Backwaren seien entsorgt, bereits ausgelieferte Produkte zurückgeholt und vernichtet worden.

Wegen verschmutzter Maschinen und Schädlingen muss die Großbäckerei aus Neufahrn seit anderthalb Wochen die Produktion ruhen lassen. Bis zum 17. Februar will Müller-Brot die Mängel vollständig beseitigt haben. Dann soll wieder produziert werden. Seit Mitte 2009 hatten Kontrolleure die Brotfabrik 21 Mal besucht und dabei teils große Hygieneprobleme aufgedeckt.

Kritik an mangelnder Information

Dass die Öffentlichkeit darüber nicht informiert wurde, ärgert die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Deren Vize-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt sagte, ahnungslose Verbraucher hätten Millionen Brötchen und Brotlaibe von Müller-Brot gegessen, „während bayerische Beamte wegen Mäusekot und Kakerlaken in der Großbäckerei ein- und ausgingen“. Behörden müssten verpflichtet werden, Verbraucher über Gammelfleisch-Funde und Ekel-Lebensmittel zu informieren.

Auch die Grünen kritisierten die mangelnde Auskunft. „Die Behörden haben sich hier offenbar zu sehr von den wirtschaftlichen Interessen der Firma Müller-Brot leiten lassen und damit den Arbeitsplätzen erst recht einen Bärendienst erwiesen“, sagte der Landtagsabgeordnete Christian Magerl. Er fügte an: „Nach allem, was jetzt an Schädlingsbefall bekannt wurde, erscheint es schwer vorstellbar, dass die Ware bei der Auslieferung bedenkenlos war.“

Müller-Brot bedauerte derweil die Entwicklung. Man sehe aber auch die Chance für einen „grundlegenden Neustart“, erklärte das Unternehmen. Um in Zukunft die hohen Anforderungen zu übertreffen, packe Müller-Brot die Reinigung und die Umbauten „grundsätzlich“ an.

Müller-Brot vor Personalabbau

Nach dem Hygieneskandal und der erzwungenen Schließung seiner Backfabrik in Neufahrn steht Müller-Brot vor einem Personalabbau. „Die Geschäftsführung befürchtet, dass es zu einem Stellenabbau kommen wird“, sagte der Vertreter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Mustafa Öz, am Freitag. Bei einem Treffen von Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft sei von Millionenverlusten seit dem Produktionsstopp die Rede gewesen. Der Betrieb ruht seit fast zwei Wochen.

An dem Gespräch nahm auch Mehrheitsgesellschafter Klaus Ostendorf teil. Nach den Angaben von Öz steht Ostendorf zu Müller-Brot und will in die Sanierung des Unternehmens investieren. Ausstehende Löhne und Gehälter sollen gezahlt werden. Als Konsequenz aus dem Hygieneskandal habe Ostendorf den für die Produktion verantwortlichen Geschäftsführer von dieser Aufgabe entbunden.

Nach einer Abnahme durch die Lebensmittelbehörden sei beabsichtigt, in einer Woche wieder Semmeln und Brot zu backen, sagte Öz, „allerdings vorerst nur in Teilbereichen“. Alle hofften, dass die Produktion am nächsten Freitag wieder anläuft – „wenn nicht, wäre das eine Katastrophe“. Zu einer Betriebsversammlung wurden am Samstagabend rund 500 Beschäftigte erwartet.

Mitgesellschafter Michael Phillips beklagte, dass er nicht über die Missstände in der Fabrik informiert worden sei. „Dies war sicher eine eklatante Fehlentscheidung.“ Die Maßnahmen zur Krisenbewältigung lägen „ausschließlich in der Verantwortung der Geschäftsleitung“. Phillips ist seit 2003 passiver Teilhaber bei Müller-Brot, er hält 40 Prozent der Firmenanteile.

Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen bleibt indes auch nach Bekanntwerden neuer Details über die hygienischen Mängel dabei, dass eine Gefahr für die Verbraucher auszuschließen sei. Dies hätten Betriebskontrollen und die Untersuchung von Proben ergeben. Mäusekot und Ungeziefer wurden nur in Backzutaten, nicht aber auf oder in fertiger Ware nachgewiesen, wie am Freitag erneut versichert wurde. Mehrmals mussten jedoch Lebensmittel entsorgt werden, weil „im Umfeld der Produktion unhygienische Umstände vorgefunden wurden“, so eine LGL-Sprecherin. Dies betrifft auch bereits ausgelieferte Ware.

Nach Ansicht der Verbraucherorganisation foodwatch zeigt der neue Lebensmittelskandal die Notwendigkeit zur Verpflichtung der Behörden, Verbraucher über derartige Vorkommnisse zu informieren. „Solange Ämter die Verbraucher laut Gesetz nur informieren sollen, aber nicht müssen, behalten sie ihr Wissen für sich“, kritisierte foodwatch mit. „Ahnungslose Verbraucher haben seit März 2010 mehr als 640 Millionen Brötchen und 45 Millionen Brotlaibe von Müller Brot gegessen, während bayerische Beamte wegen Mäusekots und Kakerlaken in der Großbäckerei ein- und ausgingen.“