Kältewelle

Ganz Europa erstarrt in einer neuen Eiszeit

Die extremen Minusgrade kosten bereits 220 Menschen das Leben, auch in Deutschland gibt es zwei Kältetote. Und es geht frostig weiter. In Berlin ist es dagegen erträglich: Unter zehn Grad minus sind die Temperaturen tagsüber noch nicht gesunken.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Europa friert. Und Menschen erfrieren. Die anhaltende Kältewelle forderte schon 220 Tote – vor allem im Osten des Kontinents. Aber auch im Westen ist es so kalt wie lange nicht mehr. Schnee in Rom und auf Mallorca – das gibt es selten. In Deutschland wurde am Freitag die bislang frostigste Nacht dieses Winters gemessen. Am Funtensee in Bayern wurden minus 35,3 Grad gemessen. Und auch in Deutschland gibt es schon Kältetote. Eine Reise über den frostigen Kontinent.

Der sibirische Nordosten

Im Osten, wo die Kälte herkommt, sind die Folgen dramatisch. Die meisten der Kälteopfer von Hoch „Cooper“ starben in Osteuropa – fast alle lebten nach Angaben der Behörden auf der Straße.

Trotz Tausender Großzelte, in denen sich die Menschen aufwärmen können, bekommen die ukrainischen Behörden die Lage offensichtlich nicht in den Griff. Am Donnerstag waren in der Ukraine 63 Kältetote zu beklagen. Nur einen Tag später war die Opferzahl auf „über hundert“ gestiegen. Genaue Angaben gibt es nicht. Wohl auch, weil die Behörden den Überblick verloren haben.

Mehr als 1600 Menschen mussten sich wegen Unterkühlung oder Erfrierungen im Krankenhaus behandeln lassen. Landesweit sind knapp 90 Prozent der Schulen geschlossen, Hunderttausende Schüler haben „kältefrei“. Die ukrainischen Behörden kündigten an, mehr Gas aus Russland zu importieren, um die Notlage der Bevölkerung in den Griff zu kriegen.

Russlands Behörden meldeten 64 Kältetote, allerdings seit Anfang des Jahres. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass die Regierung offiziell zur Zahl der Kältetoten Stellung bezieht. Dort reichten die Temperaturen von minus 25 Grad in Moskau bis minus 51 Grad im nordostsibirischen Oimjakon.

In Tschechien hielt am Freitag die Böhmerwaldgemeinde Kvilda den Kälterekord. Dort sank das Quecksilber in der Messsäule auf minus 38,1 Grad. Eingefrorene Weichen und gebrochene Schienen behinderten noch immer den Bahnverkehr. In Tschechien und der Slowakei gab es jeweils einen Toten. Im Nordosten der Slowakei froren die Wasserleitungen ein, Tausende Menschen waren ohne Wasser.

In Polen erfroren binnen acht Stunden weitere acht Menschen, die meisten von ihnen Obdachlose. Damit stieg die Zahl der Toten dort auf 37. Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, auf Nachbarn zu achten. Im vergangenen Winter erfroren in Polen 212 Menschen. Nachbarschaftshilfe soll nun staatliches Handeln ergänzen.

Dramatisch ist auch die Lage in Bulgarien. Viele Dörfer sind durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten. Immer wieder sterben die Menschen in ihren unbeheizten Häusern. Allein Donnerstag und Freitag wurden die Leichen von sechs Männern gefunden. In Rumänien wurden zwei weitere Tote gemeldet. Die Zahl der Toten ist in den östlichen Ländern auch deswegen so hoch, weil viele Menschen versuchen, sich mit Wodka aufzuwärmen. Das gelingt jedoch nur scheinbar. Die alkoholisierten Menschen fühlen sich wärmer, schlafen auf der Straße ein und erfrieren, ohne es zu merken.

Kälterekorde im Baltikum

Die Kälte hat auch ungewöhnliche Auswirkungen: In Lettland ist es während der Eiseskälte zu zahlreichen Bränden gekommen. Allein am Donnerstag musste die Feuerwehr 50 Mal ausrücken, oft aufgrund defekter Heizanlagen oder verunreinigter Schornsteine. Wegen der großen Kälte laufen Heizungen und Öfen derzeit in vielen Wohnungen und Häusern auf Hochtouren. In Lettland gab es zwei Tote und mehrere Verletzte.

Auch am internationalen Flughafen Riga zeigte das Thermometer mit minus 23,8 Grad einen neuen Tiefstwert für die lettische Hauptstadt für diesen Tag an – verglichen mit dem 2.Februar 1942. In Litauen ließ die eisige Kälte von minus 26 Grad in der Hauptstadt Vilnius Wasserrohre bersten. Mit minus 29,4 Grad wurde in der estnischen Kleinstadt Korela zum vierten Mal in Folge ein neuer Kälterekord gemessen. Die meteorologischen Institute im Baltikum erwarteten weiter sinkende Temperaturen in den kommenden Tagen.

Dauerfrost in Deutschland

Deutschlands Eisregionen liegen derzeit im Süden. Alle Wetterdienste melden aber übereinstimmend, dass es im ganzen Land noch eine Weile kalt bleiben wird. In Sachsen-Anhalt erfroren bereits zwei Menschen. Ein 53 Jahre alter Mann wurde am Freitagmorgen tot in Großwirschleben bei Bernburg entdeckt. Der Mann war betrunken mit seinem Fahrrad nach Hause gekommen, vor dem Eingang gestürzt und liegen geblieben.

Am Donnerstag war in Magdeburg bereits ein 55 Jahre alter Obdachloser erfroren gefunden worden. Ein 71-Jähriger, der ebenfalls am Donnerstag tot in einem Gebüsch in Magdeburg entdeckt wurde, soll hingegen nicht erfroren, sondern möglicherweise an einem Herzleiden gestorben sein. Bereits am Mittwoch war eine Eisschwimmerin bei Stendal ums Leben gekommen.

Für die Nacht zum Samstag wird erneut strenger Frost von bis zu minus 20 Grad erwartet. Wer jetzt kein Haus hat, sondern obdachlos auf der Straße lebt, der erlebt harte Zeiten. Berlin sowie alle anderen Großstädte sind relativ gut gerüstet. Obdachlosenunterkünfte und Wärmebusse sind jetzt überlebenswichtig. In einigen Städten gestatten die Städte das Aufwärmen in öffentlichen Transportmitteln. Die Polizei forderte die Bevölkerung auf, von der Kälte bedrohte Obdachlose und hilflose Personen zu melden. Im Zweifel sei es besser, einmal zu viel die Polizei zu alarmieren, sagte ein Sprecher.

In Berlin ist die Lage im Vergleich zu anderen Region übrigens noch erträglich. Unter zehn Grad minus sind die Temperaturen tagsüber noch nicht gesunken.

In den Skiregionen wird die Kältewelle sogar dankbar aufgenommen. „Die Wintersportbedingungen in den oberbayerischen Alpen sind derzeit hervorragend“, sagt Christoph Hillenbrand, erster Vorsitzender des Tourismusverbandes München-Oberbayern. Es sehe aus wie im Wintermärchen. „Wir rechnen damit, dass sich die aktuelle Schneelage bis in den März hinein halten, wenn nicht sogar noch verbessern wird.“

Warnstufe im Westen

Ungewöhnlich kalt ist es auch in Frankreich: 39 von 101 Departements wurden auf die Warnstufe „orange“ gesetzt. Vor allem in Ostfrankreich, den Alpen, den Pyrenäen und im Zentralmassiv steigen die Temperaturen auch tagsüber auf nicht mehr als minus sieben Grad in der Ebene und auf minus zwölf Grad in der Höhe. Die tiefsten Temperaturen sollen erst in der Nacht zu Sonntag erreicht werden.

In Großbritannien rief der Wetterdienst für das erste Mal in diesem Winter die zweithöchste Warnstufe aus.

Schneefall im Süden

Auch in Italien hat die Kältewelle inzwischen das ganze Land erfasst. In Mailand erfror am Donnerstag ein Obdachloser. In der Toskana waren aufgrund des Winterwetters mehr als 2000 Menschen von Stromausfällen betroffen. In der Nähe von Neapel mussten 45 Rentner von Rettungskräften aus einem im Schnee stecken gebliebenen Bus geholt werden. Rom bot mit seinen schneebedeckten Palmen ein außergewöhnliches Panorama: In 15 Jahren kam es bislang nur einmal vor, dass Schnee in der Hauptstadt länger als ein paar Stunden hielt. Vorsorglich blieben die wichtigsten Freiluftsehenswürdigkeiten wie etwa das Kolosseum geschlossen.

In Spanien stiegen die Temperaturen im ganzen Land nur auf höchstens fünf Grad. Für Freitag bis Sonntag wurde ein Temperatursturz bis auf minus zehn Grad vorhergesagt, in den Bergen sogar bis minus 13 Grad. Von einem Rekord ist Spanien allerdings noch weit entfernt. Die bisher niedrigste Temperatur wurde 1956 mit minus 32 Grad in der katalanischen Provinz Lleida gemessen. Bisher hatte sich der Winter in Spanien kaum blicken lassen. Noch vor ein paar Tagen herrschten fast überall etwa 15 Grad. Nur in Katalonien, auf Mallorca und im Norden hatte es etwas geschneit.