Sibirischer Frost

Dutzende erfrieren bei "Russenkälte" in Europa

Europa im frostigen Ausnahmezustand: Straßen werden gesperrt, Häfen geschlossen, Flüge gestrichen. Doch die richtige Kälte aus Sibirien hat uns noch gar nicht erreicht.

Foto: dpa / dpa/DPA

„Der Februar ist auf gutem Weg, zu einem überdurchschnittlich kalten Monat zu werden“ erklärt Wetterexperte Dominik Jung vom Wetterportal „Wetter.net“ . „Wir sehen, dass die Russenpeitsche bis nach Südeuropa voll durchschlägt."

Selbst an der französischen Mittelmeerküste werde in den nächsten Tagen Dauerfrost erwartet, so gebe es in Marseille am Samstag voraussichtlich Tageshöchstwerte von minus 5 Grad. Nachts kühle es auch hier auf unter minus 10 Grad ab. Auch in Venedig gebe es in den nächsten Tagen nur noch Temperaturen um den Gefrierpunkt.

"Selbst auf Mallorca bekommt man die Kälte zu spüren. Dort werden am Wochenende selbst in den tiefen Lagen nur noch 5 bis 7 Grad erreicht. In den Nächten gibt es Frost und es kann sogar bis ganz runter etwas Schnee geben. Das dürfte besonders der dortigen Pflanzenwelt zu schaffen machen. Aber auch vielen Menschen, denn nicht jedes Haus verfügt dort über eine Heizung", sagt Jung voraus.

Am kältesten zwischen Donnerstag und Sonntag

Deutschland erwartet den Höhepunkt der Kälte zwischen Donnerstag und Sonntag. Dann liegen die Tageswerte zwischen minus 15 und minus 5 Grad wobei es im Osten und Süden kälter als im Westen und Norden sein wird.

In den Nächten rutschen die Temperaturen auf minus 10 bis minus 25 Grad. Aufgrund des eisigen Ostwinds fühlen sich die Temperaturen vor allem in Ostdeutschland deutlich kälter an – stellenweise wie minus 30 bis minus 40 Grad.

Die Schifffahrt an der Westoder und der Oder entlang der Grenze zu Polen wird von Dienstag an für die Schifffahrt gesperrt. Die Westoder ist zugefroren, auf der Oder treiben Eisschollen. Die obere Oder-Havel-Wasserstraße ist nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde bereits zu großen Teilen gesperrt worden.

Offizielle Freigabe von Eisflächen abwarten

Das kalte Wetter derzeit lockt immer mehr Menschen auf zugefrorene Seen oder Teiche. Doch auch wenn das Eis scheinbar trägt: Solange ein Gewässer nicht offiziell zum Betreten freigegeben ist, sollte man keinen Fuß daraufsetzen, sagt Silvia Darmstädter, Pressesprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes in Berlin.

„Denn auch wenn das Ganze aussieht, als wäre es richtig dick zu, kann es sein, dass das trügerisch ist und man sofort einbricht.“ Das kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Die jeweiligen Behörden vor Ort wüssten am besten, wann das Eis tragfähig ist oder ob es unterirdische Strömungen gibt, die das Betreten gefährlich machen.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) rief dazu auf, Kinder über die Gefahr aufzuklären und auch Bekannte mit Migrationshintergrund auf die Tücken des Eises aufmerksam zu machen.

Mindestens 54 Erfrorene – die meisten waren Obdachlose

In Osteuropa hat die Kältewelle bislang mindestens 54 Menschen das Leben gekostet. Allein in der Ukraine erfroren 30 Menschen, die meisten der Opfer waren Obdachlose. Auch in Polen, Serbien, Bulgarien, der Türkei und in Rumänien gab es bereits Kältetote.

In der Ukraine mussten fast 500 Menschen zwischen Freitag und Sonntag vergangener Woche wegen Unterkühlung und Erfrierungen medizinisch behandelt werden, wie das Katastrophenschutzministerium mitteilte. Die Regierung rief die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben.

Am Tag fiel das Thermometer in der Ukraine auf minus 16 Grad, in der Nacht auf minus 23 Grad. Die Behörden stellten 1500 Notunterkünfte bereit, 17.000 Menschen hätten in diesen bereits Zuflucht gesucht. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen.

Die ukrainische Regierung richtete einen Krisenstab ein, der rund um die Uhr tätig ist. Das berichtete die Nachrichtenagentur Unian am Dienstag. Das Gremium soll sicherstellen, dass es im Land ausreichend Anlaufstellen für Menschen gibt, denen wegen der eisigen Temperaturen Gesundheitsgefahren drohen.

Heizpilze in Warschau, gebrochene Wasserrohre

In Polen erfroren mindestens zehn Menschen bei Temperaturen von bis zu minus 26 Grad am Montag. Eine Sprecherin des polnischen Innenministeriums sagte der Nachrichtenagentur AP, vor allem ältere Menschen und Obdachlose seien unter den Todesopfern.

Die Polizei suche in leerstehenden Häusern nach Obdachlosen, um sie in Notunterkünfte zu bringen. Die Stadt Warschau beschloss, mehr als 40 Heizpilze an den am stärksten frequentierten Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs aufzustellen.

Auf eine heiße Dusche hofften am Dienstag tausende Polen bei klirrender Kälte vergeblich – der Frost hatte die Wasserrohre bersten lassen. Betroffen waren vor allem Altbauten. Nach der Havarie eines Hauptrohrs waren im oberschlesischen Kluczbork seit den frühen Morgenstunden etwa 7000 Menschen ohne Wasser, berichtete der Nachrichtensender TVN 24. Auch in Warschau mussten mehrere Wohnsiedlungen ohne Wasser auskommen.

In der tschechischen Hauptstadt Prag errichteten die Behörden Zelte für schätzungsweise 3000 Obdachlose. Es kam zu Behinderungen beim Zugverkehr, weil Gleise durch die eisigen Temperaturen beschädigt wurden.

Menschen sollen Häuser nicht verlassen

Starke Schneefälle und eisige Temperaturen kosteten in Serbien drei Menschen das Leben. Die Behörden erklärten am Montag, in Zentralserbien sei eine Frau in einem Schneesturm erfroren, ein älterer Mann sei tot im Schnee vor seinem Haus gefunden worden. Ein 81-Jähriger starb in seinem Haus in derselben Region. Weiter südlich wurde nach zwei Männern gesucht, die beide über 70 Jahre alt waren.

Die Behörden haben ältere Menschen aufgefordert, ihre Häuser angesichts von Temperaturen von minus 20 Grad in einigen Landesteilen nicht zu verlassen. Der Schneefall führte außerdem zu Verkehrsproblemen und Stromausfällen. Starker Wind behinderte die Räumarbeiten.

In Bulgarien erfror ein 57-jähriger Mann. In 25 der 28 Provinzen wurde der Notstand ausgerufen. In der Hauptstadt Sofia gaben die Behörden heißen Tee aus und brachten Obdachlose in Notunkterkünften unter. Wegen starker Winde wurde der Hafen Varna am Schwarzen Meer geschlossen.

Straßen gesperrt, Flüge gestrichen

Teile einer Schnellstraße von der Türkei nach Bulgarien und Griechenland wurden wegen heftigen Schneefalls gesperrt. Fast 200 Flüge der Turkish Airlines von und nach Istanbul wurden gestrichen. Eine Sporthalle in Istanbul wurde etwa 350 Obdachlosen als Notunterkunft zur Verfügung gestellt. Die Temperatur in der türkischen Provinz Kars an der Grenze zu Armenien sank in der Nacht zum Montag auf minus 25 Grad.

In Rumänien erfroren vier Menschen. Häftlinge wurden von den Behörden zum Schneeschaufeln vor einem Tierheim abkommandiert.

Die Meteorologen rechnen nicht mit einer Wetterbesserung. „Wir bekommen ein bisschen 'echten' Winter diese Woche“, sagte die kroatische Meteorologin Zoran Vakula.

Sibirische Kälte erreicht auch Griechenland

Ausläufer der sibirischen Kälte erreichten am Dienstag auch Griechenland. Wie das griechische Wetteramt mitteilte, wurden in Nordgriechenland Temperaturen von minus zwölf Grad Celsius gemessen. Zahlreiche Schulen in Mittelgriechenland blieben geschlossen. Viele Fährverbindungen fielen wegen stürmischer Winde in der Ägäis aus.

In Athen herrschten Temperaturen um den Gefrierpunkt. In der griechischen Hauptstadt, in der unter anderem auch wegen der Finanzkrise 20.000 Menschen obdachlos sind, wurden Hallen geöffnet, damit diese Menschen Zuflucht finden können.

Freiwillige Helfer versorgten Obdachlose auf den Straßen mit warmen Getränken, Decken, Schlafsäcken, wie das Fernsehen berichtete. Dies galt auch für die nordgriechische Hafenstadt Thessaloniki. Das Wetteramt warnte vor einer weiteren Verschlechterung des Wetters. Sogar auf Kreta sollte es in den kommenden Tagen schneien, hieß es.