Prozess in Kiel

Serienmörder tötete aus Frust und Ärger über Frauen

Hans-Jürgen S. hat gestanden, zwischen 1969 und 1984 fünf junge Frauen ermordet zu haben. Über die volle Schuldfähigkeit streiten die Gutachter.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Frauen-Serienmörder Hans-Jürgen S. sind sich die Gutachter uneins. Ein Experte hält ihn bei allen fünf Morde für voll schuldfähig, der andere eher nur in einem Fall.

Er habe bei dem 65-jährigen Angeklagten bei der Begutachtung keine Anzeichen für eine eingeschränkte Handlungs- und Steuerungsfähigkeit gefunden, sagte der Facharzt für Psychiatrie, Michael Jehs, am Montag vor dem Kieler Landgericht.

Mord aus "innerem Zwang"

Dagegen sah der Hamburger Sexualmediziner Peer Briken bei den ersten beiden Morden an zwei jungen Frauen eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit des Angeklagten. Auch beim dritten und vierten Mord sei eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit schwer auszuschließen, sagte der Direktor des Hamburger Instituts für Sexualmedizin. Beim fünften Mord hielt auch Briken den Angeklagten eher für voll schuldfähig. Hier habe Hans-Jürgen S. „den Hass auf seine Frau auf das Opfer verschoben“.

Beide Gutachter fanden keine Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung oder eine Persönlichkeitsstörung des Angeklagten. Der 65-jährige Hans-Jürgen S. war im April 2011 verhaftet worden. Er gestand fünf Morde an jungen Frauen. Der erste liegt 42, der letzte knapp 30 Jahre zurück.

„Das ist wie ein innerer Zwang“, sagte Hans-Jürgen S. den Gutachtern. Er sei „wie von Sinnen gewesen, die Sicherungen waren durchgebrannt“, berichtet der Freizeit-Fußballer. „Mach ich's, mach ich's nicht“ sei ihm durch den Kopf geschossen, als er die jungen Zufallsopfer entdeckte, spontan attackierte, erwürgte und bis auf eine vergewaltigte. Es sei „alles wie im Film gelaufen“, hinterher habe er sich saumäßig gefühlt.

Speichelprobe des Bruders führte zum Täter

Hans-Jürgen S. tötete aus Frustration und Ärger über Frauen und aus Furcht vor Entdeckung, sagte der Psychiater Jehs. „Er hat sich ihnen unterlegen gefühlt. Das haben die Opfer abbekommen.“ Der 65-Jährige, der jahrzehntelang unerkannt blieb und zuletzt als Familienvater und Großvater in Henstedt-Ulzburg lebte, bekannte den Gutachtern: “Das Schlimmste war, nicht über das Erlebte sprechen zu können.“ Der Mann war über erst im April 2011 durch eine Speichelprobe seines Bruders überführt worden. Die Polizei hatte den letzten Mord an Gabriele S. 1984 neu aufgerollt. Er sitzt seither in Untersuchungshaft.

Ab etwa dem 17. Lebensjahr änderten sich beim Angeklagten die sexuellen Fantasien, berichtete Briken aus seinen Gesprächen mit dem 65-Jährigen. Ab da wollte der eher schüchterne junge Mann Sex auch mit Gewalt. Vor dem ersten Mord 1969 an der 22-jährigen Jutta M. fühlte er sich von einem Mädchen in der Disco ausgelacht. „Stinksauer wollte er endlich Sex haben, auch mit Gewalt“. Sein Opfer hatte, wie alle anderen auch, keine Chance.

Beim vierten Mord war seine Frau schwanger

Nach seinem zweiten Mord – 1970 starb die 16-jährige Renate B. - hat er erstmals sexuellen Kontakt mit seiner damaligen Ehefrau. Sie bot ihm aber bald sexuell zu wenig. Er suchte andere Beziehungen, auch mit der Schwägerin. Sein drittes Mordopfer, die 22 Jahre alte Angela B., wollte der Angeklagte „durch Sex beherrschen und besitzen“, berichtete Briken. Den vierten Mord an der 15-jährigen Ilse G. beging er 1972, als seine Frau mit der ersten Tochter schwanger war.

Der Prozess wird am kommenden Montag voraussichtlich mit den Plädoyers fortgesetzt. Das Urteil könnte am Mittwoch verkündet werden.