Methadon-Tod

Starb Chantal wegen "regelwidriger Sachbearbeitung"?

Nach dem Methadon-Tod in einer Drogenfamilie räumt der Bezirksamtsleiter erstmals Versäumnisse ein. Die Opposition fordert einen Sonderermittler.

Foto: Andr? Zand-Vakili

Zwei Wochen nach dem Methadon-Tod der elfjährigen Chantal in einer vom Jugendamt betreuten Pflegefamilie in Wilhelmsburg hat die Sozialbehörde Konsequenzen aus dem Fall gezogen. Von sofort an müssen angehende Pflegeeltern und alle Hausangehörigen ein Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis vorlegen, damit die Behörden „Suchterkrankungen und andere relevante Krankheiten zweifelsfrei ausschließen können“, teilte die Behörde mit.

Chantal hatte kein eigenes Bett

Hintergrund: Chantal war im Jahr 2008 in eine Pflegefamilie in Wilhelmsburg gegeben worden, in der beide Pflegeeltern drogenabhängig sind und mit der Ersatzdroge Methadon behandelt werden. Der Pflegevater ist wegen Drogenhandels vorbestraft, die Tochter der Pflegemutter saß in Spanien wegen Kokainbesitzes in Haft, in der Familie leben zwei Kampfhunde. Dennoch hat der Bezirk Mitte der Familie das Mädchen anvertraut, angeblich wusste man nichts von der Drogensucht der Pflegeeltern.

Auch die fünf Sozialarbeiter, die die Familie nach Aussage von Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) regelmäßig besuchten, bemerkten angeblich über all die Jahre nichts von der Drogensucht oder davon, dass es keine Schränke in der Wohnung gab und Chantal offenbar nicht einmal ein eigenes Bett hatte.

Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sagte, er wolle mit der Verschärfung der Auswahlkriterien für Pflegeeltern „sicherstellen, dass sich der Tod eines Kindes in einer Hamburger Pflegefamilie nicht wiederholt“. Künftig müssten angehende Pflegeeltern ein Führungszeugnis vorlegen, das sich auf alle Straftaten, beziehe. Das Gesundheitszeugnis umfasse auch einen Drogentest. Die Bezirke sollen alle 1300 Hamburger Pflegefamilien bis 15. Februar überprüfen.

Opposition fordert Sonderermittler

Die Opposition hat derweil die Einsetzung eines Sonderermittlers gefordert. Nach dem Tod des Babys Lara Mia im Jahr 2009 sei nun bereits zum zweiten Mal im Verantwortungsbereich von Bezirksamtsleiter Schreiber „ein Kind, das unter ständiger Aufsicht des Jugendamtes stand, unter tragischen Umständen ums Leben gekommen.“ Die CDU-Bürgerschaftsfraktion fordere daher umgehend „die Einsetzung eines unabhängigen Sonderermittlers der Sozialbehörde“. Schreiber müsse „unverzüglich von den Untersuchungen entbunden werden“.

Der Senat müsse „dem Bezirksamtsleiter umgehend das Jugendamt Hamburg-Mitte entziehen und direkt Familiensenator Scheele und seiner Behörde unterstellen“, forderte Christoph de Vries, familienpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Die CDU habe „gravierende Zweifel an der Eignung von Markus Schreiber“. Die GAL schloss sich der Forderung nach einem Sonderermittler an. „Herr Schreiber kämpft derzeit darum, die eigene Haut zu retten. Für eine unbefangene Aufklärung ist er die falsche Person“, sagte der Vorsitzende der GAL-Bürgerschaftsfraktion, Jens Kerstan. Da es bereits der zweite Todesfall sei, müssten sich der Bürgermeister und der Sozialsenator direkt einschalten, so Kerstan.

Schreiber: "Ich habe keine Pattex-Mentalität"

Am Montagabend befasste sich mit dem Tod Chantals auch der Jugendhilfeausschuss von Mitte, der zusammen mit dem Bezirksamtsleiter die Verantwortung für die Jugendhilfemaßnahmen im Bezirk trägt. Die Sondersitzung begann mit einer Schweigeminute. Danach forderte Johannes Kahrs, der seit 18 Jahren Vorsitzender des Gremiums und somit verantwortlich für die Strukturen der Jugendilfe ist, den „tragischen Fall“ aufzuklären und künftig alles zu tun, „damit so etwas nicht wieder passiert.“

Bezirksamtsleiter Schreiber sagte, er habe selbst eine Tochter fast in dem Alter von Chantal. Das Geschehene sei eine Katastrophe, die so unter die Haut gehe, dass man kaum damit leben könne. Er warnte aber vor zu schnellen Schlüssen. „Wir müssen erst einmal die Sachverhalte zusammenstellen.“ Es gebe allerdings bereits „erste begründete Hinweise“ für eine „regelwidrige Sachbearbeitung“ in dem Fall. „Wenn es eine persönliche Schuld meinerseits gibt, werde ich auch Konsequenzen ziehen. Ich habe keine Pattex-Mentalität.“

Bis 2008 gehörte Wilhelmsburg zum Bezirk Harburg. Die Todesfälle Lara Mia und Chantal ereigneten sich in Wilhelmsburg erst nach dem Wechsel der dortigen Jugendhilfe in den Zuständigkeitsbereich des von Schreiber und Kahrs beaufsichtigten Jugendamtes Hamburg-Mitte.