Berliner Opfer

Tragödie der "Costa" erreicht die Hauptstadt

| Lesedauer: 5 Minuten

Traurige Gewissheit: Ein 66-Jähriger aus Berlin-Adlershof ist auf der „Costa Concordia" ums Leben gekommen. Auch seine Frau war an Bord, von ihr fehlt noch immer jede Spur. Im Südosten Berlins sind die Menschen schockiert.

Es ist ruhig in Adlershof, wie eigentlich meist. Doch der erste Eindruck täuscht. Im Südosten Berlins verbreitete sich die Nachricht am Donnerstag wie ein Lauffeuer. Die Gewissheit kam gegen Nachmittag: Sie klang so: „Unter den vier bisher geborgenen deutschen Todesopfern des Schiffsunglücks der ,Costa Concordia' ist auch ein Berliner. Es wurde ein 66-jähriger Mann aus Adlershof identifiziert, wie ein Sprecher der Polizei am Donnerstag bestätigte.“

Viel mehr wurde nicht gesagt. Nur Folgendes: Der Mann war gehbehindert und zusammen mit seiner ebenfalls gehbehinderten 60 Jahre alte Ehefrau an Bord. Von ihr fehlt nach wie vor jede Spur.

Beinah jeder hier in Adlershof weiß inzwischen: Es handelt sich um Horst G. Der Rentner war mit seiner Ehefrau Margit S. an Bord der „Costa Concordia“. Die Hoffnungen von Angehörigen und Nachbarn, dass sie noch lebend gefunden werden könnten, haben sich zerschlagen. „Ich bin erschüttert“, sagt Nachbar Lothar S. „Jeden Tag denke ich, die beiden kommen um die Ecke und sind wieder da.“

In der kleinen Straße mit den vielen Einfamilienhäusern kennt man sich. Auch Eckard Teske kannte das Ehepaar, auch wenn sie sehr zurückgezogen lebten. „Für die Familie ist diese Nachricht natürlich schlimm“, sagt er. Zwar hätten die Angehörigen die ganze Zeit damit rechnen müssen. Dann aber die Gewissheit zu haben, sei nur schwer zu ertragen, sagt Teske traurig. Er ist aber auch wütend und fordert Konsequenzen: „Das Unglück muss aufgeklärt und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt er.

Horst G. und Margit S. wollten sich eigentlich mit der Kreuzfahrt auf der „Costa Concordia“ erholen. Erst im Dezember waren beiden aus der Reha gekommen. Margit S. hatte eine Hüftoperation hinter sich, Horst G. einen Schlaganfall erlitten. Durch die schweren Krankheiten waren die Rentner gehbehindert. Weil ihnen eine Kreuzfahrt auf der „Aida“ so sehr gefallen hatte, buchten sie eine Kabine auf der „Costa Concordia“.

Die drei weiteren tot geborgenen Deutschen stammen aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Darunter sind ein 74-jähriger Mann aus Maintal und eine 52-jährige Frau aus Mittelfranken, wie die Polizei bestätigte. Doch die Geschichten dahinter, die Geschichten von der Nacht des Unglücks, erzählen diese Daten nicht.

Die 52 Jahre alte Frau aus Mittelfranken beispielsweise wurde anhand ihrer DNA identifiziert. Die Taucher fanden sie bereits vor einigen Tagen auf Deck drei oder vier des Schiffs. Sie hatte zusammen mit einer Freundin die Kreuzfahrt unternommen. Am Unglücksabend hätten sie beide versucht, sich auf dem bereits stark geneigten Schiff in Sicherheit zu bringen. Zuvor seien sie vom Personal von einer Schiffsseite auf die andere geschickt worden, sagte die Überlebende.

14 Tage ist es her, dass die „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio im Mittelmeer auf einen Felsen lief und kenterte. An Bord waren etwa 4200 Menschen, darunter mindestens acht Berliner. Zuletzt wurde am 15. Januar ein Mensch lebend von der „Costa Concordia“ geborgen. Unterdessen häufen sich die Vorwürfe gegen den Kapitän: Die Verantwortung für den Schiffbruch liege „mit Sicherheit“ bei Francesco Schettino, sagte der Generalkommandant des zuständigen Hafenamtes, Admiral Marco Brusco, in einer Anhörung des Senats in Rom. Bei einem rechtzeitigen Alarm hätte es vielleicht keine Toten gegeben. Schettino habe bei der Havarie eine „kostbare Stunde“ für die Rettung verstreichen lassen.

Auch die Costa-Reederei widersprach Schettino, der gesagt hatte, ein Manager habe die Unglücksroute nahe der Insel Giglio verlangt. „Dieses Manöver war nicht autorisiert. Wir waren darüber nicht informiert“, hatte Costa-Chef Pierluigi Foschi im Senat erklärt. Schettino habe das allein entschieden.

Der Costa-Manager Roberto Ferrarini gab an, Schettino habe ihn gebeten, eine gemeinsame Version für den Ablauf der Ereignisse den Behörden gegenüber abzustimmen. Das habe er abgelehnt. Schettino habe erklären wollen, dass das Schiff nach einem Stromausfall auf Grund gelaufen sei, erklärte Ferrarini. Die Ermittlungsrichterin legte in dem Beweissicherungsverfahren eine erste Anhörung auf den 3. März – vermutlich ist Schettino auch dabei. Wegen des erwarteten Andrangs wird ein Theater in Grosseto der Schauplatz für den Termin sein, teilte Valeria Montescarchio mit. Dabei dürfte es um die Blackbox gehen, die auch die Kommunikation auf der Kommandobrücke am Abend der Havarie aufgezeichnet hat.

( ehre/plet/dapd )

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