Hiddensee

Ein Riss – und das kurze Gedächtnis der Menschen

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Ulli Kulke

Foto: picture alliance / ZB / picture alliance / ZB/dpa-Zentralbild

Alarmstimmung auf Hiddensee: Ein kilometerlanger Riss wurde auf der Insel entdeckt, die Steilküste gesperrt. Kürzlich hatte ein Klippenabbruch auf Rügen fatale Folgen.

Dass sich die Erdoberfläche wandelt, sich Landmassen verschieben, untergehen, auftauchen – wir kennen diese Bilder. Aus Simulationen und Animationen, im Zeitraffer, versteht sich. Er lässt Hunderte von Millionen Jahre – etwa beim Nachbilden der Kontinentalverschiebung – auf wenige Sekunden zusammenschnurren, schiebt Erdteile über die Weltkarte wie der Wind die losen Herbstblätter über die Terrasse.

Gefühlt aber zählen die Landmassen für den kurzlebigen Menschen zum ewig Festen, Unbeweglichen. Wie schnell die Fingernägel wachsen, registrieren wir, aber wer beobachtet schon, dass sich Amerika in derselben Geschwindigkeit von Europa wegbewegt?

"Ein Riss geht durch Hiddensee", "Steilküste der Ostseeinsel droht abzubrechen". "Küstenweg gesperrt". Die Meldungen erregten dieser Tage Aufsehen. Bilder von einem Waldweg hoch über der Nordküste Hiddensees, der über viele Meter fast fußbreit aufgebrochen ist, erschrecken.

"Es ist mit größeren Abbrüchen zu rechnen"

Die Gemeinde hat den Hochuferweg am Dornbusch von der Nordwestspitze der Insel über zwei Kilometer bis hinter den Leuchtturm gesperrt, auch den darunter, unmittelbar am Meer verlaufenden Pfad. Wahrscheinlich wird der obere Weg nie wieder geöffnet, die Gemeinde will ihn 50 Meter weiter ins Inselinnere verlegen.

"Es ist mit größeren Abbrüchen zu rechnen", sagt Frank Martitz vom Nationalparkamt Vorpommersche Boddenlandschaft. Zusätzliche Brisanz erhalten die Meldungen durch den tragischen Hangrutsch an der Steilküste des benachbarten Rügen, der vor einem Monat eine Zehnjährige tötete.

Die Ostseeküste ist in Bewegung, ganz offensichtlich. Ist das Ewigwährende, das "Fest"-Land, in Gefahr? Ist es jetzt so weit, werden ausgerechnet wir Zeuge des großen geologischen Umbruchs? Verschwindet Hiddensee über kurz oder lang von der Landkarte?

Im Jahr 2000 brachen 60.000 Kubikmeter Küste ins Meer

Die Nachrichten bewegen jeden, der diese ganz besondere Insel liebt, die durch das Fahrverbot für Autos, das unaufgeregte Wetter und seinen kulturellen Anspruch melancholische Entspannung garantieren kann. Als "das geistigste aller Seebäder" sah der Dichter Gerhard Hauptmann die Insel, die er immer wieder besuchte, bis er sich 1930 dort ansiedelte.

Dass diese Meldungen jetzt so außergewöhnlich klingen, zeigt indes vor allem eines: Das kurze Gedächtnis der Menschen. Im Jahr 2000 brachen an der Nordkante Hiddensees 60.000 Kubikmeter Küste ins Meer, das waren 20-mal so viel wie bei dem letzten tragischen Hangrutsch auf Rügen.

Vier Jahre später folgten noch einmal 10.000 Kubikmeter. Sollte sich jetzt all das, was meerseitig von dem Riss auf dem Hochuferweg liegt, lösen und ins Meer stürzen, wären dies zwar noch mal andere Dimensionen, doch lägen auch sie nicht außerhalb der langjährigen Statistik, auf Rügen waren im Jahr 2005 auf einen Rutsch über 100.000 Kubikmeter weg.

Kliffkante geht 30 Zentimeter pro Jahr zurück

Um durchschnittlich 30 Zentimeter zieht sich die Kliffkante am Dornbusch pro Jahr zurück. Passiert einmal sechs oder acht Jahre nichts, können es im nächsten Jahr schon wieder zwei Meter sein – im statistischen Durchschnitt. Wer auf Hiddensee baut (sofern er dies überhaupt darf), baut auf Sand, und er muss den Grund sorgfältig auswählen.

Geht es so weiter, dürfte in wenigen Tausend Jahren das Hochland im Norden der Insel, der Dornbusch, komplett verschwunden sein.

Der schmale Sandstreifen im Schatten Rügens, der größten deutschen Insel, mag angenehme Ruhe ausstrahlen. Die Insel selbst zählt allerdings zu den unruhigsten im ganzen Land, der Untergrund ist schon immer fließend – auch an Land. Dabei wird sie nicht einmal kleiner, eher größer. Was das Meer sich am Dornbusch nimmt, gibt es an anderer Stelle wieder zurück.

Auf der Ostseite Hiddensees, in Richtung Rügen, wachsen nach und nach lange, flache Landzungen von Nord nach Süd an die Insel heran, kilometerlange Nehrungen.

Die erste, Altbessin, wurde seit dem 17. Jahrhundert angespült und ist bereits dicht mit Buschwerk überwuchert, im 19. Jahrhundert gesellte sich die zweite hinzu, Neubessin, eher noch eine spärlich bewachsene Sandfläche, und inzwischen wächst an Neubessin eine dritte, noch namenslose heran.

Und nicht nur dort werden die im Nordwesten weggerissenen Sandmassen angespült. Auch das südliche, sehr flache Drittel Hiddensees, der Gellen, war einst stolze Steilküste.

Die gefräßige Ostsee vor Hiddensee und Rügen

Insgesamt ist Hiddensee erst in frühgeschichtlicher Zeit entstanden, am Übergang von der Alt- zur Jungsteinzeit, etwa vor 12.000 Jahren. In der Zeit, als sich die gesamte Ostseeregion, von der Eiszeit befreit, langsam in die heutige Form brachte.

Ist ein Meer so gefräßig wie die Ostsee vor Hiddensee und Rügen, liegt es auf der Hand, mit entschiedenen Küstenschutzmaßnahmen dagegenzuhalten. 1938 entstand an der Hucke, der so markanten und exponiert den Wellen ausgesetzten Nordwestspitze, eine vorgelagerte Mauer, die nach dem Krieg in Richtung Süden fortgesetzt wurde.

Die Gemeindeverwaltung konzentriert sich bei ihren Schutzmaßnahmen in Hiddensee derzeit vor allem auf die flacheren Regionen etwa vor dem Ort Vitte. Mit Buhnen, die geradewegs in die Ostsee hinausführen, sollen die parallel zur Küste verlaufenden Strömungen und Brandungen, die das Land abtragen, gebändigt werden.

An der Steilküste im Nordwesten, an der jetzt die Risse entdeckt wurden, sind keine größeren Vorbauten entstanden oder geplant.

Es wäre auch die Frage, ob Küstenschutz in einem Ausmaß, das weitere Hangrutsche verhindern würde, mit der Idee des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft zu vereinbaren wäre, deren größte Insel Hiddensee ist. Naturschutz heißt auch zu akzeptieren, dass die Natur dynamischer ist, als wir dies bisweilen wahrhaben wollen.

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