Paranoide Schizophrenie

Er sah Dämonen – dann tötete er seinen Vater

Mathias Illigen litt an paranoider Schizophrenie. Im Wahn erschlug er seinen Vater. Heute lässt ihn seine Tat nicht los.

Am Heiligen Abend vor fünf Jahren hörte Mathias Illigen zum ersten Mal die Stimme, die ihm half, seine vermeintliche Bestimmung zu erkennen: die Welt gegen einen apokalyptischen Angriff von Nazis, fernöstlichen Kämpfern und satanischen Dämonen zu verteidigen.

Sie führte ihn von Wien aus über Rom, wo er versuchte, den Papst vor der drohenden Gefahr zu warnen, nach Dornbirn in Vorarlberg, wo er mithilfe der Stimme den Oberbefehlshaber der teuflischen Gegner lokalisiert zu haben glaubte. Als am Ende eines nächtlichen Kampfes in seinem Elternhaus ein Notarzt auf ihn zukam und sagte: "Ihr Vater ist tot", hoffte Mathias Illigen, seine Mission nun endlich erfüllt zu haben.

In den Zeitungen seiner Heimat konnte man dann von dem Bügeleisen lesen, mit dem er auf seinen Vater eingeschlagen hatte, von der Plastiktüte, die er ihm dann auf den Mund drückte. Von der Blutspur, die durch sein Elternhaus führte. Der Gerichtspsychiater erklärte, dass nicht er seine Hand gegen den Vater erhoben hatte, sondern eine Krankheit, paranoide Schizophrenie.

Im Urteil des Richters stand daraufhin, dass er schuldunfähig sei. Und nach drei Jahren in verschiedenen Anstalten für abnorme Rechtsbrecher hieß es irgendwann in den Berichten seiner Betreuer, dass er seiner Krankheit Herr geworden und bereit für ein Leben in Freiheit sei.

Kurze Zeit nach seiner Entlassung hat Mathias Illigen begonnen, seine Geschichte aufzuschreiben. So ist ein Buch entstanden, das nächste Woche unter dem Titel "Ich oder Ich: Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat" erscheint.

Er sagt, er wolle mit dem Buch die Oberhand über seine Geschichte zurückgewinnen, nach all den Jahren, in denen immer andere besser wussten, wer er ist und wie sich alles abgespielt hat.

Es ist ein Bericht aus dem Inneren einer Psychose, von den Stationen der Zwangspsychiatrie, ein Buch, in dem er seine eigene Grausamkeit genauso detailliert schildert wie seine Dämonen und die Ticks seiner Mitinsassen. Es erzählt, dass eine Krankheit nur vor Gericht von Schuld befreit, aber es lässt auch Fragen offen: wie genau man lernt, sie zu tragen, etwa. Und wie sie ihren Träger zeichnet.

Mathias Illigen ist pünktlich um neun Uhr morgens am vereinbarten Treffpunkt erschienen, dem Ateliergebäude der Wiener Akademie der bildenden Künste, an der er seine Doktorarbeit in Philosophie schreibt. Er ist jetzt 34, ein schmaler Mann, Jeans, Turnschuhe, Pelzmütze.

Haare, wie sie der Sekretär des Premierministers in "Little Britain" trägt: auf der einen Seite glatt und kinnlang, auf der anderen Seite streichholzkurz. In den Hallen, in denen einst die k.u.k. Hoftheater ihre Kulissen lagerten und jetzt Kunststudenten ihre Arbeit ausstellen, fällt er kaum auf.

Illigen sagt, dass er es total legitim fände, wenn jemand Angst vor ihm hätte, aber dass es bis jetzt eigentlich selten vorgekommen sei. Es fällt nicht schwer, ihm zu glauben. Im Stehen schiebt er oft die Hände in die Hosentasche und drückt die Schultern nach vorne, während des Gesprächs knetet er seine Handschuhe. Das lässt ihn unsicher wirken und vermittelt den Eindruck, er sei mindestens so sehr Opfer wie Täter.

In der "Entscheidungsschlacht" zur Täterrolle finden

Er selbst wehrt sich gegen eine solche Darstellung. "Es wäre für mich ein Leichtes gewesen, den Täter durch das Opfer zu egalisieren", schreibt er. Sein Bruder, seine Schwester, sein ganzes Umfeld hätte ihm immer wieder die Tür aufgehalten und ihn ohne jegliche Bezugnahme auf seine Tat bemitleidet.

"Ich fühlte mich aber unfähig, etwas anderes als die Täterperspektive zuzulassen. Stattdessen wollte ich mich bedingungslos bekennen, um so Herr meiner Schuldgefühle zu werden." Je ehrlicher das Outing, so hofft er, desto befreiender seine Wirkung.

Nirgendwo wird das deutlicher als im Kapitel über die "Entscheidungsschlacht" gegen seinen Vater. Es gibt da einige besonders beklemmende Details, die er unterschlagen hätte können. Dass der alte Herr ihn kurz vor dem Tod noch um ein gemeinsames Vaterunser bat.

Dass er beobachtete, wie er ein letztes Mal versuchte zu entkommen und dann leblos zusammensackte. Dass er ihm dann noch die Plastiktüte ins Gesicht presste. Aber er hat es nicht verschwiegen, sondern an anderer Stelle noch nachgelegt. Es mache für ihn keinen Unterschied, was ihn zu dieser unfassbaren Tat getrieben hatte – "meine Hände, meine Muskelkraft, meine Gnadenlosigkeit. Das bedeutete meine Schuld, nichts weiter."

Schuld ist ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ihm die Fähigkeit dazu offiziell aberkannt wurde, ein zentrales Thema im Leben von Mathias Illigen geworden. Er kann nicht genau benennen, seit wann sie auf ihm lastet. Er sagt nur, dass sie jedenfalls nicht plötzlich gekommen sei.

Das hätten die Medikamente gar nicht zugelassen, sie federn alle großen Gefühle ab. Die Schuld sei eher gewachsen, habe immer schärfere Konturen bekommen, je mehr die Psychose verblasst sei. Es ist auch der Zeitpunkt, an dem Illigen mit und ohne Ärzte beginnt, seine Erinnerungen nach Hinweisen auf den Ursprung seiner Psychose zu durchkämmen.

Er geht inzwischen davon aus, dass – wie so oft – einfach zu viel zusammengekommen ist:

Eine Kindheit als Halbwaise (die Mutter starb an Krebs, als er drei war), das Buhlen um die Aufmerksamkeit des oft abwesenden, aber abgöttisch verehrten Vaters und ein "anerzogener Hang zum Metaphysischen" dürften den Nährboden gebildet haben, auf dem eine bloße genetische Disposition zur Psychose aufblühte, als ihm der Stress über den Kopf wuchs, den ihm ein Doktorandenseminar bei Peter Sloterdijk und eine schwierige Beziehung bescherten. Und aufgrund dieser Struktur seiner Wahnideen, sagt er, sei sein Vater auch dessen einziges mögliches Opfer gewesen.

Mathias Illigen ist sich sicher, dass die meisten Menschen in seiner Situation in den Tod geflüchtet wären. Die Anleitung zum Überleben habe er ebenfalls in seiner Vergangenheit gefunden, schreibt er, und zwar den "zielstrebigen Pragmatismus früher Kindheitstage", wie er es im Buch etwas kryptisch formuliert.

Was er meint, erklärt er im Gespräch: die kleinen Dinge ernst nehmen, bescheidene Ziele setzen, eines nach dem anderen angehen. Zuerst sind es die Etappen im Maßregelvollzug: Akutstation, Subakutstation, Wohntrakt. Dann geht es um kleine Freiheiten wie Tischtennisspielen, den Umzug von Vorarlberg nach Wien, erste Freigänge. Schließlich um die große Freiheit. Entlassung.

Nach nur drei Jahren gelingt es Mathias Illigen, Ärzte und Richter davon zu überzeugen, dass er seine Krankheit unter Kontrolle hat. Seinen ersten Tag als freier Mann feiert er mit einem Frühstück. Er bestellt ein Rührei aus drei Eiern, den Rest der ersten Wochen braucht er, um sich zu erholen.

Er versucht, so regelmäßig zu leben, wie es die Ärzte raten: Wenn er Hunger hat, isst er, wenn er müde ist, geht er ins Bett. Eine junge Mischlingshündin legt er sich auch zu. Sie muss regelmäßig raus und erkennt ihn, auch wenn er gerade nicht weiß, ob er "ich oder ich oder doch nicht ich" ist.

Weg mit Engeln und religiösen Bildern!

Er tut Dinge, die zumindest einige Ärzte skeptisch sehen. Ein Buch unter seinem richtigen Namen veröffentlichen, zum Beispiel. Oder mit einer Psychologin zusammenzuziehen, in die er sich in der Psychiatrie verliebt hat. Sie habe ihn nicht therapiert, sagt er, die Beziehung sei erst danach entstanden. Und wenn sich zwei Menschen finden, sollte man sie nicht aufhalten.

Die Gefahr einseitiger Abhängigkeit sieht er nicht. In der Realität sei es öfter so, dass er sie coache, und nicht umgekehrt, sagt er und klingt dabei fast ein wenig eitel, wie manchmal im Buch, wenn er sich selbst beschreibt.

Ausgerechnet vor der Kamera der Fotografin ist davon aber nichts mehr zu spüren. Er lässt sich herumkommandieren, akzeptiert alle möglichen Requisiten und willigt ein, quer durch die Innenstadt zu laufen, um noch mit zwei seiner Kunstwerke zu posieren, die in der Psychiatrie entstanden sind.

Vor dem Stephansdom versucht ein Mönch in brauner Kutte, ihm ein Marienbild zu verkaufen. Illigen, der Mann, der einst Engel gegen Dämonen verteidigen wollte, läuft weiter, er hat ihn nicht einmal gesehen. Er sei de facto Atheist, sagt er. Religion spiele in seinem Leben keine Rolle mehr.

Die konservative, katholische Erziehung, die er als Halbwaise im Haus seines Vaters oder seiner Tante und in diversen Schulen erlebte, scheint aber nachzuwirken. Dafür spricht zumindest das Muster, nachdem er seine Schuldgefühle verarbeitet.

Mathias Illigen hat sich schließlich nicht mit Therapie zufriedengegeben, sondern wollte bekennen. Er zeigt nicht nur Tateinsicht, sondern sagt, dass er bereue – und ganz oft das Gefühl habe, dass seine Zeit im Maßregelvollzug und die strengen Auflagen, mit denen er jetzt leben müsse, seine Buße seien.

Es sei sein purer Ernst, sagt er. Man müsse sich vorstellen, was man im Maßregelvollzug aushalten müsse. Keine Kontrolle über sich zu haben, sich in jeder Hinsicht hinterfragen lassen und permanent mit seinen Defiziten auseinandersetzen zu müssen.

Und jetzt das Leben mit der richterlichen Weisung, die noch acht Jahre gilt: Antipsychotika nehmen, Therapiestunden und die forensische Ambulanz besuchen, Drogentests bestehen, Nachweise über seine Geld- und Wohnsituation erbringen. Viele Dinge, die er tun muss. "Zu glauben, ich wäre gut davongekommen, ist ein Irrtum", schreibt er, aber "auch Mitleid ist nicht angebracht". Es geht ihm wohl eher um Respekt. Oder um Vergebung.

Ob seine Geschwister ihm verziehen haben?

Er denke schon, sagt er nach kurzem Zögern. Sie hätten jedenfalls eine Solidarität und einen Pragmatismus an den Tag gelegt, der sie menschlich auszeichne. Und das reiche ihm. Mehr könne er nicht erwarten.

Und der Vater?

Er hätte einen Weg gefunden, nicht in Hass und Aggression zu versinken. Er hätte einen Weg gefunden, damit umzugehen, da sei er sich ganz sicher.

Am nächsten Tag wird sich der Tod des Vaters zum fünften Mal jähren. Er werde einfach arbeiten, sagt Mathias Illigen, eine Menge Interviews geben, sich fotografieren lassen, so etwas. Dann wartet er einen Moment, bevor er leiser weiterspricht. Am Abend werde er wahrscheinlich eine Kerze anzünden, traurig werden, überlegen, was aus dem Ganzen geworden sei. Und dann werde er sich vermutlich denken, dass er den richtigen Weg gehe.

Den letzten Satz hat er gemurmelt, so als traue er sich noch nicht, ihn zu laut auszusprechen.

Mathias Illigen. "Ich oder Ich: Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat". Edition A, 96 Seiten