Augenzeugen aus Giglio

"Ich höre noch die Schreie der Kinder und Frauen"

Die Bewohner von Giglio erleben die dramatischen Tage nach der Havarie der "Costa Concordia" mit Bestürzung: "So was passiert nie – schon gar nicht hier."

Foto: dapd / dapd/DAPD

Tränen schießen Ido Cavero in die Augen, als er vom Schiffsunglück vor der Insel Giglio an der toskanischen Küste erzählt. „Ich höre noch immer die Schreie der Kinder und Frauen“, sagt der 85-Jährige.

Jetzt – fünf Tage nach der Havarie der „Costa Concordia“ – steht er auf seinen Gehstock gestützt im Hafen und beobachtet den Tumult, der sich vor ihm abspielt:

Hunderte Journalisten rennen wild durcheinander, Helfer stehen in Gruppen zusammen und besprechen die Lage, während die Fähre immer wieder neue Kamerateams, Rettungskräfte und Polizisten ausspuckt.

Dass eine solche Tragödie vor seiner Heimatinsel geschehen ist, kann Cavero immer noch nicht fassen. „So was passiert nie – und schon gar nicht hier.“ Viele Einwohner von Giglio haben sich am Nachmittag im Hafen zusammengefunden – so wie jeden Tag seit dem Unglück am vergangenen Freitagabend.

Neugierig blicken sie auf den Medienzirkus, mit Bangen auf das gestrandete Kreuzfahrtschiff. „Wir haben vor allem Angst, dass der Treibstoff ausläuft“, sagt der Neffe des alten Manns – auch er heißt Ido Cavero. Der Trubel ist ihm zu viel. Er will nur, dass die drohende Umweltkatastrophe vor Giglio verhindert wird.

Um diese Jahreszeit normalerweise überhaupt nichts los

Zwei Häuser weiter steht Mariella Centurioni mit Freunden vor der Haustür. Auch sie unterhalten sich über den Auflauf der Journalisten aus aller Welt. „Es ist wie im Casino“, sagt Centurioni und schüttelt den Kopf. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass hier um diese Jahreszeit normalerweise überhaupt nichts los ist.“

Tatsächlich würde Giglio derzeit eigentlich im Winterschlaf ruhen – zumindest bis März, wenn die ersten Touristen ankommen, viele von ihnen Deutsche.

„Im Januar hat hier nur eine Bar geöffnet“, sagt auch Massimiliano Botti, der ein kleines Café im Hafen betreibt. „Sonst ist alles geschlossen. Außer uns ist dann niemand hier.“ Gerne hätte er auch in diesem Jahr die seltene Ruhe auf der Urlaubsinsel genossen und aufs Arbeiten verzichtet. „Aber für das Geschäft ist es natürlich gut“, sagt Botti und stellt für die nächste Journalistengruppe gleich wieder die Kaffeemaschine an.

Immer mehr Katastrophentourismus

Immer mehr Touristen kommen auf die Insel Giglio, um das havarierte Kreuzfahrtschiff mit eigenen Augen zu sehen – vor allem sind es Italiener, die sich bereits auf der Fähre mit ihren Handykameras an der Reling drängen. Marcello, der mit seiner Frau aus Perugia angereist ist, erzählt stolz, dass er auf dem Festland im Hafenort Porto Santo Stefano noch ein Hotelzimmer für 70 Euro ergattert hat.

Denn auch die Hoteliers haben die Möglichkeiten erkannt, die sich ihnen durch das Unglück bieten – vor allem im Januar, wenn sich hierher kaum ein Tourist verirrt.

"Das muss ich sehen"

Stefano Montanari ist am Donnerstag mit zwei Freunden wegen des Wracks von Bologna aus auf die Insel gekommen. „Wenn so etwas schon vor unserer Haustür passiert, muss ich das auch sehen“, sagt er. An die Leichen, die wahrscheinlich noch im Bauch des Schiffes liegen, will hier keiner denken.

Auch Norchio Fabrizio versucht sich einen guten Platz an der Reling zu verschaffen, als die Fähre sich der Insel nähert und die gigantischen Ausmaße des Kreuzfahrtschiffes immer deutlicher werden. Ein Hubschrauber kreist über der „Costa Concordia“, eine der Rettungskräfte seilt sich gerade über den Rand des Schiffes ab.

„Wenn sie untergeht, sind es zwei. Hier unten liegt noch irgendwo ein Wrack aus den 1970er Jahren auf dem Meeresboden“, erzählt Fabrizio, der mit seiner Frau aus Rom gekommen ist. Wenige Stunden später fahren sie und viele der anderen Touristen wieder zurück aufs Festland – mit dem Foto, für das sie gekommen sind.

Um 17.30 Uhr legt schließlich die letzte Fähre des Tages in Giglio ab. Auf Giglio kehrt dann ein wenig Ruhe ein. Zumindest bis zum nächsten Morgen.