Kreuzfahrt-Unglück

Fragile Lage der "Concordia" lässt Hoffnung schwinden

Die Bergungsarbeiten auf der "Concordia" mussten unterbrochen werden – zu gefährlich für die Helfer. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwindet.

Die aus Sicherheitsgründen unterbrochenen Bergungsarbeiten in dem vor der toskanischen Küste verunglückten Kreuzfahrtschiff werden aller Voraussicht nach am Donnerstag fortgesetzt. Ein Sprecher der italienischen Küstenwache sagte am Mittwochabend, die „Costa Concordia“ habe sich stabilisiert.

Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Suche sei, dass dies so bleibe. Ein Marinesprecher sagte, bei Tagesanbruch würden Armeetaucher weitere Breschen in den Schiffsrumpf schlagen und nach Vermissten suchen.

Am Mittwochmorgen waren die Sucharbeiten ausgesetzt worden. Messungen zufolge hatte sich das Schiff bewegt und drohte von den Felsen zu rutschen, auf denen es derzeit ruht. Auch das Abpumpen des gefährlichen Treibstoffs in den Tanks des Schiffes konnte aufgrund der instabilen Lage noch nicht beginnen.

Zunächst müsse geprüft werden, ob sich das Schiff tatsächlich bewegt habe und falls ja, wie stark die Bewegung gewesen sei, erklärte Kommandeur Filippo Marini von der italienischen Küstenwache.

Vermisste aus Deutschland wieder in der Heimat

Am Abend wurde bekannt, dass eine bislang als vermisst geltende Deutsche bereits in die Heimat zurückgekehrt ist. Unterdessen bestritt der Kapitän, er habe das Schiff verlassen. Viel mehr sei er ins Wasser gestürzt, nachdem dieses Schlagseite erlitten habe.

Die „Costa Concordia“ mit mehr als 4200 Menschen an Bord war am Freitag vor der toskanischen Insel Giglio havariert. Bei zwölf Deutschen ist der Verbleib nach italienischen Angaben noch nicht geklärt. In der Nacht hatten Rettungskräfte den über Wasser liegenden Teil der „Costa Concordia“ durchsucht. Weitere Vermisste wurden aber nicht entdeckt.

Bislang wurden elf Menschen tot geborgen. Ob unter den zuletzt gefundenen sechs Toten am Montag und Dienstag auch Deutsche waren, war nicht bekannt.

Erstes Todesopfer war ungarischer Violinist

Das Auswärtige Amt in Berlin ging bislang von zwölf vermissten Deutschen aus: fünf aus Hessen, jeweils zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie einer aus Bayern. Meldungen, wonach unter den am Dienstag geborgenen fünf Toten auch Deutsche waren, könnten „derzeit nicht bestätigt werden“, hieß es.

Als erstes Todesopfer des Schiffsunglückes wurde in der Zwischenzeit ein ungarischer Violinist identifiziert, der zur Besatzung der „Costa Concordia“ gehörte. Das ungarische Außenministerium bestätigte am Mittwoch die Identifizierung der Leiche des Geigers Sandor F.

Geiger hat vor Evakuierung Kindern geholfen

Ein Pianist, der mit Sandor F. zusammen an Bord musiziert hatte, erklärte gegenüber der Zeitung „Blikk“, der Geiger habe kurz vor der Evakuierung noch Kindern geholfen, Schwimmwesten anzulegen. Plötzlich habe er sich entschlossen, noch einmal in seine Kabine zu gehen, um seine Geige zu holen. Dabei habe er eine Schwimmweste getragen. Die Leiche des 38-jährigen Musikers war im Schiffsinnern gefunden worden

Der Kapitän der „Costa Concordia“, dem schwere Versäumnisse zur Last gelegt werden, wurde nach Angaben seines Anwalts aus der Untersuchungshaft entlassen und unter Hausarrest gestellt. Francesco Schettino war unbefugt vom Kurs des Kreuzfahrtschiffes abgewichen und zu nah an die Küste der Insel Giglio gefahren.

Schettino des Totschlags beschuldigt

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Schettino des Totschlags und wirft ihm vor, eine Havarie verursacht zu haben sowie sein Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere in Sicherheit gebracht wurden. Allein für den letztgenannten Vorwurf drohen Schettino bis zu zwölf Jahre Haft.

Medienberichten zufolge kehrte Schettino in sein Haus nahe Neapel zurück. Die Entlassung aus Untersuchungshaft sei gerechtfertigt, da keine Fluchtgefahr bestehe, erklärte der Anwalt des Kapitäns, Bruno Leporatti, am Mittwoch, vor Journalisten in Grosseto. Er verwies darauf, dass Schettino die Evakuierungsaktion vom Ufer aus koordiniert habe. „Er hat sich nicht abgesetzt.“ Der Kapitän sei erschüttert, sagte Leporatti.

Laut italienischen Medienberichten machte Schettino ein technisches Problem dafür verantwortlich, dass er die Evakuierung an Bord nicht koordiniert hat. „Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen“, sagte er demnach vor einer Untersuchungsrichterin.

Als der Absenkmechanismus blockierte und plötzlich wieder ansprang, „bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot“. Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil dieses schon zu schräg gelegen habe.

Ein aufgezeichnetes Gespräch mit der Küstenwache belastet den Kapitän jedoch stark: Demnach war er bereits in einem Rettungsboot, als die Evakuierung noch in vollem Gange war, und kam dem Befehl nicht nach, auf das Schiff zurückzukehren, um die Rettungsarbeiten zu leiten.

Kapitän bestreit, das Schiff verlassen zu haben

In dem Gespräch bestritt Schettino, dass Schiff verlassen zu haben. „Ich habe kein Schiff mit 100 Personen an Bord verlassen. Das Schiff hat plötzlich Schlagseite erlitten und wir wurden ins Wasser geschleudert“, sagte Schettino einem von der Tageszeitung „Corriere della Sera“ am Mittwoch veröffentlichen Protokoll zufolge.

Angesichts des drohenden Austritts von Treibstoff aus dem havarierten Kreuzfahrtschiff sicherte der italienische Ministerpräsident Mario Monti alle erdenklichen Maßnahmen zur Verhinderung einer Ölpest zu. Ebenso wie die Sorge um die Opfer sei die Vorbeugung und Eingrenzung von Öllecks eine Priorität der Behörden, erklärte Monti am Mittwoch vor Journalisten in London.

Eine Katastrophe wie vor der Insel Giglio hätte verhindert werden „können und sollen“, betonte er. Den rund 900 Einwohnern der toskanischen Insel dankte er für ihre Hilfe und die Aufnahme der Passagiere und Besatzungsmitglieder des Kreuzfahrtschiffes.