Banges Warten

Die tödliche Gefahr der "Costa Concordia"

Vom havarierten Luxusschiff "Costa Concordia" geht immer noch ein große Gefahr aus – nicht nur für die Menschen, die noch im Inneren vermutet werden. An Land versuchen die Angehörigen der Vermissten unterdessen, Zuversicht zu zeigen. Trost spendet den Italienern dabei der Held vom Festland.

Foto: Reuters / Reuters/REUTERS

Das Warten ist das Schlimmste. Denn wer nur warten kann, fühlt sich hilflos. Die Angehörigen der Vermissten versuchen deshalb, mit allen Mitteln gegen das Gefühl der Ohnmacht anzukämpfen. Rosa Girolamo aus Alberobello beispielsweise plakatiert an jeden freien Platz, den sie finden kann, das Fotos ihres Sohnes. Ein Künstler ist er, erzählt sie. Er hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, bis er mit 30 Jahren endlich ein erstes festes Engagement bekam. Mit seiner Band Dee Dee Smith spielte der Schlagzeuger seit dem 4.Dezember auf der „Costa Concordia“. Freunde haben Rosa Girolamo erzählt, er habe schon im Rettungsboot gesessen, dann aber den Platz für eine Mutter und deren Kind aufgegeben. „So ist er“, sagt seine Mutter. „Er ist einer dieser Menschen, für den der Satz ‚Frauen und Kinder zuerst' nicht nur eine Phrase ist.“

Seit Freitag hat niemand mehr Giuseppe gesehen. Journalisten fragen Rosa Girolamo nach Details über sein Leben, wie er war, was er tat, dann bricht es aus ihr heraus: „Bitte“, fleht sie, „sprechen Sie nicht über ihn in der Vergangenheit. Er lebt, er ist ein starker Junge.“

Die Geschichte von Giuseppe, der seinen Platz aufgab, um jemand anderen zu retten, ist nur eine von denen menschlicher Größe, wie man sie in diesen Tagen rund um den Ort des Unglücks erzählt. Von der Fähre, die erneut Angehörige von Santo Stefano zur Insel Giglio bringt, kommt Madeleine an Land. Sie guckt in die Richtung, wo am Freitagabend ihre kleine Schwester irgendwo im Meer verschwand. Madeleine ist hier, um sie zu suchen. Die Peruanerin ist mit ihrer Familie leicht zu erkennen für die Journalisten. Jeder hier im Ort hat die Listen der Vermissten gelesen. Jeder kennt die Namen und die Bilder der Menschen. Wenn hier jemand aus Peru auftaucht, noch dazu ohne Kamera oder Block in der Hand, dann muss er etwas mit Erika zu tun haben, der 23 Jahre alten Kellnerin der „Costa Concordia“. Die ersten Kamerateams nähern sich, Madeleine zieht immer mehr Neugierige an. Mit einem freundlichen Lächeln beantwortet sie Fragen, aus großen dunklen Augen spricht die Hoffnung.

Liebe zum Meer nicht nehmen lassen

An die 40 Peruaner waren an Bord der „Costa Concordia“. Sie arbeiteten wie Erika im Restaurant, an der Bar oder als Kabinen-Stewards. Sie alle kommen aus dem Cuzco, Peru. Erikas Freund Thomas Alberto Castilla Mendoza gehörte zu den ersten drei Toten, die geborgen wurden. Er war bei der Arbeit in einer Kabine im sechsten Stock des Schiffs, in einem Teil, der als erster betroffen war. Seine Kollegen Jimy und Edwin sind jetzt sicher an Land. Zusammen mit fast 500 anderen Besatzungsmitgliedern sind sie in Grosseto untergebracht. Sie sind noch nicht in ihre Heimat gefahren, für die meisten war die Concordia seit Jahren ihr Zuhause.

Noch immer gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die weiterhin unauffindbar sind. Zuletzt war von 21 Vermissten die Rede, doch die Zahlen schwanken weiterhin. Dem Krisenstab im Auswärtigen Amt liegen bislang noch zwölf polizeiliche Vermisstenmeldungen für Deutsche vor. Doch die Suche musste am Mittwochmorgen abgebrochen werden, das Wrack drohte noch tiefer abzurutschen. Vorerst sei es zu gefährlich, sich dem Wrack „auch nur zu nähern“, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari.

Vermisste Deutsche nach Schiffsunglück ausfindig gemacht

Eine nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes als vermisst gemeldete Deutsche ist in Deutschland ausfindig gemacht worden. Die Frau habe sich gegenüber der Polizei identifiziert, teilten die Behörden in der italienischen Stadt Grosseto am Mittwoch mit. Der Name der Deutschen sei am Abend von der offiziellen Vermisstenliste gestrichen worden.

Von der „Costa Concordia“ geht noch immer Gefahr aus. Nicht nur für die Menschen, die noch in ihrem Inneren vermutet werden. 2380 Tonnen Treibstoff soll das Kreuzfahrtschiff in den Tanks haben. Mehr als 2000 davon in Form von mittlerweile fest gewordenem Schweröl. Die Beseitigung wird wahrscheinlich mehrere Wochen dauern. Die zähe Masse muss erst auf mindestens 45 Grad erhitzt werden, bevor sie abgepumpt werden kann. Gelangt sie ins Meer, droht eine extreme Umweltverschmutzung. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet, dem wichtigsten Walschutzgebiet im Mittelmeer.

Es gibt ein großes Bedürfnis nach Trost auf der Insel, die Menschen hier leben vom Meer, jeder hat einen Fischer oder einen Seemann in der Familie, die Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Und so wird eine der inoffiziellen Nationalhymnen Italiens immer wieder beschworen: „Gente di Mare“, Meeresvolk. Das Lied wird in den Bars und Restaurants gespielt, auf Facebook und in anderen Netzwerken gepostet. Die Liebe zum Meer will man sich nicht nehmen lassen.

Und so hat die Geschichte dieser Tragödie einen maritimen Helden bekommen: Gregorio De Falco, 46, aus der Gegend um Neapel. Er hatte das Kommando im Hafen von Livorno, er war es, der zum Kapitän Francesco Schettino jenen Satz sagte, den man hier sogar schon auf T-Shirts gedruckt findet: „Vada a bordo, cazzo!“ – „Gehen Sie an Bord, verflucht noch mal!“ Seine Entscheidung war es, Hilfe zur havarierten „Costa Concordia“ zu schicken, lange bevor ihr Kapitän das angeordnet hatte. „Ein Heiliger“ rufen die ersten, „der ideale Kapitän“. Francesco Schettino, der Kapitän der „Costa Concordia“ hat das Image der Seeleute schwer beschädigt, umso mehr stürzen sich die Menschen auf De Falco. So, erzählen sie, seien die wahren Seeleute. Der Held selbst sagt: „Ich habe nur meine Pflicht getan.“

Der Kapitän wird bitter verlacht

Die ganze Wut des Landes konzentriert sich auf den Kapitän Schettino. „Männer wie er“, schreibt eine Zeitung, „sind ein letztes Aufbäumen der Ära Berlusconi, die wir nun hoffentlich hinter uns haben.“ Nun steht er unter Hausarrest und darf mit niemanden – abgesehen von seiner im Haus wohnenden Familie – kommunizieren. Als er nachts um kurz nach zwei in seinem Heimatort Meta di Sorrento ankam erwarteten ihn Journalisten aus der ganzen Welt.

Seine Frau versucht, seinen Namen zu retten. Sie spricht von einem menschlichen Drama. Die Familie hatte in den ersten Tagen noch versucht zu erklären, Schettino habe durch sein Manöver nicht Menschen gefährdet, sondern im Gegenteil gerettet. Doch seit das Telefonat sich verbreitet hat und seit Schettinos Satz – „Ich bin nicht ins Rettungsboot gestiegen, ich bin dort reingerutscht“ – bekannt wurde, wird er bitter verlacht. Beide Männer, der Held und die Hassfigur kommen aus Kampanien, aus dem armen Süden des Landes. So bleibt wenigstens der übliche italienische Konflikt zwischen Norden und Süden aus