Schettino-Anwalt kontert

"Der Kapitän der Costa Concordia war nicht feige!"

Der Anwalt von Kapitän Schettino ist der Ansicht, dass sich der Kommandant des havarierten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia korrekt verhalten hat. Dieser hatte das sinkende Schiff als einer der ersten verlassen – angeblich unfreiwillig.

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Der Verteidiger des schwer beschuldigten Kapitäns des havarierten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ hat sich hinter seinen Mandanten gestellt: Francesco Schettino habe auf ihn nicht den Eindruck gemacht, ein Feigling oder ein Krimineller zu sein, sagte Anwalt Bruno Leporatti am Mittwoch in Grosseto.

„Ich habe mich einer mitgenommenen Person gegenüber gesehen“, fügte er hinzu. Auf die Frage, ob der Kapitän nicht gelogen habe, als er im Gespräch mit der Küstenwache die Schwere der Havarie herunterspielte, sagte Leporatti: „Das sind alles Dinge, die noch überprüft werden müssen.“ Er müsse erst alle Informationen haben.

Kapitän unter Hausarrest

Der Kapitän, dem schwere Versäumnisse zur Last gelegt werden, wurde nach Angaben seines Anwalts aus der Untersuchungshaft entlassen und unter Hausarrest gestellt. Francesco Schettino war unbefugt vom Kurs des Kreuzfahrtschiffes abgewichen und zu nah an die Küste der Insel Giglio gefahren. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Schettino des Totschlags und wirft ihm vor, eine Havarie verursacht zu haben sowie sein Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere in Sicherheit gebracht wurden. Allein für den letztgenannten Vorwurf drohen Schettino bis zu zwölf Jahre Haft.

Medienberichten zufolge kehrte Schettino in sein Haus nahe Neapel zurück. Die Entlassung aus Untersuchungshaft sei gerechtfertigt, da keine Fluchtgefahr bestehe, erklärte der Anwalt des Kapitäns, Bruno Leporatti, am Mittwoch, vor Journalisten in Grosseto. Er verwies darauf, dass Schettino die Evakuierungsaktion vom Ufer aus koordiniert habe. „Er hat sich nicht abgesetzt.“ Der Kapitän sei erschüttert, sagte Leporatti.

Ein aufgezeichnetes Gespräch mit der Küstenwache belastet den Kapitän stark : Demnach war er bereits in einem Rettungsboot, als die Evakuierung noch in vollem Gange war, und kam dem Befehl nicht nach, auf das Schiff zurückzukehren, um die Rettungsarbeiten zu leiten.

Die Tatsache, dass andere Offiziere und Besatzungsmitglieder an Bord blieben und sich um die Evakuierung der Passagiere kümmerten, widerlege die Behauptung des Kapitäns, er habe die Rettungsarbeiten an Bord nicht leiten können, urteilte die Richterin. Sie kritisierte, der Kapitän habe „keinerlei ernsthaften Versuch“ unternommen, wieder an Bord oder zumindest in die Nähe des Schiffs zurückzukehren. Stattdessen habe Schettino von einem Felsen aus gemeinsam mit weiteren Besatzungsmitgliedern stundenlang die Rettungsarbeiten beobachtet.

In seiner dreistündigen Vernehmung hatte Schettino am Dienstag angegeben, er sei beim Versuch, ein Rettungsboot flottzumachen, in das Boot gefallen und habe wegen der Schräglage der „Costa Concordia“ nicht an Bord zurückkehren können.

Wrack gerät in Bewegung

Indessen haben sich die Rettungsarbeiten zum Nervenkrieg entwickelt. Messgeräte verzeichneten bei dem auf einem Felsen liegende Wrack am Mittwoch eine leichte Bewegung, so dass die Suche nach den noch 22 Vermissten eingestellt werden musste. Für die Taucher und Feuerwehrleute ist der Einsatz ohnehin eine äußerst gefährliche Aktion, da die „Concordia“ in tieferes Gewässer abrutschen und dann vollständig sinken könnte.

Das Kreuzfahrtschiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord war am Freitag vor der toskanischen Insel Giglio havariert. Bei 13 Deutschen ist der Verbleib nach italienischen Angaben noch nicht geklärt.

Zunächst müsse geprüft werden, ob sich das Schiff tatsächlich bewegt habe und falls ja, wie stark die Bewegung gewesen sei, erklärte Kommandeur Filippo Marini von der italienischen Küstenwache. In der Nacht hatten Rettungskräfte den über Wasser liegenden Teil durchsucht. Weitere Vermisste wurden aber nicht entdeckt.

Bislang wurden elf Menschen tot geborgen. Ob unter den zuletzt gefundenen sechs Toten auch Deutsche waren, war nicht bekannt. Vor der Bergung der sechs Leichen am Montag und Dienstag waren nach offiziellen italienischen Angaben insgesamt noch vier Besatzungsmitglieder und 24 Passagiere vermisst worden, darunter 13 Deutsche. Betroffen waren neun Frauen und vier Männer aus Deutschland. Daneben standen noch die Namen von sechs Italienern, vier Franzosen, zwei Amerikanern, einem Ungarn, einem Inder und einer Peruanerin auf der Liste der italienischen Behörden.

Das Auswärtige Amt in Berlin geht bislang von zwölf vermissten Deutschen aus: fünf aus Hessen, jeweils zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie einer aus Bayern. Meldungen, wonach unter den am Dienstag geborgenen fünf Toten auch Deutsche waren, könnten „derzeit nicht bestätigt werden“, hieß es.

Umweltkatastrophe droht

Wegen der instabilen Lage des Schiffs konnte die niederländische Spezialfirma Smit zunächst nicht damit beginnen, die rund 2400 Tonnen Treibstoff aus den Tanks der „Costa Concordia“ abzupumpen. Das Abpumpen sei ein komplizierter Vorgang, der mehrere Wochen dauern könne, sagte ein Smit-Sprecher. Meteorologen sagten für die Region um die Unglücksstelle für Donnerstag einen Sturm voraus. Sollte Treibstoff aus dem Wrack austreten, droht eine Umweltkatastrophe.