Costa Concordia

Kapitän will zufällig ins Rettungsboot gefallen sein

Die Suche nach Passagieren im Wrack der Costa Concordia ist erneut unterbrochen worden: Das Schiff sinkt weiter ab. Neues gibt es auch vom Kapitän. Er will unabsichtlich in ein Rettungsboot gestürzt sein als er Reisenden half.

Foto: REUTERS / Reuters

Die Suche nach Eingeschlossenen in dem havarierten Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der toskanischen Insel Giglio ist zum Schutz der Helfer erneut unterbrochen worden. Das Wrack sinke weiter ab, dadurch seien die notwendigen Sicherheitsbedingungen nicht gegeben, sagte der Sprecher der Rettungseinheiten, Luca Cari, am Mittwoch.

Unter den insgesamt noch 28 Vermissten aus sieben Ländern befinden sich nach einer jüngsten Bilanz der italienischen Behörden 13 Deutsche. Cari ließ offen, wann die Suche fortgesetzt werden sollte. Derzeit sei es zu gefährlich, sich dem Wrack „auch nur zu nähern“. Zuvor hatten Rettungskräfte die ganze Nacht hindurch in dem Wrack nach möglichen weiteren Überlebenden oder Todesopfern gesucht. Die Durchsuchung des noch über der Wasseroberfläche liegenden Schiffsteils sei praktisch abgeschlossen, sagte Cari.

Die Rettungsmannschaften müssen befürchten, dass stärkerer Seegang nach einer angekündigten Wetterverschlechterung die Bergungsarbeiten weiter behindern könnte. Die gekenterte „Costa Concordia“ könnte weiter in die Tiefe abrutschen und auch sinken, hatten Experten erklärt.

Marine-Taucher hatten am Morgen weitere Löcher in die Schiffswand gesprengt, um den unter Wasser liegenden Teil besser erforschen zu können. Die Suche konzentrierte sich auf einen Abschnitt in 18 Metern Tiefe, wo sich das vierte Deck des Schiffs befindet. Dort waren am Dienstag eng beieinander fünf mit Schwimmwesten ausgestattete Leichen gefunden worden. Am Mittwoch sollten auch die Vorbereitungen für ein Abpumpen der knapp 2400 Tonnen Dieselöl in den Tanks des Kreuzfahrtschiffes fortgesetzt werden.

Platz im Rettungsboot war ein "Unfall"

Unterdessen sorgte der Kapitän der „Costa Concordia“ mit einer neuen Begründung für sein vorzeitiges Verlassen des Unglücksschiffes für Aufsehen.

Laut italienischen Medienberichten machte Francesco Schettino (52) ein technisches Problem dafür verantwortlich, dass er die Evakuierung an Bord nicht koordiniert hat. „Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen“, sagte er demnach vor einer Richterin. Als der Absenkmechanismus blockierte und plötzlich aber wieder ansprang, „bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot“. Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil sich dieses schon zu sehr in Schräglage befunden habe.

Die Tageszeitungen „Corriere della Sera“ und „La Repubblica“ zweifeln diese Version der Ereignisse an, vor allem weil sich in dem Rettungsboot auch der zweite Offizier Dimitri Christidis und der dritte Offizier Silvia Coronica befunden hätten.

Kapitän unter Hausarrest

Der schwer belastete Kapitän kehrte nach seiner dreistündigen Vernehmung bei der Richterin in seinen Heimatort Meta di Sorrento zurück. Die Richterin hatte den Haftbefehl gegen ihn in einen Hausarrest umgewandelt. Staatsanwalt Francesco Verusio, der Kapitän Schettino nach der Havarie hatte festnehmen lassen, äußerte Unverständnis über diese Entscheidung.

Dem Kapitän wird mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Ein Gesprächsprotokoll belegt völlig chaotische Rettungsmaßnahmen. Dem 52-Jährigen drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

Der 290 Meter lange Kreuzer mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitagabend nach einer Kursänderung des Kapitäns einen Felsen vor der Insel Giglio gerammt und war leckgeschlagen. Das Schiff liegt derzeit in starker Schräglage vor der Insel. Naturschützer fürchten, dass Treibstoff das fragile Ökosystem weit über die toskanische Insel hinaus verschmutzt.

Bisher wurden elf Leichen geborgen. Eine Bestätigung dafür, dass ein deutsches Todesopfer identifiziert sei, gab es vom Außenministerium in Berlin zunächst nicht.

Havarie kostet Münchner Rück rund 50 Miollionen Euro

Nach Schätzungen von Experten könnte das Schiffsunglück der größte Versicherungsschaden in der Geschichte der Seefahrt werden. Die Angaben der Versicherer deuteten auf einen Schaden zwischen 500 Millionen Euro und einer Milliarde Euro hin. Die Havarie kostet allein den weltgrößten Rückversicherer Münchener Rück nach eigenen Schätzungen rund 50 Millionen Euro. Die Hannover Rück hatte am Montag ihre Kostenbelastung auf mehr als zehn Millionen Euro taxiert. Als Versicherer ist auch die Allianz betroffen.