Kraillinger Doppelmord

Blutige Handabdrücke bezeugen Todeskampf

Thomas S. bleibt angesichts der Grausamkeiten, die im vorgeworfen werden, völlig ungerührt. Er lächelt. Der Angeklagte soll seine Nichten in Krailling auf bestialische Weise ermordet haben.

Die Konturen von Chiara sind klar zu erkennen. Wo die Leiche der Achtjährigen lag, ist auf dem Foto eine große Blutlache in der Form ihres zerschmetterten Körpers. Handabdrücke aus Blut finden sich mehrmals an Wänden der Wohnung, in der Chiara mit ihrer ebenfalls ermordeten elfjährigen Schwester Sharon lebte. Stammen sie vom Todeskampf der beiden mit ihrem Onkel? Oder von Rettern, die bei Wiederbelebungsversuchen weiteres Blut aus ihren zerstochenen Körpern pumpten? Schreckliche Tatort-Fotos werden im Landgericht München II gezeigt – doch der Angeklagte sitzt nur da und grinst.

Thomas S. ist ein Mann, der offenbar gerne grinst. Als der 51-Jährige in den Gerichtssaal geführt wird, versucht er mit einem Wachtmeister zu scherzen. Als später ein psychiatrischer Gutachter aus seinem Leben erzählt, hört er fröhlich zu. Von Auswanderungsplänen als junger Mann nach Griechenland erzählt der Gutachter. Auch da kommt es wieder, das Grinsen. Betont wird es noch dadurch, dass sich S. den Bart abgenommen hat – die Bilder nach seiner Festnahme zeigten ihn als zotteligen Vollbartträger.

Die Fröhlichkeit des Thomas S. ist eine irritierend selbstgefällige. Gar keine Miene verzieht er aber, als die Anklage verlesen wird. Zweifachen Mord lastet die Staatsanwaltschaft dem Postboten an. Begangen aus Hass und Habgier – nach Überzeugung der Ermittler mussten Sharon und Chiara sterben, weil der nach einem Hausbau überschuldete S. an das Erbe ihrer Mutter, der Schwester seiner Frau, wollte.

Die wollte S. laut Anklage nämlich eigentlich auch töten. Den Mord wollte er dann so tarnen, dass es aussehen sollte, als hätte die Mutter zuerst ihre Mädchen ermordet und sich selbst mit einem Stromschlag in der Badewanne das Leben genommen. Vollenden konnte S. den Plan nur deshalb nicht, weil die Mutter nicht wie von ihm erwartet um zwei Uhr nachts aus der benachbarten Musikkneipe ihres Lebensgefährten in Krailling bei München heimkehrte, sondern erst gegen fünf – da war S. schon vom Tatort geflohen.

Weil S. schweigt, ist dieser Tatablauf eine von den Ermittlern aufgestellte Theorie. Aber eine Theorie, die plausibel erscheint. Dass er in der Tatnacht in der Wohnung war, beweisen dort gefundene DNA-Spuren. Die Theorie mit dem vorgetäuschten erweiterten Suizid stützt das Szenario am Tatort.

Denn die Ermittler entdeckten nicht nur die Hantelstange, das Messer und das Seil, mit dem S. seine Nichten bestialisch getötet haben soll. Sie entdeckten auch die Vorkehrungen für den Mord an der Mutter. In der Badewanne war noch Wasser, in der Steckdose neben der Wanne befand sich ein Handmixer – zuerst wollte S. seine Schwägerin nach Überzeugung der Ermittler in die Wanne schmeißen und sie dann mit einem Stromschlag durch den Mixer töten.

Wie kann ein Mann, der zur Tatzeit mit vier eigenen Kindern unter einem Dach lebte und außerdem noch zwei weitere Kinder aus einer früheren Ehe hat, solch eine Tat begehen? Kann tatsächlich nur eine Schuld von mehreren zehntausend Euro einen Menschen dazu bringen? S. tut nichts dafür, dieses Rätsel zu lösen. Trotz der gegen ihn sprechenden Indizien schweigt er wie schon seit seiner Festnahme. Nur bei dieser Festnahme und später einmal kurz durch seinen inzwischen ausgetauschten Anwalt hat er die Tat bestritten – Fragen beantwortet S. nicht.

Immerhin – sein Verteidiger Adam Ahmed schließt nicht aus, dass er sich im Prozessverlauf äußern wird. Ob es dann doch ein Geständnis geben wird, will Ahmed aber nicht sagen. Vielleicht wird sich der so unberührt wirkende S. ja von Sharons und Chiaras Mutter erweichen lassen. Diese wird in zwei Wochen als Zeugin aussagen.

Die Mutter hatte ihre ermordeten Kinder entdeckt, ihr Lebensgefährte dann direkt die Polizei angerufen. Im Hintergrund hörte der wachhabende Polizist bei dem Anruf „lautes verzweifeltes Geschrei“ – es kam von der Mutter, die ihre verbluteten Töchter gefunden hatte.

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