Nach Kreuzfahrtschiff-Tragödie

Schiffbrüchige basteln Schuhe aus Rettungswesten

Für die Überlebenden der "Costa" geht das Chaos an Land weiter: „Papierkrieg", vermisst trotz Registrierung und wenig Hilfe bei der Heimreise.

Die Rettungsübung auf der „Costa Concordia“ hat wenig genützt. Sie habe gerade mit Freunden einen Abschiedsdrink nehmen wollen, als sie einen Schlag hörte, erzählt Passagierin Eva Zwisler. Zunächst habe man sie gebeten, in der Kabine zu bleiben, sagt die 26-Jährige aus Friedrichshafen am Bodensee. „Aber ich hatte solche Panik, dass ich nur noch raus wollte.“ Sie gingen auf Rettungsdeck 4 – „wie wir es gelernt hatten“.

Bei der Übung am ersten Tag habe die Crew des Kreuzfahrtschiffes den Alarmton vorgeführt und den Passagieren gezeigt, wie sie sich bei einem Notfall in Reihen aufstellen sollten: „Frauen und Kinder vorne, die anderen hinten.“ Als aus der Übung Ernst wurde, kam alles ganz anders.

Auf dem Rettungsdeck stiegen bereits Passagiere in die Boote, erzählt Zwisler. „Nur unser Boot wurde nicht besetzt.“ Die zuständige Frau habe auf eine Anweisung gewartet. „Die kam aber nicht.“ Als ihr Rettungsboot schließlich ins Wasser gelassen werden sollte, war es zu spät. Das Boot befand sich bereits zu weit in Schieflage.

Kein Platz mehr auf der Rettungsinsel

„Wir haben uns barfuß am Boot entlanggehangelt und zu Deck 3 durchgeschlagen“, berichtet die 26-Jährige. Dort sei sie nur noch einen Meter vom Wasser entfernt gewesen. Eine Rettungsinsel wurde aufgeblasen, doch es war kein Platz mehr frei.

Eine zweite Rettungsinsel entfaltete sich so, dass sie den Passagieren den Weg versperrte. „Dann sackte das Boot weiter ab“, erinnert sich Zwisler. „Entweder ich springe oder ich sterbe“, dachte die 26-Jährige, als sie schon beinahe im Wasser stand.

„Es gab viel Hektik, viel Hysterie und viel Unvernunf t“, berichtet Stefan Wolf aus Reichenau (Kreis Konstanz) „Die Kommandostrukturen auf dem Schiff sind zerbrochen.“ Dennoch hätten die Crewmitglieder den Passagieren in der Regel den Vortritt gelassen. „Wir waren unter den letzten 20, 30 Geretteten. Nach uns kamen nur noch Crewmitglieder. Einer war völlig durchnässt, und hatte nur ein Leintuch, um sich zu wärmen.“

"Die Crew war am ängstlichsten"

Mario Lisker aus Denzlingen (Kreis Emmendingen) sagt hingegen: „Die Crew war am ängstlichsten. Sie war auf die Situation überhaupt nicht vorbereitet.“ Als ein Offizier die Leute auf die sich zum Wasser neigende Seite dirigierte, seien Leute verletzt worden. Noch in Italien habe er bei der Polizei gegen den Offizier ausgesagt.

Zwisler entschied sich für den Sprung – und rettete sich zusammen mit ihrem Freund von dem havarierten Schiff. Das Wasser war eiskalt. „Hose, Winterjacke, Handtasche. Alles war viel zu schwer. Ich wurde richtig hinunter gezogen“, sagt Eva Zwisler. Ihr Freund packte sie am Kragen und schwamm mit ihr ans rettende Ufer, berichtet die Frau, was sie auch der „Schwäbischen Zeitung“ erzählt hat.

Doch auch auf der toskanischen Insel Giglio herrschten teils chaotische Zustände: Lisker berichtet, die völlig durchgefroren Gestrandeten hätten sich aus Rettungswesten provisorische Schuhe gebastelt. Die einzige Bar habe nur gegen Bezahlung Kaffee verkauft. Doch viele Gestrandete hatten kein Geld bei sich.

„Das einzige, was ich noch in der Tasche hatte, war meine Bordkarte“, sagte Peter Roschke aus Weil im Schönbuch (Kreis Böblingen). „Statt uns schnell nach Hause zu bringen, mussten wir einen völlig unnötigen Papierkrieg über uns ergehen lassen“, sagt der 64-Jährige.

Trotz Registrierung als vermisst gegolten

Ähnliches hatte er auch der „Stuttgarter Zeitung“ erzählt. Wäre jemand vom Auswärtigen Amt vor Ort gewesen, wäre die Rückreise bestimmt schneller gegangen, ist Roschke überzeugt. Obwohl sein Name mehrmals registriert worden war, habe er nach seiner Rückkehr beim Auswärtigen Amt noch als vermisst gegolten.

Auch der Reichenauer Wolf berichtet von Problemen bei der Heimreise. „Vom deutschen Konsulat habe ich niemanden gesehen.“ Nur mit Hilfe eines Mitarbeiters des österreichischen Konsulats gelang es ihm das nötige Geld zum Essen und Tanken zu bekommen.

Wolf hatte sein Auto in Savona geparkt. Als er beim Kreuzfahrtunternehmen Costa nach Geld für die Heimreise bat, habe ihn ein Mitarbeiter mit 50 Euro und einem Tankgutschein abspeisen wollen. „Erst nachdem ein Angestellter des österreichischen Konsulats Druck gemacht hatte, zückte der Mitarbeiter ein Bündel Geldscheine und gab 200 Euro heraus.“