Kreuzfahrt-Unglück

Concordia-Katastrophe auf Facebook angekündigt

Es wird immer deutlicher, dass die "Costa Concordia" einen "Knicks" der Verehrung vor der Insel Giglio machen sollte. Das war zuvor auf Facebook zu lesen. Zwölf Deutsche werden noch vermisst, darunter zwei Rentner aus Berlin-Adlershof.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Ein Geräusch im Inneren der "Costa Concordia" schreckt gegen elf Uhr morgens die Taucher auf. "Wir haben ein lautes Rumpeln gehört, und sind sofort weg von dem Schiff", sagt einer der Rettungsarbeiter. Die See wird unruhig, immer höher steigt das Wasser, der Himmel über der Unglücksstelle ist tiefgrau.

Die Rettungsarbeiten werden unterbrochen. Die Hoffnung, jetzt noch Überlebende zu finden sinkt mit jedem Zentimeter, den das Meer sich das Schiff zurückholt.

Der Kreuzfahrtriese, der am Freitagabend vor der Küste der toskanischen Insel Giglio havarierte, hat sich am Montag um mehrere Zentimeter bewegt. Er liegt auf einem Felsvorsprung und es wird befürchtet, dass er bis zu 70 Meter tief ins Wasser rutschen könnte, momentan liegt es bei 37 Metern. Erst am Nachmittag wurden die riskanten Bergungsarbeiten wieder aufgenommen.

Von 4300 Passagieren werden drei Tage nach dem Unglück noch immer 14 Menschen vermisst, die jüngste ist ein fünfjähriges Mädchen, Dyana aus Rimini. Auch vom Vater fehlt jede Spur. Für Margit S., Jahrgang 1945, und Horst G., Jahrgang 1951, aus Berlin-Adlershof hätte diese Reise die verdiente Erholung bringen sollen. Die beiden Rentner waren erst kurz vor Weihnachten aus der Reha gekommen: Sie hatte eine Hüftoperation hinter sich, er hatte einen Schlaganfall überlebt.

Insgesamt acht Berliner von Unglück betroffen

Außerdem war vor Kurzem die Mutter von Margit verstorben. Beide waren noch schwer beeinträchtigt von ihren Krankheiten und somit gehbehindert. Das Paar hatte vor zwei Jahren schon eine Kreuzfahrt gemacht, erzählen besorgte Nachbarn. Auf der Aida hätte es ihnen so gut gefallen, dass sie für den Januar die Reise auf der "Costa Concordia" gebucht haben.

Am Samstag gab Margits Schwester bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf. Seitdem ist auch sie nicht mehr zu erreichen, Freunde vermuten, dass sie zu der Unglücksstelle gefahren ist. Noch ist das Schicksal der Berliner nicht bekannt.

Am Wochenende hatte es noch geheißen, alle der 566 deutschen Passagiere seien in Sicherheit. Am Montag aber bestätigt die Polizei anderslautende Gerüchte: Zwölf Deutsche werden vermisst, darunter fünf Passagiere aus Hessen, je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie eine Frau aus Bayern. Wenn alle Opfer gefunden sind, wartet noch eine andere Aufgabe auf die Einsatzkräfte.

Insgesamt sind mindestens acht Berliner von dem Schiffsunglück betroffen. Neben dem noch vermissten Paar aus Adlershof wurden ein Paar aus Zehlendorf und nach Informationen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) ein Paar aus Lankwitz sowie ein Ehepaar aus Kladow. Diejenigen, die sich in der Unglücksnacht in Sicherheit bringen konnten, wurden inzwischen zurück in ihre Heimat gebracht. „Wir haben am Sonntag sechs Betroffene nach Berlin geflogen“, sagte ein Sprecher des Flugunternehmens Air Berlin. Die Lufthansa flog nach eigenen Angaben über 150 Deutsche zurück in ihre Heimat – wie viele davon aus der Hauptstadt stammen, sei nicht erfasst.

Gesellschaft distanziert sich von Kapitän

Um eine extreme Umweltverschmutzung zu verhindern, müssen die über 2000 Liter Treibstoff in den Tanks abgepumpt werden. Bei einer Pressekonferenz in Hamburg sagte Heiko Jensen, Deutschlandchef der Kreuzfahrtlinie Costa Crociere, man habe ein spezielles Unternehmen mit der umweltschonenden Bergung beauftragt, doch über Art und Zeitpunkt des Abstransports konnte er noch keine Auskunft geben. Dafür versprach er allen Gästen, die ihre bereits gebuchte Reise auf einem Costa-Kreuzfahrtschiff auch tatsächlich antreten, die Kosten zu erstatten – auch jenen, die sich gegen die Reise entschieden.

Vom Kapitän des Unglücksschiffs hat sich das in Genua ansässige Unternehmen distanziert. Der 52-jährige Kapitän Francesco Schettino, der aus einer Seefahrerfamilie stammt, habe sich nicht an die üblichen Regeln und die Route gehalten.

Medienberichten zufolge soll er mehrfach von der Küstenwache aufgefordert worden sein, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung des Schiffes zu koordinieren. Doch Schettino habe sich geweigert. Er sitz in U-Haft. Was das Unglück verursachte, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Doch es wird immer deutlicher, dass das Schiff einen "Knicks" der Verehrung vor der Insel Giglio machen wollte und zu nah an die Küste heranfuhr.

Patrizia Tievoli, eine Grundschullehrerin von der Insel Giglio, deren Bruder Koch auf der "Costa Concordia" ist, verkündete noch am Freitagabend um kurz nach neun erwartungsvoll auf ihrer Facebook-Seite: "Gleich fährt die ‚Costa Concordia' ganz nah an unserer Küste vorbei."

Der "Knicks" als etabliertes Ritual

Dann ging sie zum Hafen, um sich das Spektakel anzuschauen. Eine ihrer Freundinnen fragte nach: "Wann denn genau?" und eine Dritte antwortet: "Normalerweise um halb zehn." Der "Knicks" scheint als Ritual etabliert.

Doch die nächsten Bilder, die Tievoli postet, zeigen alles andere als ein schönes Spektakel für Touristen und Einheimische: Sie zeigen das Schiff, noch voll beleuchtet, dramatisch nah am Hafen, dann den havarierten Giganten, erst ein wenig zu Seite geneigt, dann immer mehr. Schließlich ein unglaubliches Bild: Ein Nahaufnahme des Rumpfes in dem ein riesiger Felsbrocken steckt.

Patrizia Tievoli ist unter den zahlreichen Inselbewohnern, die die mehr als 4000 Schiffsbrüchigen aufnehmen. Hunderte Opfer verbrachten die erste Nacht auf dem Boden der Kirche. Ein deutscher Passagier aus Sachsen veröffentlichte später die Bilder im Internet: "Das hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal eine Kirche unter diesen Umständen filme", kommentiert er die Aufnahmen seiner eigenen Rettung.

Auch Patrizia Tievolis Bruder Antonello erreicht das Ufer sicher. Doch die Sorge um die anderen Vermissten bleibt. Freunde verschicken Bilder: "Wer kennt jemanden bei den Notaufnahmen, Krankenhäusern oder der Polizei? Wer hat diesen Mann gesehen?"

"Ich verdanke mein Leben meinem Ehemann"

Sechs Menschen hat das Unglück das Leben gekostet. Einer davon war Francis, der Ehemann von Nicole Servel. Die Kreuzfahrt war ein Geschenk der Kinder zu Servels 60.Geburtstag. Da die Französin nicht schwimmen kann, gab ihr Mann ihr seine Rettungsweste. "Ich verdanke mein Leben meinem Ehemann", erklärte Nicole Servel gegenüber der Zeitung "Le Figaro". "Spring, spring, hat er gesagt." Als sie gezögert habe, habe ihr Mann sie ein letztes Mal umarmt und sei dann zuerst gesprungen. Er habe ihr noch zugerufen: "Mach' dir keine Sorgen! Ich schaffe es." Das Wasser sei acht Grad kalt gewesen. "Dann habe ich ihn nicht mehr gesehen."

Wie auch schon zahlreiche andere Passagiere berichtet sie von dem mangelhaften Krisenmanagement der Schiffsbesatzung. "Panik, völlige Panik" habe auf dem Schiff bei der Evakuierung geherrscht. Sie und ihr Mann seien immer wieder weggedrängelt worden, Menschen seien hingefallen, sagte sie, "auf uns drauf".

Auch der Schiffsseelsorger Don Raffaele Malena erzählt von den chaotischen Verhältnissen bei der Havarie. Aufgebrachte Passagiere, sagt der Geistliche, hätten das Personal regelrecht verprügelt.