"Costa Concordia"

Reederei gibt Kapitän Schuld an der Havarie

Die italienische Reederei Costa Crociere erhebt schwere Vorwürfe gegen den Kapitän der "Costa Concordia". Mit einem eigenmächtigen und nicht genehmigten Manöver sei der Schiffsführer Francesco Schettino vom Kurs abgewichen.

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Drei Tage nach dem Schiffsunglück vor der Küste der Toskana haben sich die Hinweise auf fahrlässiges Verhalten des inzwischen verhafteten Kapitäns der „Costa Concordia“ verdichtet. Auch die Reederei des 114.500 Tonnen schweren Kreuzfahrtschiffs ging von menschlichem Versagen aus: Costa Kreuzfahrten warf Kapitän Francesco Schettino am Montag vor, Bestimmungen des Unternehmens missachtet und damit die Havarie verursacht zu haben. Bis zum Morgen stieg die Zahl der Toten auf sechs, darunter waren nach den Erkenntnissen der Bundesregierung keine Deutschen. Die Suche nach zuletzt 16 Vermissten wurde auf unbestimmte Zeit unterbrochen, weil das auf einen Felsen aufgelaufene Schiff um mehrere Zentimeter abgerutscht war.

„Die Firma steht dem Kapitän bei und wird ihm alle notwendige Unterstützung gewähren. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen und können menschliches Versagen nicht bestreiten“, sagte Costa-Kreuzfahrten-Chef Pier Luigi Foschi in Genua. Schettino, der seit 2002 für die Reederei arbeitet und 2006 zum Kapitän ernannt wurde, habe die Bestimmungen des Unternehmens verletzt und das Unglück verursacht. Schettino habe mit dem Riesenschiff zu nahe vor der Küste gekreuzt. Das schwimmende Kleinstadt mit mehr als 4200 Menschen an Bord war am Freitagabend vor der Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und gekentert.

Bei der letzten Überprüfung der Technik und der Sicherheit des Schiffs im vergangenen Jahr habe es keine Beanstandungen gegeben, sagte Foschi. Die Routen der Schiffe des Unternehmens seien genau festgelegt, bei Abweichungen würden sofort Alarmsignale ertönen. Im Fall der „Costa Concordia“ sei diese Route korrekt programmiert gewesen. „Die Tatsache, dass sie von diesem Kurs abwich, ist einzig auf ein Manöver des Kapitäns zurückzuführen“, hieß es weiter. Die Kreuzfahrtgesellschaft habe von diesem nicht autorisierten Manöver keine Kenntnis gehabt.

„Die Route des Schiffs führte offenbar zu nahe an der Küste vorbei, wobei sich die Einschätzung des Kapitäns für einen Notfall nicht mit den von Costa vorgegebenen Standards deckte“, hieß es bereits in einer in der Nacht in deutscher Sprache verbreiteten Erklärung des Unternehmens.

Die Hauptsorge des Unternehmens sei nun die Sicherheit und das Wohlergehen der Passagiere und der Besatzung sowie sicherzustellen, dass kein Treibstoff aus dem Schiff in die Gewässer vor der toskanischen Insel Giglio auslaufe, sagte Foschi. Costa Crociere werde dem Kapitän mit juristischer Hilfe beistehen. Von dessen Verhalten distanziere sich das Unternehmen aber ausdrücklich.

Costa ist eine Tochter des Kreuzfahrtriesen Carnival Corporation & plc . Der Konzern wurde an der Londoner Börse massiv abgestraft. Das Papier fiel in der Spitze um knapp 29 Prozent auf ein Zweieinhalb-Jahrestief. Carnival geht davon aus, dass sein Ergebnis 2012 allein durch den Ausfall der „Costa Concordia“ um etwa 90 Millionen Dollar gemindert und das Schiff für den Rest des Jahres oder länger nicht einsatzbereit sein wird.

Bereits vor der Reederei hatten die italienischen Behörden schwere Vorwürfe gegen den Kapitän erhoben. „Nach meiner Einschätzung handelt es sich um schweres menschliches Versagen mit dramatischen und tragischen Folgen“, sagte Verteidigungsminister Giampaolo Di Paola, der selbst Admiral der italienischen Marine ist. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Kapitän Totschlag vor und beschuldigt ihn außerdem, das Schiff verlassen zu haben, als noch Passagiere an Bord waren. Nach Angaben der Küstenwache weigerte sich Schettino auf sein Schiff zurückzukehren. Schettino sagte zu seiner Verteidigung, die „Costa Concordia“ habe einen nicht in den Seekarten verzeichneten Felsen gerammt. Auch das Navigationssystem habe das Hindernis nicht erkannt.

Die Zahl der Toten des Schiffsunglücks vor der Küste der Toskana stieg derweil auf sechs. Die Leiche eines männlichen Passagiers wurde am Morgen im Wrack der „Costa Concordia„ entdeckt, wie offiziell mitgeteilt wurde. Der Verbleib mehrerer deutscher Passagiere ist noch ungeklärt, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.

So gelten auch zwei Passagiere aus Berlin als vermisst. Besorgte Angehörige hatten sich am Wochenende bei der Polizei gemeldet und eine Vermisstenanzeige aufgegeben, bestätigte Polizeisprecher Frank Millert Morgenpost Online. Nähere Angaben machte er nicht. Es handelt sich nach Informationen von Morgenpost Online um eine Frau (60) und einen Mann (66) aus Berlin-Adlershof. Sie leben dort seit etwa zwei Jahren in einem Einfamilienhaus. Beide sind nach Hüftoperationen gehbehindert. Sie sollen nach Angaben von Nachbarn bereits schon einmal eine große Kreuzfahrt nach Amerika unternommen haben.

Die Rettungsarbeiten an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffs sind am Montag vorübergehend teilweise eingestellt worden. Zuvor hatte sich das Schiff in unruhiger See einige Zentimeter bewegt. Zunehmend wird befürchtet, dass die rund zwei Millionen Liter Treibstoff an Bord auslaufen könnten, sollte das Schiff weiter abrutschen. Es habe sich wegen des Seegangs am Montag vertikal und horizontal um mehrere Zentimeter bewegt, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari. Die Suche nach den 16 noch vermissten Personen unter Wasser sei sofort unterbrochen worden.

Die Havarie der „Costa Concordia“ hat Kreuzfahrturlauber in Deutschland nicht zur massenhaften Stornierung ihrer Reisen bewogen. „Wir können noch keinen Buchungsrückgang aufgrund des Vorfalls verzeichnen“, sagte ein Sprecher des Deutschen Reiseverbands (DRV). Für konkrete Aussagen sei es zu früh – es könne noch Monate dauern, bis klar sei, welchen Einfluss das Schiffsunglück auf die Reisepläne der Bundesbürger habe. Kreuzfahrten sind eines der Boomsegmente der Reisebranche.