Haverie vor Italien

Erster Urlauber klagt gegen Reederei Costa

Ein Franzose, der den Untergang des Luxusliners "Costa Concordia" überlebt hat, will die Reederei verklagen. Die Kreuzfahrtgesellschaft macht menschliches Versagen für das Unglück verantwortlich.

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Ein französischer Überlebender der „Costa Concordia“ will Klage gegen die Reederei einreichen. „Was geschehen ist, hätten niemals passieren dürfen“, sagte Olivier Carrasco der Zeitung „Sud Ouest“ aus Bordeaux. „Wir waren völlig auf uns selbst gestellt, es gab eine völlige Desorganisation.“ Es habe auf dem Schiff eineinhalb Stunden gedauert, bis Alarm ausgelöst worden sei. „Niemand hat uns gesagt, dass wir in die Rettungsboote steigen sollen. Die Leuchte an meiner Rettungsweste funktionierte nicht.“ Eine Rettungsübung habe es nie gegeben.

Der Vorstandsvorsitzende der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere, Pier Luigi Foschi, hat menschliches Versagen für das Unglück verantwortlich gemacht. Bei der letzten Überprüfung des Schiffs im vergangenen Jahr habe es keine Beanstandungen gegeben, sagte Foschi am Montag.

Der Eigner des havarierten Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“, Carnival, ist an der Londoner Börse massiv abgestraft worden. Die Titel fielen am Montag in der Spitze um knapp 29 Prozent auf ein Zweieinhalb-Jahrestief. Dabei wechselten binnen der ersten Handelsstunde fast vier Mal so viele Aktien den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag. Die Titel notierten im Verlauf noch knapp 18 Prozent im Minus. Carnival bleibt nach eigenen Angaben auf einem Schaden von rund 85 bis 95 Millionen Dollar sitzen, allein schon weil das vor der italienischen Küste gesunkene Schiff voraussichtlich das ganze Jahr nicht einsetzbar sein wird.

Die Havarie der „Costa Concordia“ hat Kreuzfahrturlauber in Deutschland nicht zur massenhaften Stornierung ihrer Reisen bewogen. „Wir können noch keinen Buchungsrückgang aufgrund des Vorfalls verzeichnen“, sagte ein Sprecher des Deutschen Reiseverbands (DRV) am Montag. Für konkrete Aussagen sei es zu früh – es könne noch Monate dauern, bis klar sei, welchen Einfluss das Schiffsunglück vor der italienischen Küste auf die Reisepläne der Bundesbürger habe.

Schiffsurlaube sind eines der Boomsegmente der Reisebranche. Im Jahr 2010 verzeichneten die deutschen Anbieter allein bei Hochseekreuzfahrten ein Plus von 19 Prozent auf 1,2 Millionen Passagiere. Der Umsatz der deutschen Branche mit dem Urlaub auf hoher See wuchs 2010 um sieben Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro. Bei Flusskreuzfahrten stieg die Zahl der Urlauber um neun Prozent auf gut 430.000.

In dem gekenterten Kreuzfahrtschiff „Costa Condordia“ vor der toskanischen Küste haben Rettungskräfte in der Nacht zu Montag eine weitere Leiche gefunden. Feuerwehrsprecher Luca Cari sagte einem Radiosender, bei dem Opfer handele es sich um einen männlichen Passagier. Er sei in einem Korridor in dem Teil des Schiffes entdeckt worden, der noch über Wasser liege. Das Opfer habe eine Schwimmweste getragen. Damit stieg die Zahl der bei der Havarie Getöteten auf sechs. 16 Menschen wurden noch vermisst. An Bord waren rund 4200 Menschen, darunter 566 Deutsche.

Unter den Vermissten sind auch zwei Frauen aus Baden-Württemberg und ein Ehepaar aus Hessen. Polizeisprecher in Laupheim und Nürtingen bestätigten am Montag, dass Angehörige am Sonntag zwei Frauen aus dem Südwesten Deutschlands als vermisst gemeldet hätten. Eine 66-Jährige aus Laupheim und eine 71-Jährige aus dem Raum Nürtingen waren den Angaben zufolge als Kreuzfahrt-Teilnehmer auf der „Costa Concordia“ mit einer großen Reisegruppe unterwegs. Bisher hätten sich die beiden Frauen aber weder bei Mitgliedern der Gruppe noch bei Angehörigen gemeldet.

Zu dem vermissten Ehepaar aus Hessen sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Offenbach am Montag, dass eine Frau ihre aus Mühlheim am Main stammenden Eltern als vermisst gemeldet habe. Das Ehepaar im Alter von 71 und 72 Jahren war als Teilnehmer der Kreuzfahrt der „Costa Concordia“ registriert.

Die Polizeidienststellen in Laupheim, Nürtingen und Offenbach stehen mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt. Es würden im Austausch mit den italienischen Behörden alle nötigen ermittlungstaktischen Schritte unternommen. Auch mit dem Auswärtigen Amt, der deutschen Botschaft in Rom und dem Bundeskriminalamt stehe die Polizei in Kontakt.

Der Untergang des Kreuzfahrtschiffs kostet die Konzernmuttergesellschaft Carnival bis zu 95 Millionen US-Dollar (rund 75 Millionen Euro) Umsatzausfall allein im laufenden Jahr. Das havarierte Schiff werde „mindestens bis zum Ende des Geschäftsjahres“ am 30. November außer Betrieb sein, wenn nicht länger, erklärte der größte Kreuzfahrtkonzern der Welt am Montag in Miami in den USA.

Carnival ist die Muttergesellschaft der italienischen Gesellschaft Costa Cruises, die die „Costa Concordia“ betreibt. Laut Mitteilung ist das Schiff versichert, Carnival müsse eine Selbstbeteiligung von 30 Millionen Dollar für Sachschäden tragen.