Schiffshavarie

Kapitän der "Costa Concordia" unter Druck

Der Kapitän soll zu früh das Schiff verlassen haben. Auch ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen seines Kurses. Inzwischen wurden zwei weitere Tote geborgen.

Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" vor der toskanischen Küste gerät der Kapitän immer mehr unter Druck. Er steht im Zentrum der Ermittlungen der italienischen Behörden. Am Sonntag erhärteten sich die Vorwürfe gegen ihn, vorzeitig das sinkende Schiff verlassen zu haben, weiter. Die "Costa Concordia" mit rund 4200 Menschen an Bord – darunter hunderte Deutsche – war Freitagnacht vor der toskanischen Küste auf Felsen gestoßen und auf die Seite gekippt . Fünf Tote wurden bis Sonntag geborgen, 15 Menschen wurden noch vermisst.

Ein Vertreter der italienischen Küstenwache sagte, Kapitän Francesco Schettino sei bereits zu einem Zeitpunkt an Land gesehen worden, als die Evakuierungsaktion noch in vollem Gange gewesen sei. Die Küstenwache habe ihn aufgefordert, seiner Pflicht nachzukommen und zu dem sinkenden Schiff zurückzukehren, sagte Francesco Paolillo. Der Kapitän habe dies aber ignoriert.

In einem Interview hatte sich Schettino am Sonntag gegen Vorwürfe gewehrt, er habe das Schiff bereits verlassen, als sich noch Passagiere an Bord befunden hätten. "Wir waren die letzten, die das Schiff verlassen haben", sagte er. Passagiere hatten dem bereits widersprochen. Schettino erklärte, das Schiff sei auf Felsen aufgelaufen, die in seinen Seekarten nicht verzeichnet gewesen seien. "Wir navigierten etwa 300 Meter von den Felsen entfernt", sagte der Kapitän der Sendergruppe Mediaset. "Ein solcher Felsen hätte dort gar nicht sein sollen."

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen. Der italienischen Nachrichtenagentur ANSA sagte Staatsanwalt Francesco Verusio, der Kapitän habe eine Route gewählt, die zu nah an der Küste verlaufen sei. Das bestätigten Augenzeugen auf der Insel Giglio. Sie erklärten, sie hätten das Schiff noch nie so nah an der Küste gesehen.

Die Betreibergesellschaft Costa Crociere mit Sitz in Genua räumte am Sonntagabend ein, es habe den Anschein, dass der Kapitän fehlerhafte Entscheidungen getroffen habe. Er sei anscheinend zu nahe an die Küste gefahren und von den vorgegebenen Evakuierungsprozeduren abgewichen, hieß es laut Medienberichten in einer Erklärung des Unternehmens. Costa äußerte „sein tiefstes Bedauern über diesen schrecklichen Unfall“.

Die Zahl der Todesopfer stieg auf fünf

Eine Erklärung dafür könnte ein Briefwechsel liefern, den die italienische Zeitung "La Repubblica" veröffentlicht hat. Darin bedankt sich der Bürgermeister von Giglio für das publikumswirksame Schauspiel, das sich den Touristen biete, wenn Kreuzfahrtschiffe der Reederei Costa Crociera, zu der auch die "Costa Concordia" gehört, sehr nah an am Hafen der Insel vorbeiführen. Dies sei bereits eine "Tradition geworden, die wir nicht mehr missen wollen", schreibt Bürgermeister Ortellis.

Taucher der Küstenwache fanden am Sonntag in dem Kreuzfahrtschiff zwei weitere tote Passagiere. Damit stieg die Zahl der bestätigten Todesopfer auf fünf, nachdem kurz nach dem Unglück bereits drei Leichen geborgen worden waren. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es noch deutsche Todesopfer gebe, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Eine Frau aus dem hessischen Dreieich meldete sich. Ihre Eltern seien auf dem gekenterten Schiff gewesen und hätten sich bislang nicht gemeldet. Auch zwei Frauen aus Baden-Württemberg werden noch vermisst.

Über die Nationalität der beiden am Sonntag gefundenen Toten wurde zunächst nichts bekannt. Die Behörden teilten lediglich mit, die Leichen von zwei in Rettungswesten gekleideten älteren Menschen seien an einem Treffpunkt für die Evakuierungsaktion nahe dem Schiffsrestaurant entdeckt worden. Drei Menschen wurden am Samstag und Sonntag lebend aus dem Wrack gerettet: ein frisch verheiratetes Ehepaar aus Südkorea und ein italienisches Besatzungsmitglied.

Frankreich bestätigte unterdessen, dass zwei der Toten französische Staatsbürger waren. Ein peruanischer Diplomat identifizierte ein drittes Todesopfer als ein 49-jähriges, peruanisches Crewmitglied. Mehr als 30 Personen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Taucher hätten inzwischen auch die sogenannte "Black Box" des Schiffs geborgen, sagte ein Sprecher der Küstenwache dem italienischen Fernsehsender Sky Italia. Die darauf aufgezeichneten Navigationsinformationen sollen Antworten auf einige der offenen Fragen liefern.

Szenen wie auf der "Titanic" sollen sich nach der Havarie auf der "Costa Concordia" abgespielt haben. Viele der Passagiere beklagten, dass die Besatzung ihnen keine ausreichenden Anweisungen zur Evakuierung des Schiffs gegeben habe. Außerdem werfen sie der Crew vor, die Aussetzung der Rettungsboote so lange verzögert zu haben, bis sie wegen der Schräglage des Schiffs nicht mehr ausgebracht werden konnten. Mehrere Passagiere sagten, Besatzungsmitglieder hätten die Passagiere 45 Minuten lang beschwichtigt, der Lichtausfall sei durch ein einfaches technisches Problem verursacht worden.

Die meisten Deutschen sind wieder zuhause

Weiter berichteten Passagiere, dass seit dem Beginn der Kreuzfahrt am 7. Januar bis zu dem Unglück keine Evakuierungsübung abgehalten worden sei. Für Samstag war eine solche Übung geplant.

Insgesamt waren unter den 4.200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern aus mehr als 60 Ländern an Bord der "Costa Concordia" 566 Deutsche. Die meisten von ihnen seien bereits am Samstag mit Flugzeugen oder Bussen wieder nach Hause gebracht worden, sagte der Sprecher des Veranstalters Costa Kreuzfahrten, Werner Claasen, am Sonntag.