Schiffsunglück

Der Fels, der dort nicht hätte sein dürfen

Die Ermittlungen zur Havarie der "Costa Concordia" mit inzwischen fünf Toten zielen auf den Kapitän. Hat er falsch navigiert? Hat er das Schiff zu früh verlassen?

Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ vor der toskanischen Küste konzentrieren sich die Ermittlungen der italienischen Behörden auf den Kapitän. Am Sonntag Nachmittag fanden Taucher zwei Leichen im Schiffsrumpf. damit erhöhte sich die Zahl der Toten auf fünf.

Francesco Schettino wehrte sich am Sonntag in einem Interview gegen Vorwürfe, er habe das Schiff bereits verlassen, als sich noch Passagiere an Bord befunden hätten. Er erklärte, das Schiff sei auf Felsen aufgelaufen, die in seinen Seekarten nicht verzeichnet gewesen seien.

„Wir navigierten etwa 300 Meter von den Felsen entfernt“, sagte Kapitän Schettino der Sendergruppe Mediaset. „Ein solcher Felsen hätte dort gar nicht sein sollen.“

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen. Diesen Vorwurf wies Schettino zurück. „Wir waren die letzten, die das Schiff verlassen haben“, sagte er.

Augenzeugen widersprechen Angaben des Kapitäns

Das war allerdings nicht der Fall. Die Rettungskräfte bargen am Samstagabend und am Sonntag drei Menschen aus dem Wrack und suchten nach weiteren 17 Vermissten. Ein französisches Paar, das in Marseille an Bord der „Costa Concordia“ gegangen war, sagte der Nachrichtenagentur AP, es habe den Kapitän in einem Rettungsboot gesehen – lange bevor alle Passagiere von Bord gewesen seien.


Der italienischen Nachrichtenagentur ANSA sagte Staatsanwalt Francesco Verusio, der Kapitän habe eine Route gewählt, die zu nah an der Küste verlaufen sei. Das bestätigten Augenzeugen auf der Insel Giglio.

Sie erklärten, sie hätten das Schiff noch nie so nah an der Küste gesehen. Der 54-jährige Fährmann Italo Arienti sagte, ein inzwischen pensionierter Kapitän der „Costa Concordia“ habe sich gelegentlich der Küste genähert und die Sirenen ertönen lassen, als Gruß an seine Heimatstadt. Das Schiff sei dabei aber immer fünf bis sechs Seemeilen vor den Riffs geblieben.

Das Kreuzfahrtschiff war Freitagnacht mit mehr als 4200 Menschen an Bord auf Grund gelaufen und auf die Seite gekippt. Drei Todesopfer wurden bisher bestätigt. Drei Menschen wurden mehr als 24 Stunden nach dem Unglück leben gerettet: ein frisch vermähltes Ehepaar aus Südkorea und ein italienisches Besatzungsmitglied, das am Sonntagnachmittag per Hubschrauber in Sicherheit gebracht wurde.

Suche nach 17 Vermissten

Die italienischen Behörden korrigierten die Zahl der Vermissten am Sonntag von 40 auf 17. Der Verbleib von sechs Besatzungsmitgliedern und elf Passagieren sei ungeklärt, sagte der toskanische Regionalpräsident Enrico Rossi. Taucher der Polizei und weitere Rettungskräfte waren am Sonntag weiter auf der Suche nach Überlebenden. Die Taucher sollten ins Innere des Schiffs vordringen für den Fall, dass dort noch Menschen eingeschlossen sind, teilte die Küstenwache mit.

Taucher hätten inzwischen auch die sogenannte „Black Box“ des Schiffs geborgen, sagte ein Sprecher der Küstenwache dem italienischen Fernsehsender Sky Italia. Die darauf aufgezeichneten Navigationsinformationen sollen Antworten auf einige der offenen Fragen liefern.

Szenen wie auf der „Titanic“ sollen sich nach der Havarie auf der „Costa Concordia“ abgespielt haben. Viele der über 3.000 Passagiere beklagten, dass die Besatzung ihnen keine ausreichenden Anweisungen zur Evakuierung des Schiffs gegeben habe.

Außerdem werfen sie der Crew vor, die Aussetzung der Rettungsboote so lange verzögert zu haben, bis sie wegen der Schräglage des Schiffs nicht mehr ausgebracht werden konnten. Mehrere Passagiere sagten, Besatzungsmitglieder hätten den Passagieren 45 Minuten lang erzählt, der Lichtausfall sei durch ein einfaches technisches Problem verursacht worden.

Keine Katastrophenübung

Weiter berichteten die Passagiere, dass seit dem Beginn der Kreuzfahrt am 7. Januar bis zu dem Unglück keine Evakuierungsübung abgehalten worden sei. Für Samstag war eine solche Übung geplant.

Frankreich bestätigte unterdessen, dass zwei der Toten französische Staatsbürger waren. Ein peruanischer Diplomat identifizierte das dritte Todesopfer als ein 49-jähriges, peruanisches Crewmitglied. Mehr als 30 Personen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Zehn der Verletzten waren nach Angaben des Auswärtigen Amts Deutsche. Sie seien in Krankenhäusern behandelt, mittlerweile aber schon wieder entlassen worden. Insgesamt waren unter den 4.200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern aus mehr als 60 Ländern an Bord der „Costa Concordia“ 566 Deutsche. Die meisten von ihnen seien bereits am Samstag mit Flugzeugen oder Bussen wieder nach Hause gebracht worden, sagte der Sprecher des Veranstalters Costa Kreuzfahrten, Werner Claasen.

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