Tote und Vermisste

Wie die "Costa Concordia" unterging

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Andrea Affaticati

Foto: AFP

Es sollte eine einwöchige Mittelmeerkreuzfahrt werden, doch kurz nach dem Start lief die "Costa Concordia" mit mehr als 4200 Menschen vor Italiens Küste auf Grund. Zwei Passagiere und ein Crew-Mitglied sterben, Dutzende Menschen werden noch vermisst.

Die Frau mittleren Alters ist fest in eine wärmende Decke gehüllt. „Heute Nacht haben wir dem Tod in die Augen gesehen“, sagt sie zitternd. „Wir können nur Gott danken“, sagt ein anderer verstörter Italiener, „dass wir hier stehen und den Horror, den wir erlebt haben, überhaupt schildern können.“ Es ist Samstagmittag in Porto Santo Stefano, einem im Sommer sehr beliebten Urlaubsort an der toskanischen Küste. Die Sonne scheint, das Klima ist mild, doch überall sieht man noch immer Menschen in Abendkleidung mit dicken Militärdecken auf den Schultern herumlaufen. Hier sind alle bis jetzt geretteten Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ untergebracht, das am Freitagabend vor der Insel Giglio auf Grund gelaufen ist.

Um 21.30 Uhr ging durch die „Costa Concordia“ ein heftiger Ruck; das Schiff berührte Felsen. Gleich danach begann das Schiff mit 4234 Personen an Bord – Passagiere und Besatzung – Schlagseite zu bekommen. Bis Samstagabend wurden 4165 Menschen geborgen. Drei Tote wurden bestätigt, zwei französische Passagiere und ein peruanisches Besatzungsmitglied. 14 Verletzte zählte man. Insgesamt 69 Personen wurden noch vermisst – die Chancen auf eine Rettung verringerten sich minütlich. Taucher suchten im Schiffsinnern. Auf dem Schiff waren auch 566 Deutsche; sie sollten noch am Samstagabend von Rom aus nach München geflogen werden.

Es sollte eine einwöchige Kreuzfahrt durch das Mittelmeer werden. Freitag um 19 Uhr war das Schiff in Civitavecchia, Latium, vor Anker gegangen. Die Fahrt unter dem Motto „Duft der Zitrusfrüchte“ sollte über Savona, Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca und Cagliari nach Palermo führen.

Hilferufe der Passagiere

Das Licht fiel aus, das Bordpersonal versuchte, die Passagiere zu beruhigen. Ein Passagier sagte: „Man teilte uns mit, es handele sich nur um einen banalen Stromausfall. Doch uns war sofort klar, dass etwas weit Schlimmeres passiert ist. Warum sollten wegen eines banalen Blackouts Teller und Gläser zu Boden fallen?“ Menschen sprangen in Panik über Bord. Ein 70-Jähriger erlitt in dem kalten Wasser einen Herzinfarkt und starb. Weitere 15 Minuten vergingen, bevor vom Schiff die Havarie den zuständigen Hafenbehörden gemeldet und um Hilfe gebeten wurde. Unterdessen wurden die Rettungsboote ins Wasser geleitet, Rettungswesten ausgeteilt, doch Angst und Panik verbreiteten sich. Ein Bewohner von der Insel sagt, man hätte die Hilferufe der Passagiere bis ans Land gehört.

Auf der „Costa Concordia“ fuhren auch Kinder, Senioren und schwangere Frauen. Die Schauspielerin Francesca Rettondini sagte: „Ich war wie erstarrt, wir haben uns alle wie eine Schafherde zum Ausgang gedrängt. Je mehr sich das Schiff neigte, desto stärker versuchten wir uns mit den Füßen gegen die Neigung zu stemmen, was ja keinen Sinn ergab. Aber wir waren in Panik.“ Eine grausame Pointe: Rettondini hatte vor einigen Jahren eine Rolle im Horror-Film „Ghost Ship“.

Nach der Havarie waren Hunderte Retter im Einsatz, um die Passagiere in Sicherheit zu bringen. Die Bewohner von der Insel haben den Gestrandeten ihre Häuser zur Verfügung gestellt, der Pfarrer die Kirche. Schon nach wenigen Stunden hatte sich das Schiff um 80 Grad geneigt, auf der linken Seite klaffte ein Riss von gut 70 Metern. Man befürchtete auch enorme Schäden für die Umwelt: „Und die haben uns weismachen wollen, dass sie alles unter Kontrolle hatten!“, erzählte ein wütender Passagier in Porto Santo Stefano. „Gar nichts hatten sie unter Kontrolle, die konnten nicht einmal richtig die Rettungsboote ins Wasser lassen. Ein paar sind einfach runtergefallen.“ Ein anderer Passagier berichtete, die Crew sei in Panik verfallen, man habe sich Schwimmwesten selbst besorgen müssen.

Harte Kritik an der Crew

Die schnelle Neigung des Schiffes erschwerte die Evakuierungsarbeiten enorm. Es ist nicht sicher, ob es wirklich allen Passagieren gelungen war, das Schiff zu verlassen. Man befürchtet, einige könnten in den Kabinen gefangen geblieben sein. Personal- und Passagierlisten werden nun nachrecherchiert.

Die Staatsanwaltschaft leitete sofort Ermittlungen ein. Denn, so fragen sich nun viele, wie konnte es geschehen, dass ein Kreuzfahrtschiff, das einen minimalen Abstand von fünf Seemeilen von der Küste halten muss, knapp eine Seemeile vor der Insel Giglio gekentert ist? Noch dazu in einer Meerespassage, die wegen ihrer vielen Sandbänke und Felsen gefürchtet ist? Luca Martinelli, ein erfahrener Yacht-Kommandant, sagte dazu: „Die Technik ist bei solchen Kreuzfahrtschiffen auf dem letzten Stand, damit kann man die Meerestiefe bis auf den Zentimeter ausmessen.“ Kapitän Francesco Schettino erklärte im Fernsehen: „Wir sind entlang der Küste gefahren, auf einem für Touristenschiffe zugelassenen Kurs, als das Schiff auf einer Seite auf einen Felsen aufprallte, der auf den Seekarten nicht eingezeichnet war. Theoretisch hätte dieser Felsen dort nicht sein dürfen.“

Das Schiff wurde 2006 gebaut, hatte schon 2008 einen Unfall, als bei der Einfahrt in den Hafen von Palermo in schwerem Sturm die Hafenbefestigung gerammt wurde. Diesmal ist es ein Felsen gewesen. Eine Augenzeugin verteidigte den Kapitän. „Hätte er nicht im letzten Moment das Schiff in Richtung Insel gedreht, wären die Rettungsaktionen noch schwieriger gewesen.“

Die deutsche Niederlassung des Reiseanbieters Costa Crociere erklärte, sie habe keine Informationen über Komplikationen bei der Rettungsaktion. „Nach unserem Kenntnisstand ist die Aktion sehr koordiniert abgelaufen“, sagte Sprecher Werner Claasen. Die Passagierin Ilaria aus Rom hat ganz andere Erinnerungen: „Was ich sicher nicht so schnell vergessen werde, waren vor allem die Stimmen der Mütter, die verzweifelt nach ihren Kindern riefen.“

Ozeanriese Die „Costa Concordia“

Das Schiff gehört zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen. Es wurde 2006 in Italien gebaut und bietet in 1500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere. Der Kreuzfahrer misst eine Länge von 290 Metern und ist gut 35 Meter breit. Er schafft eine maximale Geschwindigkeit von 23 Knoten (rund 43 Stundenkilometer). 1100 Besatzungsmitglieder kümmern sich um die Gäste. An Bord befinden sich auf 17 Decks fünf Restaurants, 13 Bars, ein dreistöckiges Theater, ein Kino sowie Clubs und Diskotheken.