Schiffsunglück vor Italien

Panik und Chaos bei Kreuzfahrt-Katastrophe

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Foto: AFP

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" ist mit mehr als 4000 Menschen an Bord vor der Küste der Toskana auf Grund gelaufen und in Schlagseite geraten. Viele Menschen sprangen in Panik ins Meer. Mindestens drei Menschen starben.

Bei einem schweren Schiffsunglück vor der toskanischen Küste sind in der Nacht zum Samstag mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. 14 Menschen an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ wurden nach einer vorläufigen Bilanz der Behörden verletzt, als das Kreuzfahrtschiff nahe der Insel Giglio vor der italienischen Westküste auf Grund lief. Bei Tagesanbruch suchten Rettungsmannschaften in dem Schiff und auf dem Meer noch nach Vermissten, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Passagiere sagten in mehreren Interviews, an Bord sei Panik ausgebrochen, die Rettung sei viel zu spät eingeleitet worden und chaotisch gewesen.

An Bord befanden sich nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft auch 500 deutsche Passagiere. Das Auswärtige Amt (AA) in Berlin teilte mit, es habe keine Hinweise auf deutsche Opfer. Ein Krisenstab sei eingerichtet worden. Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden erst zur Insel gebracht und dann auf das Festland nach Porto Santo Stefano. Sie werden in Unterkünften vor allem in der Toskana betreut.

Die meisten der 4229 Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden mit Rettungsbooten in Sicherheit gebracht. Die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere nannte den Unfall ihres Schiffes eine bestürzende Tragödie und sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. In der linken Seite der „Costa Concordia“ klafft ein gut 70 Meter langer Riss, Fernsehbilder zeigen, dass das unmittelbar vor der Küste der Insel liegende Schiff schwere Schlagseite hat. Es habe offensichtlich einen Felsen geschrammt, sagte ein Augenzeuge.

Der Unglücksort befindet sich nur wenige hundert Meter vor dem Hafen der Insel. Am Samstagvormittag wurde vor allem noch in dem unter Wasser liegenden Teil des havarierten Kreuzfahrtschiffes nach Menschen gesucht. Auch mehrere Hubschrauber wurden eingesetzt.

Als das Schiff Schlagseite bekam, seien einige Passagiere in Panik geraten und über Bord gesprungen, sagte der Präfekt der Region Grosseto, Giuseppe Linardi. Es könne noch Vermisste geben. Die zunehmende Neigung des Schiffes habe die Evakuierung sehr erschwert, so die Kreuzfahrtgesellschaft. Sie sagte volle Kooperation mit den Behörden zu, um die Ursachen des Unfalls zu klären. Nach einer Reihe von Klagen von Passagieren, wonach die Besatzung nicht richtig ausgebildet für Rettungsaktionen gewirkt habe, ordnete das zuständige Hafenamt von Livorno eine Untersuchung zur Ursache des Unglücks sowie zum Umgang der Crew mit den Rettungsbooten und Schwimmwesten an.

Das knapp 300 Meter lange Schiff war am Freitag von Civitavecchia aus zu einer Mittelmeerkreuzfahrt aufgebrochen. Einige Stunden später meldete die Crew der Hafenbehörde technische Probleme. Das Schiff wurde nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft 2006 gebaut und bietet in 1500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere, um die sich 1100 Besatzungsmitglieder kümmern.

Es ist nicht der erste Zwischenfall mit der „Costa Concordia“. 2008 hatte das Schiff bei der Einfahrt in den Hafen von Palermo in schwerem Sturm die Hafenbefestigung gerammt und war beschädigt worden.

"So ähnlich wie im Film 'Titanic'"

Es war allerdings die erste Kreuzfahrt des „Pommes-Barons“ aus Oer-Erkenschwick in Nordrhein-Westfalen - „und sicherlich auch die letzte“. Imbiss-Betreiber Peter Honvehlmann ist noch hörbar aufgewühlt, als er nach seiner Rettung von Bord der verunglückten „Costa Concordia“ telefoniert. Unversehrt war der 38-jährige Geschäftsmann zusammen mit seiner Frau gleich zu Beginn der Evakuierung von Bord gebracht worden.

„Wir sind jetzt gerade im Hafenbereich von der Insel Giglio. Wir sind vorhin auf Grund gelaufen mit der „Costa Concordia„“, berichtete er. „Es ging ein Ruck durch das Schiff“, sagte Honvehlmann, als die „Costa Concordia“ gegen 22.00 Uhr auf Grund lief. „Innerhalb kürzester Zeit bekam es eine Schräglage, so dass die Vasen von den Tischen fielen, von den Tresen fiel alles runter, (...) einige Leute stolperten von den Treppen runter. Ohne Quatsch – so ähnlich wie im Film „Titanic“, man hat es nicht geglaubt.“

„Als das Schiff die erste Schräglage kriegte, sind einige Leute umgefallen, die sind sicherlich verletzt“, vermutete Honvehlmann. Es seien viele ältere Passagiere an Bord gewesen. „Der ein oder andere wird sicher Panik gehabt haben.“ Er habe aber nicht gesehen, dass jemand von Bord gesprungen sei.

„Dann bin ich mit meiner Frau aufs Zimmer gegangen. Wir haben uns erstmal wärmere Sachen angezogen, das Nötigste genommen und dann Rettungsweste an und erstmal nach oben, mal schauen, was ist da los.“ Zunächst seien die Passagiere von einem technischen Defekt unterrichtet worden, sagte Honvehlmann. Die Mannschaft habe versucht, die Leute zu beruhigen. „Dann trieb das Schiff immer mehr auf die Küste zu.“

Die Lage sei anfangs chaotisch gewesen. „Das Schiff hat natürlich Schlagseite gehabt zur Beifahrerseite, sag' ich jetzt mal. Und die Leute standen auf der Fahrerseite und wollten in die Rettungsboote rein. Da sag' ich zu meiner Frau, lass uns mal auf die andere Seite gehen, da kommen die Rettungsboote wenigstens ins Wasser und werden nicht aufs Deck gedrückt. Und genauso war es dann auch. Und so sind wir als einige der ersten von Bord gekommen.“

In den Booten hätten die Leute relativ ruhig gesessen. „Dann knarrte und knallte es überall. Nach einigen Minuten sind wir dann abgeseilt worden.“ Innerhalb von fünf Minuten sei das Boot dann im nahe gelegenen Hafen gewesen.

„Das war die erste Kreuzfahrt in meinem Leben und sicherlich auch die letzte, sowas geht ja gar nicht. Da rechnet ja nun kein Mensch mit.“

Honvehlmann berichtete auch von der Unterstützung, die den Menschen nach der Rettung im Hafen zuteil wurde. „Leute von hier haben uns Decken gegeben, was zu trinken und einen Jogginganzug, dass es nicht so kalt ist. Das ist schon mal sehr gut.“

Nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere waren unter den mehr als 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord der „Costa Concordia“ etwa 500 Deutsche.

Evakuierte in Kirche untergebracht

Nach dem Schiffsunglück sind die ersten Überlebenden in der Nacht zum Samstag in der Kirche der Inselgemeinde untergekommen. Der Pfarrer hatte das Gotteshaus nach italienischen Medienberichten für die Hilfsaktion geöffnet, nachdem das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ mit 4.200 Touristen an Bord am Freitagabend vor der toskanischen Küste auf Grund gelaufen war.

( dpa/KNA/nbo )