Suche erfolglos abgebrochen

Brandenburger Mädchen unter Kreidefels begraben

Die Suche nach der verschütteten Zehnjährigen an der Steilküste von Rügen wurde abgebrochen. Sie soll aber wieder aufgenommen werden, wenn die steigende Flut Teile des Strandes freigibt.

Verzweifelt wühlen sich am Dienstag am schmalen Strand von Kap Arkona auf Rügen Feuerwehrwehrleute durch den zwei Meter mächtigen Kreidemergel. Immer wieder klettern Spezialisten mit acht Leichenhunden über den riesigen Geröllberg, der sich am Tag zuvor nach stundenlangem Regen aus dem Kreidemassiv gelöst hatte. Doch die Suche nach einem zehnjährigen Mädchen, das genau zu dieser Zeit mit seiner Mutter und seiner Schwester unterhalb des Steilküstenhangs spazieren ging und offenbar von dem mächtigen Küstenabbruch verschüttet wurde, wird immer aussichtsloser. Bei Windstärke 9 hält sich auch der mit Wärmebildkameras ausgestattet Polizeihubschrauber kaum noch in der Luft. Gegen Mittag bricht die Einsatzleitung nach 20-stündiger Suche die Rettungsaktion ab.

„Die Entscheidung fiel uns nicht leicht“, sagt Lothar Großklaus, Vize-Landrat von Vorpommern-Rügen. Doch die Aktion mache nur noch wenig Sinn und sei inzwischen zu gefährlich für die Einsatzkräfte. Am Kliff hätten sich zwei neue Risse aufgetan, und bei dem einsetzenden Sturmregen drohten die Männer am Hangfuß verschüttet zu werden. Für das aus Perleberg stammende Mädchen bestehe keine Hoffnung mehr auf ein Überleben. „Das Gebiet bleibt weiträumig abgesperrt“, sagt Großklaus. „Sollten sich neue Anzeichen ergeben, etwa wenn die steigende Flut allmählich wieder Teile des Strandes freigibt, dann nehmen wir die Suche wieder auf.“

Graben im betonharten Kreidefels

Die ganze Nacht lang hatten 160 Rettungskräfte am Strand und im Wasser vor dem Kap nach dem vermissten Mädchen gesucht. Im Licht des alten Schinkelleuchtturms und notdürftig aufgebauter Suchscheinwerfer stemmten die Helfer vor Anstrengung keuchend ihre Spaten und Schaufeln in den harten Kreidemergel. Doch selbst ein hinzugezogenes Amphibienfahrzeug mit einer Baggerschaufel war ohnmächtig gegen die betonharten Kreideschollen.

Steven Anhut hatte am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertages gerade mit der Familie daheim bei Kaffee und Erdbeertorte gesessen, als plötzlich gegen 15.40 Uhr sein Alarmpieper zum Einsatz rief. Keine zwölf Minuten später war er zusammen mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Putgarten am Strand unterhalb der alten Nebelstation am Gellort. „Wir trauten unseren Augen kaum“, sagt der 38-Jährige. Aus der Steilwand hatte sich eine riesige Kreidescholle gelöst. Auf einem Uferfelsen saß eine zitternde, schwer verletzte Frau, neben ihr im Wasser weinte ein unter Schock stehendes 14-jähriges Mädchen. Mit einer Trage hievten die Helfer die beiden offenbar ins Meer geschleuderten Opfer über die 230 Stufen zählende Steilküsten hinauf zum Rettungswagen. Zur gleichen Zeit staksten Feuerwehrleute brusthoch im eiskalten Ostseewasser und stocherten mit Stangen nach der Zehnjährigen.

Es sei der erste Küstenabbruch an dieser Stelle, sagt Putgartens Bürgermeister Ernst Heinemann (Bündnis für Rügen). „Aber irgendwann musste das ja so kommen!“ Erst vor zwei Jahren habe die Gemeinde den Wanderweg oberhalb des Küstenhangs um zehn Meter landeinwärts zurückbauen und am Strand vorsichtshalber Warnschilder aufstellen lassen. Man war gewarnt. Erst drei Jahre zuvor hatte sich nur ein paar Hundert Meter entfernt ein Küstenabschnitt am Wall vor Arkonas berühmter slawischer Tempelburg gelöst. Dieses Mal stürzten nach tagelangen Regenfällen etwa 2000 bis 5000Kubikmeter Kreideschollen und Mergel in die Tiefe, schätzt Heinemann. Eine vierköpfige Familie habe gesehen, wie die vor ihr laufende Frau und ihre beiden Mädchen von den Erdmassen erwischt wurden. Ein Mädchen sei daraufhin sofort die Treppe hinauf gerannt und habe die Mitarbeiter eines Künstlerhauses um Hilfe gerufen, die die Überlebenden aus dem Wasser holten.

Touristen ignorieren Warnungen

Sofort danach wurde Alarm ausgelöst. „Ich habe meine Feuerwehr-Jungs noch nie so schnell am Einsatzort gesehen“, sagt Heinemann. Helfer von Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes (THW) und sogar Einsatzboote der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) eilten an den Katastrophenort. Iris Möbius, Imbissbesitzerin am Kap, öffnete kurzerhand noch einmal ihren Laden und versorgte die Rettungskräfte mit Heißgetränken und Buletten.

Am Morgen danach beschloss der kurzfristig einberufene Gemeinderat, das traditionelle Höhenfeuerwerk am Kap zum Silvesterabend dieses Mal abzusagen. Man könne so kurz nach diesem Unglück nicht einfach zum ausgelassenen Feiern übergehen, sagt ein nachdenklicher Bürgermeister. „Wir müssen vielleicht ein anderes Verhältnis zur Natur gewinnen. Dazu gehört, dass die Steilküste eben nicht mehr zu jeder Jahreszeit betreten werden kann.“ Verbieten konnte die Gemeinde das Betreten der Wege bislang nicht: „Wir leben in einem freien Land“, sagt Heinemann. Die Gemeinde könne lediglich auf die Gefahren hinweisen. Aber viele Touristen nähmen die Warnungen nicht ernst.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) hält eine Sperrung der Strände als Schutz vor Kreideabbrüchen für nicht umsetzbar. Schon rein technisch sei das unmöglich; bauliche Absperrungen würden den Naturgewalten kaum standhalten. Es müsste Tag und Nacht Personal an den Sperren postiert werden, sagte der Minister. „Aber auch dann gibt es keine Garantie.“